29. Februar 2016

Alzheimerpatienten in Thailand

Die Zahl der Demenzkranken aus der Schweiz, die ihren Lebensabend in Thailand verbringen, nimmt zu. Hier ist die Pflege billig, und die Betreuerinnen sind respektvoll und freundlich. Ein Augenschein in vier Resorts.

Im thailändischen Baan Kamlangchay werden Schweizer Demenzkranke rund um die Uhr mit viel Wärme betreut.

Geri (66) ist nicht zu bremsen. Er rückt sein Tschäppi zurecht, zupft an seinem T-Shirt, richtet seinen Gurt und die Hosen und redet ununterbrochen vor sich hin, sieht etwas, läuft dorthin, kommt wieder zurück und will wieder weg. Seine Betreuerin Tay (32) lässt ihn nicht aus den Augen, begleitet ihn und beruhigt ihn, damit er wenigstens beim Essen zehn Minuten ruhig sitzen bleiben kann.

Der Innerschweizer Geri Buchmeier lebt im thailändischen Alzheimerzentrum Baan Kamlangchay in Chiang Mai. Er verbringt hier zusammen mit zwölf weiteren Gästen seinen Lebensabend. Geri hat es gut. Er wohnt mitten in einem friedlichen Wohnquartier ausserhalb der Stadt und hat drei verschiedene Betreuerinnen; eine ist immer für ihn da. Frühstück, ­Mittagessen und Znacht gibt es im Gemeinschaftshaus, draussen an der frischen Luft – warm genug dafür ist es das ganze Jahr. Ein paar Meter entfernt befindet sich ein Park mit Pool.

Martin Woodtli (2. von rechts), Gründer des Resorts Baan Kamlangchay.
Martin Woodtli (2. von rechts), Gründer des Resorts Baan Kamlangchay.

Das Baan Kamlangchay ist die bekannteste Einrichtung für Demenzkranke aus der Schweiz, die weit weg von ihrer Heimat ihren Lebensabend verbringen. Der Berner Martin Woodtli (54) hat das Pionierprojekt vor gut zehn Jahren gegründet, nachdem er mit seiner an Demenz erkrankten Mutter nach Thailand gekommen war. Im thailändischen Chiang Mai, wo er zuvor vier Jahre lang bei den Ärzten ohne Grenzen gearbeitet hatte, engagierte er thailändisches Betreuungspersonal für sie und entwickelte ein Pflegekonzept. «Ich merkte, das ist eine gute Sache, und fragte mich: Warum mache ich das nicht für andere?» Seiner Mutter, die ihr Leben lang in Münsingen BE gewohnt hatte, gefiel es hier, Woodtli sowieso.

Die dementen Gäste blühen in Thailand zu neuem Leben auf

Schritt für Schritt wuchs dann das Baan Kamlangchay zu seiner jetzigen Grösse: 13 Gäste wohnen hier. «Eine solche Einrichtung kann nur funktionieren, wenn sie nicht zu gross ist», erklärt der Berner. «Und wenn sie mit Herzblut geführt wird.»

Es ist Samstagmorgen, heute ist Aktivität auf dem Dorfplatz neben dem Tempel angesagt. Unter einem Wellblechdach sind Stühle aufgereiht. Gemeindearbeiter üben mit den Anwesenden ein Lied ein, das spontan von Thai auf Deutsch übersetzt wird, alle zusammen singen, fröhliches Gelächter. Margrit (71), seit fünf Jahren Bewohnerin des Baan Kamlangchay, kann sich nicht länger auf dem Stuhl halten, steht auf, tanzt, dreht sich mit einem breiten Lachen im Gesicht zum Takt der Musik und fordert die Sitzenden ebenfalls zum Tanz auf.

Das Vivo-Bene-Personal aus der Schweiz, Deutschland und Thailand.
Das Vivo-Bene-Personal aus der Schweiz, Deutschland und Thailand.

«Ich habe hier immer wieder Gäste, die zu neuem Leben aufblühen», erzählt Woodtli stolz. Er muss die Betreuten mit ihrem starken Bewegungsdrang nicht medikamentös ruhigstellen, wie dies in Schweizer Pflegeheimen meist nicht anders geht. In Thailand wirkt andere Medizin: viel Bewegung, viel körperliche und seelische Nähe, die Einbettung in ein Wohnquartier.

