06. Juni 2019

Alte Streifen für ein junges Publikum

Das Projekt filmo macht Schweizer Kinoklassiker zugänglich: Über diverse Streaming-Kanäle sollen sie auch ein junges Publikum erreichen. Die Teenager Severin, Leandra und Alan haben sich vorab drei Filme angesehen.

Severin, Leandra und Alan
Junge Filmkritiker: Severin, Leandra und Alan
Lesezeit 3 Minuten

Severin (17) entdeckt «Die letzte Chance»

Severin Wigger, angehender Konstrukteur aus Knonau ZH, hat sich ein Kriegsdrama aus dem Jahr 1945 angesehen: «Ich mag sonst Marvel-Superheldenfilme. Beim Schwarz­Weiss-Streifen ‹Die letzte Chance› kommt mir die Kameraführung im Vergleich dazu sehr starr vor. Auch die Dialoge wirken irgendwie steif. Mit der Zeit ist die Geschichte aber trotzdem spannend: Eine Gruppe von Flüchtlingen will gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus Norditalien in die Schweiz entkommen. Es sind total unterschiedliche Leute darunter – aber jetzt geht es allen gleich; sie wollen einfach überleben. Die deutschen Verfolger sind absolut gnadenlos. Am Schluss schaffen es die Flüchtlinge in das sichere Land, werden aber von den Schweizer Behörden fast wieder ins Kriegsgebiet zurückgeschickt. Das kommt mir extrem hart vor und beschäftigt mich. Es ist ja heute noch so, dass wir Menschen in Not abschieben.­Eigentlich sind wir nicht weitergekommen.»

Filmszene «Die letzte Chance»
«Die letzte Chance» (1945): Kriegsdrama mit teils steifen Dialogen (Bild: SRF/Praesens-Film)

Leandra (16) liebt «Les petites fugues»

Leandra Senn, aus der gleichen Gemeinde wie Severin, bekundete mit «Les petites fugues» (1979) zuerst Mühe. «Am Anfang passiert absolut nichts», sagt die kaufmännische Lernende und Berufsmittelschülerin. «Der Held ist der Bauernknecht Pipe aus dem Waadtländer Jura. Sein Leben lang hat er auf dem gleichen Hof geschuftet, jetzt ist er alt und hat nie etwas erlebt. Plötzlich wird alles anders: Pipe bricht aus seinem engen Alltag aus. Er kauft sich ein Töffli, unternimmt Ausflüge, lässt sich sogar im Helikopter ums Matterhorn fliegen. Von da an kommt er mir vor wie ein Seelenverwandter, obwohl er alt ist. Er will im Leben nicht nur gearbeitet haben – das geht mir auch so. Seit der Primarschule setze ich mich unter Druck wegen der Noten. Jetzt habe ich mir eine Liste von den Dingen gemacht, die ich im Leben nicht verpassen will: Einmal möchte ich die Nordlichter sehen, ein andermal an einem Hilfsprojekt in Afrika teilnehmen.»

Filmszene «Les petites fugues»
«Les petites fugues» (1979): berührendes Porträt eines alten Bauernknechts (Bild: Keystone-SDA-ATS)

Alan (17) staunt über «Bäckerei Zürrer»

Der angehende Informatiker Alan Cantekin aus Mettmenstetten ZH hat es mit einem knurrigen Handwerker zu tun bekommen – dem Helden der Tragikomödie «Bäckerei Zürrer» aus dem Jahr 1957: «Dieser Mann versteht die Welt nicht mehr, weil sein Sohn die Tochter eines italienischen Marronibraters heiraten will. Ich finde es lustig, wie verkrampft Bäcker Zürrer dagegen ankämpft. Aber dann wendet sich die ganze Familie wegen seiner Sturheit von ihm ab – darum tut er mir irgendwie leid. Zum Glück versöhnen sich am Schluss alle wieder; es gibt ein richtiges Happy­End. Ich bin erstaunt, wie unterhaltsam dieser alte Streifen ist – ich finde ihn von Anfang bis Schluss gelungen. Cool ist auch, dass man das Zürcher Langstrassenquartier in den 1950er-Jahren sieht – samt Läden, Kinos, Lichtreklamen und Trolleybussen.»

Filmszene «Bäckerei Zürrer»
«Bäckerei Zürrer» (1957): Turbulente Tragikomödie um einen sturen Handwerksmeister (Bild: SRF/Gloriafilm)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Salar Bahrampoori

Zurück zu den persischen Wurzeln

Fasziniert von Menschen in der Stadt: Simon Beuret liebt es, Figuren zu zeichnen.

Detektiv mit Zeichenstift

Szenenbild «Dumbo»

Aufgepeppte Zeichentrick-Klassiker

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Frohes Fest mit Frida