15. Februar 2019

Alt und ausgetrickst

Ältere Menschen sind oft Opfer von Betrügern, die ihnen Dinge oder Dienstleistungen andrehen, sie bestehlen oder überlisten. Fünf exemplarische Fälle machen deutlich, wo Gefahren lauern.

Welche Betrugsmasche?
Lesezeit 1 Minute

Die Zahlen geben zu denken: Jede vierte Person ab 55 Jahren wurde schon Opfer von Betrügern. Jede fünfte verlor tatsächlich Geld. In den vergangenen fünf Jahren entstand dabei pro Jahr ein Schaden von 400 Millionen Franken. Dies sind Ergebnisse einer repräsentativen Studie, die Pro Senectute zusammen mit dem Institut zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität der Fachhochschule Neuenburg erstmals durchgeführt und 2018 publiziert hat. 

Zu den häufigsten Betrugsmaschen gehören unseriöse Geschäftspraktiken, welche die Gutgläubigkeit von älteren Menschen ausnutzen. Die Betrüger zielen darauf ab, dass das Gedächtnis der Älteren nicht mehr gut funktioniert oder sie verwirrt sind. Dabei bewegen sich die Täter oft in einer Grauzone, wie der Fall von Ursula Hofstetters Eltern zeigt. Sie hatten einem Unbekannten an der Haustür mehrere gefälschte Perserteppiche abgekauft. So kam der Betrug zutage:  

Lange merkte Ursula Hofstetter nicht, wie es um ihre Eltern stand. Auf den ersten Blick funktionierten die 80-Jährigen noch im Alltag. Sie assen um 12 Uhr zu Mittag, spazierten jeden Tag dieselbe Runde, gingen einkaufen. Doch eines Tages bekam der Eindruck Risse.

Ihre Mutter erklärte, sie müsse keine Steuererklärung mehr ausfüllen, die wüssten ja, wie viel AHV sie bekäme. Daraufhin überredete Ursula Hofstetter ihre Eltern, ihr eine Bank­vollmacht zu geben. Ihr fielen mehrere Bargeldbezüge in der Höhe von je 1500 Franken auf, die ihre Eltern nicht erklären konnten. Da sie nicht mehr in die Ferien gingen und bescheiden lebten, wurde die Tochter misstrauisch.

Sie entdeckte, dass in der Wohnung der Eltern neuerdings Perserteppiche lagen. Als sie fragte, woher diese stammten, erzählten ihre Eltern von einem Mann, der wiederholt vorbeigekommen sei, um ihnen Teppiche zu verkaufen. Bald stellte sich heraus, dass sie ihm ausser Geld auch eine Goldkette im Wert von mehreren Tausend Franken gegeben hatten, und sie kannten weder den Namen noch die Nummer dieses Verkäufers.

Der Gesundheitszustand ihrer Eltern verschlechterte sich rapide. Sie vergassen, einzukaufen, zu essen, zu spazieren. Schon bald musste Ursula Hofstetter die alten Leute in eine Demenzabteilung überweisen. Während sie die elterliche Wohnung räumte, hoffte sie, der ominöse Hausierer würde nochmals vorbeikommen. Doch er liess sich nie mehr blicken. Die Teppiche hat sie schliesslich entsorgt.

Mehr als die Hälfte der Betroffenen, 61 Prozent, sprechen mit niemanden über solche Vorfälle. Aus Scham. Auch zwei von den fünf Personen, die dem Migros-Magazin erzählen, was ihnen widerfahren ist, möchten anonym bleiben.

Überfall am Bankomaten

ÜBERFALL AM BANKOMATEN: Der Räuber mit dem weissen Blatt

Theres Fischer (55, Name geändert) suchte die nächste Poststelle auf, um Geld abzuheben. Es war ein Feiertag, und die Schalter waren geschlossen. Sie nahm wahr, wie eine Frau hinter ihr zu den Schliessfächern ging. In dem Moment, als sie ihren Code eingetippt hatte, hielt ihr ein Mann von hinten ein Blatt vor die Tastatur und sprach auf Polnisch auf sie ein. Sie sagte «Go away!».

Im Nu hatte er den Betrag 1000 Franken angewählt und das Geld eingepackt. «Ich stand da wie ein begossener Pudel», erinnert sie sich. Auf dem Polizeiposten in Bremgarten AG erstattete Theres Fischer Anzeige gegen Unbekannt. Das flaue Gefühl, im öffentlichen Raum nicht sicher zu sein, beschlich sie danach immer wieder.
Es dauerte Monate, bis sie sich wieder getraute, an einem Bankomaten Geld abzuheben.

Ein halbes Jahr nach dem Überfall wurden der Mann und seine Komplizin in Polen festgenommen. Das verschaffte Theres Fischer eine gewisse Genugtuung. Die Postfinance montierte zudem eine Sicherheitskamera in der Zweigstelle und erstattete ihr aus Kulanz 500 Franken.

Noch immer beschäftigt es die Bestohlene, dass sie mit ihren grau melierten Haaren ins Beuteschema der Betrüger fällt. Im Alltag versucht sie, Risiken zu vermeiden. Wenn möglich hebt sie Geld am Schalter ab. Muss sie einen Bankomaten aufsuchen, achtet sie genau auf dessen Lage.
Auch wenn Theres Fischer die verlorenen 500 Franken schmerzen, ist sie froh, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. «Hätte ich mich gewehrt, wäre alles schlimmer ausgegangen.