Auch auf der 1200 Kilometer südlicher gelegenen Ferieninsel Phuket sorgt sich eine Schweizer Einrichtung um pflegebedürftige Gäste. Die Solothurnerin Anita Somaini (53) betreibt seit vier Jahren das Baan Tschuai Duu Lää – das Haus der Pflege und Hilfe. 18 Daueraufenthalter wohnen in separaten Villen mit Garten und Pool in einem offenen, ruhigen Quartier. Hier halten sich allerdings nicht nur Alzheimerpatienten auf. «Wir betreuen Gäste mit unterschiedlichen neurologischen oder physiologischen Erkrankungen», sagt die Leiterin. Die Krankheitsbilder reichen von Demenz über Parkinson und Epilepsie bis hin zu Diabetes. «Wir bieten auch Ferien- oder Entlastungsaufenthalte an, die von den Angehörigen meist im Winter gebucht werden», sagt Somaini.

Margrit und Geri mit Betreuerinnen im Baan Kamlangchay
Margrit und Geri mit Betreuerinnen im Baan Kamlangchay.

Auch Rehabilitationsaufenthalte nach einem Schlaganfall oder Unfall sind möglich – falls ein Platz frei ist. Denn die Nachfrage ist gross: Pflegeinstitutionen für Patienten mit unterschiedlichen Erkrankungen sind ein neuer Trend. Wie das Baan Kamlangchay in Chiang Mai befindet sich auch das Baan Tschuai Duu Lää in einem Wohnquartier. Die Institution hat eine überschaubare Grösse, die Atmosphäre ist ebenso familiär wie professionell.

Fitte Senioren und pflegebedürftige Gäste wohnen zusammen

In Lanee’s Residenz in Buriram, das der Aargauer Hans-Jörg Jäger (58) mit seiner Frau Lanee (48) führt, leben betagte Senioren, die keine Betreuung brauchen, mit pflegebedürftigen Gästen zusammen. «Wir wollen diesen Spagat machen und Betagte mit oder ohne Erkrankung hier zusammenleben lassen. «Die Mischung klappt grundsätzlich gut», sagt Jäger. Nur manche Pensionierte ertragen es nicht, weil sie fürchten, in den dementen Mitbewohnern ihre eigene Zukunft zu erblicken. «Sie reisen dann nach einem Probeaufenthalt wieder ab», sagt Jäger. Er bedauert dies, doch ändern kann er es nicht.

Betreuung im Ausland ist nicht für alle Patienten geeignet

Jäger hatte zeitweilig die Idee, auch Burn-out-Patienten aufzunehmen, kam aber davon ab, denn bei ihnen stösst das Konzept von günstiger Pflege im Ausland schon vor dem Abflug an seine Grenzen. «Burn-out ist ein Risikozustand, der aus einer chronischen Stressbelastung entstanden ist», sagt Andi Zemp (53), Leiter Kompetenzbereich Burnout in der Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee. «Die Patienten sind oft suizidal und brauchen eine qualifizierte psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung.» In der Behandlung geht man Themen an, die das Hier und Jetzt betreffen: Arbeitsplatz, Familie und Privatleben. «Weit weg von zu Hause tut man das nicht. Es macht deshalb keinen Sinn, eine solche Behandlung ins Ausland zu verlagern.»

Am Samstag geht es im Baan Kamlangchay auf einen kleinen Ausflug. Jede Bewohnerin und jeder Bewohner hat seine eigenen Betreuerinnen.
Am Samstag geht es im Baan Kamlangchay auf einen kleinen Ausflug. Jede Bewohnerin und jeder Bewohner hat seine eigenen Betreuerinnen.

Weil die Pflege von Betagten ein lohnendes Geschäft zu sein scheint, hat eine Investorengruppe aus Basel vorletztes Jahr in Thailands Norden ein Luxusresort errichtet, das die Langzeitbetreuung von 72 Alzheimerkranken plant. Fernab von Verkehr und Dörfern, von einer hohen Mauer umgeben, hat es dort nun sechs Mehrzimmer-Pavillons und Wohnhäuser.

Obwohl stilvoll gestaltet und mit der grossen Kelle angerichtet wurde, ist es nicht so leicht, Alzheimerkranke aus der Schweiz als Langzeitgäste hierher zu locken. Weil der Run ausblieb, setzte das Vivo-Bene-Resort nun auf breitere Kundschaft. Normale Urlauber sind hier ebenso willkommen wie Gäste, die unterschiedliche Betreuung benötigen: an Burn-out, Krebs oder Demenz Erkrankte, aber auch Paraplegiker, wie die Pflegeleiterin Doris Knecht (63) sagt.

