Leser-Beitrag
17. April 2018

Alte Bäume

Leser Florian Riner fragt sich: Ist der Familienzusammenhalt im Alter nur eine Illusion?

Alter Baum
Lesezeit 2 Minuten

Der alte Baum ist zum Wahrzeichen der Straße geworden.

In unserer Kindheit stiegen wir schon auf seine Äste, ...

... erzählt Opa, lächelnd, und versucht mit ausgestreckten Armen die unterste Verzweigung zu erkämpfen. Dass er diese nicht erreicht, liegt nicht nur an der gebückten Wirbelsäule, dem kleiner gewordenen Wuchs. Im Gegenteil zu ihm reckt sich das Kieferngewächs mit dem Alter, stolzer denn je, der Sonne entgegen.

Die Natur behält ihre Wunder.

Diesen Spruch merkte sich sein Enkel beim Durchlesen eines psychologisch angehauchtem Buches. Opa streichelt ihm über das ergraute Haar, lächelt zustimmend.

Großvater schmiert sich täglich die Creme aus der Werbung auf den ganzen Körper, hüpft wieder wie ein Jungspund. Bei Oma nützte die Salbe nichts mehr. Und seit sie letztes Jahr auf dem Sterbebett lag und er seine langjährige Lebenspartnerin von Kopf bis Fuß mit der Lotion eingerieben hatte, um dann dennoch Abschied zu nehmen, schien die Emulsion auch bei ihm selbst nicht mehr wirklich zu nützen.

Die Zeit heilt Wunden.

Der Enkel hat sich auf die Familie besonnen, ist mit Großvater und Vater in dessen Elternhaus eingezogen. Die Pflege der älteren Herren, teilweise mit Anhang, wird nicht bequem. Doch ist das Leben einfach?

Das Feuer knackst und wirft Funken. Gefeiert wird der 65. Geburtstag.
Die älteren Männer und Großvater werfen ein paar Zedernholzzweige, welche altersbedingt abgebrochen sind, in die Flammen der Feuerschalen unter dem greisen Baum. Den angenehmen Duft atmen sie tief ein, stoßen mit kristallenen Gläsern, gefüllt mit gegorenem Traubensaft, an. Der Vollmond wirft die Schatten der Greise.

Wüsste niemand von dieser Geschichte, man sähe im Schattenwurf Jünglinge, freundschaftlich zusammen unter einem jungen Bäumchen ...

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