08. Juli 2019

Alter Schwede!

Bänz Friedli (54) war nicht alleine in Frankreich. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser*innen austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Boot auf Ärmelkanal
Begegnung in Le Havre: eine Erinnerung an Frankreich
Lesezeit 1 Minute

Die beiden sind bestimmt ein Liebespaar. Dachten wir und fanden nichts dabei. Offenbar hielten die jungen Amerikanerinnen auch meine Begleiterin und mich für ein Paar, und weil sie immer wieder ungläubig herüberstierten, rief ich ihnen nach einer Weile zu: «She’s my daughter!» Meine Tochter sei das. Was zwar nicht stimmte, vom Alter her aber durchaus hätte sein können. Ich wollte die fremden Frauen beschwichtigen, ihre Blicke waren ein einziges «Aber, hallo?!». Was so ein alter holländischer Knacker mit einer solch jungen Frau in Frankreich treibe? Vielleicht hielten sie mich auch für einen Schweden, jedenfalls verstanden sie weder unsere Sprache noch unsere Welt. Wir verunsicherten sie.

In Le Havre wars. Mit einer Freundin, die wir hier Jelena nennen und die viele Jahre jünger ist als ich, besuchte ich ein Spiel der Fussball-WM, da wir beide vom Team der US-Amerikanerinnen angefressen sind. Auch die jungen Frauen waren des Matchs wegen in Le Havre. Genauer: in einem Vorort weit draussen. In der Stadt selber waren seit Monaten sämtliche Betten ausgebucht, nur hier waren wir fündig geworden, und nun war die Frage, wie wir noch rechtzeitig ans Spiel ­kämen. Das bestellte Taxi war seit eineinhalb Stunden überfällig. Also standen wir weiter zu viert an der Bus- und Taxihaltestelle des Örtchens Honfleur, und es fuhren weder ­Busse noch Taxis. Sie stammten aus North Carolina, erzählten die beiden, und seien seit der zweiten Klasse beste Freundinnen. Ob ­allem Plaudern wurde deutlich, dass in ihren Augen der liebe Gott Adam und Eva erschaffen und es nie eine Welt ohne Menschen, aber mit Sauriern gegeben hat; dass die Paarung einzig der Fortpflanzung dient und nur ­zwischen Mann und Frau vorgesehen ist.

«Do you have kids?», platzte eine plötzlich heraus, ob wir Kinder hätten. Sie hatten uns die Vater-Tochter-Geschichte also nicht ­geglaubt. «Nein! Wir sind kein Paar, wirklich nicht», erklärte nun Jelena. Und fügte zur Verdeutlichung an: «I’m a single lesbian.» Dass sie auf Frauen stehe und zurzeit keine Partnerin habe. Nun sagten die beiden gar nichts mehr. Es war ihnen sichtlich unangenehm.

Himmel! Wie hatte in so kurzer Zeit so viel Verwirrung entstehen können? Wir wussten nun zwar, dass sie kein Paar waren, weil ihre Frömmigkeit dies nicht zulässt. Sie aber schienen noch immer zu werweissen, ob wir verheiratet seien oder es tatsächlich stimmte, dass Jelena Frauen bevorzugt. Endlich, als wir schon den Glauben verloren hatten, kam Jean-Marc, der freundliche Taxifahrer, und chauffierte uns alle vier doch noch zum ­Stadion. Dort trennten sich unsere Wege. «Vielleicht», hörte ich die eine nur noch ­sagen, «ist sie ja doch seine Tochter?»

Die Hörkolumne (MP3)

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