Der ehemalige Weltenbummler Paul Schmutz lebt ihm Luxus-Resort Vivo Bene in Nordthailand.
Der ehemalige Weltenbummler Paul Schmutz lebt ihm Luxus-Resort Vivo Bene in Nordthailand.

Für Gäste, die sich einfach bloss vom Zivilisationsstress erholen wollen, bietet das Wellnessteam Chi Gong, Yoga, Massage und Detox an. Der einstige Weltenbummler Paul Schmutz (84) ist bislang der einzige Gast, der ins «Vivo Bene» gefunden hat, um seinen Lebensabend zu verbringen. «Es gibt hier so viel Schönes, ich kann gar nicht sagen, was mir am besten gefällt», sagt der betagte Mann.

Schmutz leidet an Parkinson-Demenz, ist aber sehr gesprächig. Er sitzt an einem der Tische im Gemeinschaftsbereich seines Pavillons, in dem es Platz für zwölf Patienten hätte. Draussen brennt die Sonne, drinnen ist die Luft klimatisiert und angenehm kühl. Er blättert durch sein Buch mit den Fotos und Texten seiner vielen Reisen. Halb Asien hat er durchsegelt, zuvor wohnte er lange auf den Philippinen. Beim Foto vom Hafen Manilas sagt er: «Hier wohne ich jetzt.»

Das grösste Problem ist die geografische Distanz

Obwohl es in der Schweiz rund 119'000 Demenzkranke gibt, ist es nicht so einfach, Angehörige davon zu überzeugen, ihre kranken Eltern für den Lebensabend an einen 8500 Kilometer entfernten Ort zu bringen. Schnell ist man dem Vorwurf ausgesetzt, dass man Mutter oder Vater einfach ins billige Ausland abschiebt. «Die Angehörigen machen es sich nicht leicht, nie», hält Alzheimer-Pionier Martin Woodtli den Kritikern entgegen.

Birgitta Martensson (65), Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung, allerdings warnt vor voreiligen Entscheidungen: «Man sollte es sich gut überlegen, ob man eine an Demenz erkrankte Person so weit wegbringt. Die Betreuung darf nie eine Kostenfrage sein, sie muss stimmen – und das hängt auch von den Menschen ab, die die Pflege übernehmen.» Das Wichtigste aber sei die Selbstbestimmung der Betroffenen: ­Wollen sie das wirklich?

Das Zimmer von Paul Schmutz im VIvo Bene
Das Zimmer von Paul Schmutz im Vivo Bene.

Trotz vieler Bedenken: Die Zahl pflegebedürftiger Schweizerinnen und Schweizer in Thailand nimmt zu. Zukunftsträchtig ist diese Form der Betreuung in Fällen, wo kein intensiver verbaler Austausch mit Fachpersonen notwendig ist, sondern vor allem menschliche Wärme und Nähe gefragt sind. In einem sind uns die Thais nämlich weit voraus: Sie kümmern sich mit grösster Selbstverständlichkeit um hilfsbedürftige Menschen – ob das nun ein Kleinkind oder ein Grosi ist, ob die Person krank ist oder nur Zuwendung braucht. Ältere Menschen zu pflegen, gilt zudem als ehrenvolle Arbeit.

Demenzkranke Menschen leben in ihrer eigenen Realität

Das ist mit ein Grund, warum sich viele Schweizer Rentner im tropischen Land so wohlfühlen. Martin Woodtli etwa hatte bei seiner demenzkranken Mutter schon bald bemerkt, dass es gar nicht wichtig war, ob sie physisch in Thailand oder im bernischen Münsingen war. «Wichtiger ist, dass sich die Menschen wohlfühlen. Sie nehmen ihre Heimat und ihre Erinnerungen mit.»

Demenzkranke leben oft in ihrer eigenen Realität, in einer, die nur sie verstehen. Das ist es auch, was das Zusammenleben für die Angehörigen oft so schwierig macht. Das grösste Problem der Betreuung in Thailand ist die Distanz: Ein schneller Besuch bei pflegebedürftigen Angehörigen ist nicht möglich.

In der Schweiz sucht man derweil nach anderen Lösungen. In der Demenzabteilung des Alterszentrums Bruggwiesen in Illnau-Effretikon ZH etwa ist seit Kurzem ein Roboter im Einsatz. Er sieht aus wie eine Plüschrobbe und reagiert auf Stimmen und Berührungen. Er wird primär bei Wut, Verspannung und Trauer eingesetzt. Die Kommunikation läuft auf nichtverbaler Ebene ab. Wie vielerorts in Thailand.

Bilder: Pongmanat Tasiri / Keystone

Benutzer-Kommentare