07. September 2018

Alter Wein von Adel

Schweizer Adelsfamilien haben die Geschicke unseres Landes 500 Jahre lang gelenkt. Wir haben ihre Nachkommen getroffen. Helene von Gugelberg ist die Herrin von Schloss Salenegg in Maienfeld. Auf ihren Ländereien wird schon seit über tausend Jahren Wein angebaut.

Schloss Salenegg in Maienfeld
Schloss Salenegg ist heute als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft. (Bild: Siffert/weinweltfoto.ch)

Sie ist Besitzerin des ältesten Weinguts von Europa – Schloss Salenegg mit seinen beachtlichen 11,5 Hektaren Rebland, trotzdem bleibt Helene von Gugelberg lieber im Hintergrund. Getreu dem Motto, das schon ihr Vater hochgehalten hat, «wer im Verborgenen lebt, lebt gut». Ihr widerstrebt es ein wenig, dass sie im Buch «Adel in der Schweiz» als Baronin bezeichnet wird. «Ich habe mit der Adelsgeschichte Mühe: Seit der Annahme der Bundesverfassung 1848 sind unsere Privilegien abgeschafft. Wir funktionieren heute wie jede andere Familie auch.»

Helene von Gugelberg
Helene von Gugelberg kümmert sich seit 1997 um das Weingut Schloss Salenegg und setzt so die jahrhundertealte Familientradition fort. (Bild: Gerber Loesch)

Doch ganz so wie jede andere Familie lebt die 59-Jährige nicht. Schloss Salenegg, dessen Grundstein Mönche aus Pfäfers SG um das Jahr 950 legten, verfügt über eine wuchtige Weinpresse, einen Weinkeller und 79 Räume. «79 inklusive jeder Besenkammer», relativiert die Schlossherrin. Beim Betreten der museal wirkenden Räume knarren die Holzböden. Nur acht Zimmer seien ganzjährig bewohnbar, im Winter trage sie Thermounterwäsche.

Im Schloss wohnen auch die Haushälterin mit ihrem Partner und der Gärtner mit seiner Familie. Ausserdem gibt es einen Hauswart. Und selbstverständlich lebt hier neben dem Schlossgeist ein Schlosshund, eine brasilianische Dogge.

Die Haushälterin ist ausser für das leibliche Wohl noch für die 79 Räumlichkeiten zuständig, dazu gehören 152 Fenster, die regelmässig geputzt werden müssen. Salenegg befindet sich oberhalb des Winzerdorfs Maienfeld in Graubünden. Seit über 360 Jahren besitzt die Familie von Gugelberg das Anwesen. Hans Luzi Gugelberg von Moos, ein Urahne aus dem 16. Jahrhundert, war Bürgermeister von Chur und einer der Heerführer, als die Bündner 1512 das Veltlin eroberten. Der Urahn fiel in der Schlacht bei Marignano.

Sie fühle sich verpflichtet, sagt Helene von Gugelberg, «das geschichtsträchtige Erbe unverfälscht und wirtschaftlich vom Eigentümer unabhängig weiterzugeben». Als sie Salenegg 1997 nach dem Tod ihres Vaters übernahm, bestand das Sortiment aus traditionellem Blauburgunder und Marc. Dann kamen im Eichenfass gereifte Barriqueweine, ein Schaumwein, Chardonnay, eine weisse Cuvée sowie ein Rosé dazu. Helene von Gugelberg kann auf ihren Kellermeister zählen, viel Wissen habe sie sich aber auch selbst angeeignet. Und Probleme beim Weinmachen seien immer am Familientisch besprochen worden.

Innenraum im Schloss Salenegg
Die Familie von Gugelberg besitzt das Anwesen seit über 360 Jahren. (Bild: Gerber Loesch)

Ursprünglich hat Helene von Gugelberg eine Hotelfachausbildung in Lausanne absolviert, und gleich danach wollte sie die Welt kennenlernen und zog mit ihrer Familie ganz bewusst ans andere Ende, zuerst nach Sydney, dann nach Melbourne und schliesslich nach Canberra. Damals wechselten sie alle sechs Monate den Wohnort, zogen immer der Arbeit nach. Aber Adel verpflichtet irgendwie doch: Mitte der 1990er-Jahre kehrte die Weitgereiste mit ihrer Familie in die Schweiz zurück und übernahm zusammen mit ihrem Mann die
Direktion des Hotels Schweizerhof in St. Moritz. Das Vier-Sterne-Haus gehört neben Schloss Salenegg ebenfalls zum Familienbesitz.

Nach dem Tod ihres Vaters kümmerte sie sich zusätzlich um das Weingut, als erste Frau in der langen Familiengeschichte, in der es bisher nur Winzer und keine Winzerinnen gab. Die Ausbildung im Hotelfach habe ihr dabei geholfen, die Sicht der Konsumenten zu verstehen.

