12. April 2018

Alterung: Sollen wir uns an Japan orientieren?

Bis 2035 wird ein Viertel der Schweizer Bevölkerung über 65 sein. Was müssen wir tun, um als Land mit der zunehmenden Überalterung gut klarzukommen? Kann Japan ein Vorbild sein, wo schon jetzt so viele Ältere leben wie sonst nirgends?

Japan
Japan ist das Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt.

Japan ist der Schweiz bei der Überalterung weit voraus: Fast 27 Prozent der 127 Millionen Einwohner waren 2016 über 65 Jahre alt, so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Bis 2040 sollen es laut Prognosen rund 33 Prozent sein. Die Schweiz steht auf der Liste nur auf Platz 22: 2016 waren 18 Prozent der Einwohner über 65, deutlich weniger als in anderen Staaten Europas (Italien: 22%, Deutschland: 21%, Frankreich: 19%, EU: 19%). Bis 2035 dürfte jedoch laut Prognosen des Bundesamts für Statistik auch in der Schweiz ein Viertel der Bevölkerung im Pensionsalter oder älter sein.

Seniorenfreundliches Toyama

Diese Entwicklung stellt nicht nur das System der Altersvorsorge und Pflege vor grosse Herausforderungen, es verändert auch den Alltag. Japan hat darauf bereits reagiert. In der Küstenstadt Toyama, westlich von Tokio, am Japanischen Meer gelegen, sind 30 Prozent der rund 420 000 Einwohnerinnen und Einwohner über 65, weshalb die Stadtregierung beschlossen hat, zur seniorenfreundlichsten Stadt des Landes zu werden und dafür diverse Massnahmen getroffen hat:

- Fokussierung aufs Stadtzentrum, Ausbau des ÖV mit Niederflurwagen, Bikesharing

- Medizinisches Zentrum und Bibliothek in der Innenstadt beleben das Zentrum, bringen mehr Fussgänger, mehr Restaurantbesucher, mehr Läden

- Einkaufsmeile mit Rollatorverleih, Läden mit breiteren Gängen, niedrigen Regalen, viele Fertiggerichte, die man leicht kauen kann

- Shoppingmalls, die ein Tagesprogramm für Senioren bieten, sodass Angehörige sie morgens bringen und abends wieder abholen können

- Seniorenrabattkarten für ÖV, Zoo und anderes. Je mehr die Leute sich bewegen, nach draussen gehen, Sport treiben, mit anderen sprechen, desto gesünder altern sie

Andere, teilweise erst geplante Entwicklungen in Japan:

- Autobahnraststätten zu Dienstleistungszentren mit Ärzten, Banken und Geschäften ausbauen

- Abgelegene Orte mit mobilen Supermärkten besuchen Integrierte Tagespflegestätten mitten in Wohngebieten

- Tier- oder menschenähnliche Roboter zur Unterhaltung und Begleitung

Notfalls lieber ins Gefängnis

Das grosse Ziel ist es, zu einer «alterslosen» Gesellschaft zu werden, sodass Senioren sich über das übliche Pensionierungsalter hinaus für die Gesellschaft engagieren können. Die Realität sieht allerdings anders aus: Immer mehr alte Menschen in Japan begehen Diebstähle, um Armut oder Einsamkeit zu entfliehen – dem «Spiegel» zufolge insbesondere Frauen, «die kaum genug Geld haben, um sich ausreichend zu essen zu kaufen». Dann lieber ins Gefängnis: «Hier muss ich zwar auf meine Freiheit verzichten», zitiert das deutsche Nachrichtenmagazin eine 78-Jährige. «Dafür muss ich mich um nichts weiter sorgen: drei Mahlzeiten am Tag und viele Menschen, mit denen ich sprechen kann.»

Ist Japan abschreckendes Beispiel und Vorbild zugleich? Wir haben vier Altersexperten befragt.

Tabelle Entwicklung der Schweizer Altersstruktur
Die Entwicklung der Schweizer Altersstruktur, samt Prognosen.

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