27. Mai 2019

Am hellichten Tag

Bänz Friedli (54) liess sich beim Stehlen helfen. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Schloss geknackt: das zurückgestohlene Fahrrad
Schloss geknackt: Der Autor holt sich sein gestohlenes Fahrrad zurück.

Fehlte nur noch, dass sie mit Blaulicht angebraust gekommen wären, Siegenthaler und Blunschi, meine Freunde und Helfer. Aber der Reihe nach. Ein Bild-WhatsApp meiner Liebsten: «Ist das nicht dein gestohlenes Velo?» Es war. Unverkennbar. Denn ich hatte das kurze Metallrohr ersetzen lassen, an dem der Lenker befestigt ist. An der unterschiedlichen Farbe sah man, dass es kein Originalersatzteil war. Irrtum also ausgeschlossen: Mein Fahrrad, vor einigen Jahren im Quartier gestohlen, stand auf einem Veloabstellplatz mitten in der Stadt. Ich nichts wie hin, mit meinem übernächsten Velo (inzwischen war mir noch eines entwendet worden).

Und wirklich, ich fand es vor, neben Dutzenden anderen in einem riesigen Abstellrechen, gesichert mit einem monströsen Metallschloss – Rückklau unmöglich. Und was mache ich? Wähle den Polizeiruf. Eigentlich nur, um zu fragen, was zu tun sei, aber die schicken gleich eine Streife, und schon nach Minuten fahren sie vor, hier, mitten auf Zürichs meistbefahrener Brücke: Wachtmeister Blunschi und der Gefreite Siegenthaler. Blunschi kontrolliert die Rahmennummer, und Siegenthaler, der so klingt, wie er heisst, nämlich zutiefst emmentalisch, freut sich, «i däm Züri usse so schöns Bärndütsch z ghöre wi öies», also meines, und verbrüdert sich auf Anhieb.

Blunschi gibt zu bedenken, falls ich damals von der Versicherung eine Zahlung erhalten habe, sei dies theoretisch gar nicht mehr mein Velo – es wieder an mich zu nehmen demnach Diebstahl. Nein, versichere ich, kein Geld erhalten. Also machen die beiden Gesetzeshüter sich daran, das Schloss zu knacken. Weil sich ihr Werkzeug jedoch als zu schwach erweist, fährt Blunschi auf die Wache zurück. Siegenthaler bleibt, wir kommen ins Plaudern. Mir ist es längst nicht mehr geheuer, ich stammle Dankesworte. «Das mache mir doch gärn», sagt der Gefreite. Wenn sie schon mal jemandem eine Freude machen könnten! «Wissen Sie», hebt er an, «häusliche Gewalt, nachbarlicher Streit, Ladendiebstahl … Den ganzen Tag über haben wir es mit Unerfreulichem zu tun.»

Wachtmeister Blunschi kehrt mit einer Schneidezange zurück, wie ich sie nie gesehen habe: mit Griffen, die einen Meter lang sind. Schaulustige verfolgen verwundert, wie die Polizei nun ein Veloschloss knackt. Mit vereinten Kräften gelingt es. «Und jetzt?», frage ich leicht verdattert. Jetzt könne ich damit heimfahren, «schönen Abend noch». Und ich fuhr heim, mit zwei Velos: auf dem einen balancierend, das wiedergefundene mit einer Hand nebenherführend. Nur: Jetzt tat er mir fast ein bisschen leid, der Velodieb, der am Feierabend da, wo er frühmorgens sein Velo massiv gesichert hatte, würde feststellen müssen: gestohlen!

Die Hörkolumne (MP3)

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