«Heute produzieren wir aus der Traube neben dem Wein und Marc, Essig, Trinkessig, Verjus und aus den Traubenkernen kaltgepresstes Öl», sagt die Schlossherrin. In vier Jahren sollen auch 150 Nussbäume Ertrag abwerfen, um daraus Walnussöl zu pressen. «Ich hoffe sehr, dass der Verkauf von Essig und Öl expandiert, sodass Salenegg den eigenen Unterhalt erwirtschaften kann.
Wenn ich das schaffe, habe ich meine Aufgabe erfüllt.» Mit einer weiteren Aufgabe, der Zucht von Seidenraupen, die Helene von Gugelberg seit drei Jahren betreibt, möchte sie dazu beitragen, die Seidenproduktion in der Schweiz wiederzubeleben.

Tischuhr und Ahnenbilder im Schloss Salenegg
Um die Pflege des Herrschaftssitzes kümmern sich  drei Angestellte. (Bild: Gerber Loesch)

Dem Erfolg ist zuträglich, dass Schloss Salenegg als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft ist und die Ahnen seit über 360 Jahren in Maienfeld lebten. «Sie sind immer für Qualität eingestanden. Jeder, der unseren Innenhof besucht, taucht in eine andere Welt ein, wo wir mit unserer Geschichte ein aussergewöhnliches Erlebnis bieten.»

Aber wie tradiert man eine solche Geschichte? Die Zukunft des Schlosses und die Nachfolge sind jedenfalls bereits ein Thema am Familientisch. «Wir sprechen über alles, auch über die Übernahme durch unseren Sohn und unsere Tochter», sagt Helene von Gugelberg. Das habe allerdings noch Zeit.

«Adel in der Schweiz», ab Mitte September 2018 erhältlich bei Exlibris.ch

Manche sind noch am Hebel der Macht

Simon Teuscher
Simon Teuscher (Bild: zVg)

Der Adel in unserem Land werde stark unterschätzt, findet der auf das Späte Mittelalter spezialisierte Historiker Simon Teuscher von der Uni Zürich. Ein Gespräch über die «von und zu» und ihr Erbe.

In Deutschland sind Adlige Teil der High Society. Bei uns ist es still um diese Menschen. Warum?

Die Lieblinge der Regenbogenpresse, die Hohenzollern oder die Wittelsbacher, waren echte Monarchenfamilien, mehr als nur Adlige. Und von denen gibt es sehr wenige. Aber eben: Wenn wir wollen, könnten wir die Habsburger als Monarchenfamilie aus der Schweiz beanspruchen. Die Schweiz ist auch ein beliebtes Aufenthaltsland für Vertreter abgesetzter Monarchenfamilien aus Österreich oder Italien. Die kleinen Schweizer Monarchien des Mittelalters waren sogenannte geistliche Monarchien, Kirchenfürstentümer, die keine Dynastien kannten wie die erwähnten Familien.

Wie viele Personen in der Schweiz kann man als adlig bezeichnen?

Das ist schwierig zu beantworten. Es gibt sicher eher Hunderte als Dutzende von Personen.

Was haben diese Adligen für ein Erbe zu bewältigen?

Das ist von Familie zu Familie extrem unterschiedlich, denn der Schweizer Adel reicht vom Besitzer eines Schlosses über den eines Bauernhofs, Nachfahren der Könige von Italien bis zu solchen Schweizer Adligen, die von alldem weit entfernt sind. Genau dieses Thema des Schweizer Adels müsste aber mal genauer erforscht werden.

Welchen Einfluss hat der Adel auf die Schweizer Gesellschaft von heute?

Da staunt man: Manche Adlige sind noch immer am Hebel der Macht (lacht). Klar, deutsche Adlige würden sagen, die patrizische Führungsschicht der Schweiz ist zu wenig adlig und mindestens 400 Jahre zu wenig alt. Andererseits konnten sich die führenden Familien in der Schweiz konstanter entwickeln als in anderen Ländern: Ausser dem Einmarsch der Franzosen 1798 gab es wenig grosse Brüche. Manche von Wattenwyl oder von Erlach aus Bern, Merian und Burckhardt aus Basel, Pestalozzi oder Meiss aus Zürich konnten so kontinuierlich Reichtum und Einfluss anhäufen. Der Adel gehört zum verdrängten Teil der Schweizer Geschichte und war gerade auch in den eidgenössischen Orten wichtig.

Welche Rolle spielten die Herrschaftsfamilien in der alten Eidgenossenschaft?

Eigentlich die gleiche wie überall in Europa. Die Familien haben höhere Verwaltungspositionen besetzt, höhere Posten beim Militär und in der Diplomatie. Trotz des kommunalen Systems in der Schweiz spielten also adlige Familien auch hier eine grosse Rolle. Gerade in dieser Frage ist der Sonderfall Schweiz oft überschätzt worden. In mancher Hinsicht war die Eidgenossenschaft ganz ähnlich organisiert wie etwa das Königreich Frankreich oder das Herzogtum Württemberg. Teile der heutigen Schweiz gehörten lange zur savoyischen Monarchie oder zum Herzogtum Mailand. Dem Fürstbistum Basel stand der Bischof vor, der ein Monarch eines weltlichen Territoriums war und sogar einen eigenen Hofnarr hatte. Die Fürstabtei St. Gallen war ebenfalls eine kleine schweizerische Monarchie. Zu allen diesen Schweizer Monarchien gehörten Adlige, die bis zur Französischen Revolution den Alltag in der Schweiz mitbestimmten. 

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