Manipuliertes Bankcouvert

MANIPULIERTES BANKCOUVERT: Der Fälscher am Postbriefkasten

20 Jahre lang beglich André Falconnet (75) aus Versoix GE seine Rechnungen auf die gleiche Art. Er bündelte die Einzahlungsscheine, rechnete den Betrag der fälligen Zahlungen aus und trug ihn in ein Formular ein. Dann unterschrieb er und warf das Couvert in einen Briefkasten der nächsten Postfiliale.
Im vergangenen Sommer rief ihn seine Bank an und fragte, ob er einer Drittperson einen grösseren Betrag überwiesen habe. Er verneinte.

Ein Betrüger hatte das Couvert aus dem Briefkasten gefischt, die Dokumente manipuliert und sich 40'000 Franken auf sein eigenes Konto überweisen lassen. 5000 Franken hob er direkt ab und gab sie aus. Als er die weiteren 35'000 Franken in einer Filiale abheben wollte, wurde die Angestellte am Schalter misstrauisch. Nach der Rücksprache mit dem Ehepaar Falconnet avisierte sie die Polizei, und der Täter wurde vor Ort verhaftet. Der Betrüger gehörte einer Bande an, die nach diesem Prinzip bereits etlichen Opfern Geld abgeknöpft hatte.

Die 35'000 Franken sind mittlerweile wieder auf dem Konto der Falconnets. Doch die 5000 Franken, die der Betrüger verprasste, fehlen bis heute. Weder die Bank noch die Polizei fühle sich zuständig, klagt André Falconnet. Er hofft, dass er doch noch zu seinem Geld kommt. Denn: Dieses Jahr feiern er und seine Frau den 50. Hochzeitstag. Und er möchte mit dem Betrag ein Fest für die ganze Familie ausrichten.
Die Rechnungen bezahlt Falconnet seit dem Vorfall per E-Banking. Ein mulmiges Gefühl bleibt. «Wir hatten ja nichts falsch gemacht.»

Vermieterin ohne Wohnung

ONLINE-BETRUG: Die Vermieterin ohne Wohnung

Als Nadine Kellers* Eltern (60, Name geändert) für sie online zwei Wohnungsmieten à 700 Franken überwiesen, waren sie etwas skeptisch. Sie fanden es heikel, dass die 18-Jährige ihr WG-Zimmer in Genf nicht besichtigt und mit der Vermieterin nur auf Skype gechattet hatte. Doch Nadine hatte sich so gut wie möglich abgesichert. Sie hatte die Vermieterin um eine Kopie ihres Passes und Unterlagen zur Wohnung gebeten und diese erhalten.

Zudem lief ihr die Zeit davon. Sie hatte sich bereits sechs Monate zuvor um eine Unterkunft in einem Studentenwohnheim beworben. Als sie von ihrem humanitären Einsatz in Mosambik heimkehrte, fehlte ihr aber noch immer eine Bleibe in Genf, wo sie in Kürze ihr Studium aufnehmen sollte. Sie durchforstete Angebote online und besichtigte einige WG-Zimmer vor Ort. Als sie realisierte, dass auch bei überteuerten Zimmern 100 Mitbewerber im Rennen waren, wurde sie nervös.

Sie schöpfte Hoffnung, als eine deutsche Studentin, die ihre Wohnung untervermieten wollte, gleich auf ihre Anfrage antwortete. Eines der beiden Zimmer war noch zu haben! Da Nadine Keller in Zürich wohnte und jobbte, lag es nicht drin, kurzfristig nach Genf zu fahren. Aber die Lage der Wohnung war gut, die Miete bezahlbar.

Leider bestätigte sich die Vorahnung der Eltern. Nach der Überweisung bat die Vermieterin um eine weitere Zahlung für eine fällige Reparatur. Nadine wurde misstrauisch und fragte nach. Plötzlich meldete sich die Studentin nicht mehr; ihr Profil verschwand auf Skype. Auch die Polizei konnte ihr nicht weiterhelfen. Diese Erfahrung hat Nadine vorsichtiger werden lassen.

Trickdiebstahl

TRICKDIEBSTAHL: Die Passantin ohne Orientierung

Franco Müller (73) war in Lugano unterwegs, als ihn eine junge Frau nach einer Wegbeschreibung fragte. Sie sprach sehr gut Italienisch und war elegant gekleidet. Dem Tessiner war bald klar, dass es die Piazetta, nach der die Frau suchte, nicht gab. Sie bat ihn, auf einem Papier ihren jetzigen Standort zu notieren, damit sie diesen der Person, die sie treffen wollte, durchgeben könnte. Franco Müller schrieb die Adresse auf, worauf sie seine Hand umfasste und sich überschwänglich bedankte.

Beim Coiffeur bemerkte Franco Müller kurz darauf, dass seine Rolex an seinem Handgelenk fehlte. Er rief sofort die Polizei an und rannte zu der Stelle zurück, wo er mit der Frau gesprochen hatte – umsonst. Als er später bei der Kantonspolizei Anzeige erstattete, traf er auf weitere fünf Betrogene – alle in seinem Alter und Opfer derselben Betrugsmasche.

5000 Franken hatte die Uhr gekostet, ihr Wert war über die Jahre auf 15'000 Franken gestiegen. Die Versicherung zahlte zwar den versicherten Betrag, doch ein schlechtes Gefühl blieb zurück. In den kommenden Monaten sagte Franco Müller Nein, wenn ihn jemand «Darf ich Sie kurz stören?» fragte. Heute reagiert er wieder zuvorkommend, wenn auch vorsichtiger. Statt einer Rolex trägt er nun eine Mickey-Mouse-Uhr.

Nachforschungen der Polizei haben ergeben, dass die Betrügerin Franco Müller bereits in einem Café beobachtet hatte und ihm anschliessend gefolgt war. Monate nach dem Diebstahl wurde sie gefasst. An den Vernehmungen gab sie vor, kein Italienisch zu sprechen.

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