05. März 2018

Als wärs ein Kinderspiel

Bänz Friedli zog mal wieder den Kürzeren. Hier findest du auch die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(innen) austauschen.

Auch wenns leicht aussieht
Auch wenns leicht aussieht: Erfolg hatte beim Gesellschaftsspiel nur der 10-Jährige.
Lesezeit 1 Minute

Wir waren wieder mal bei Freunden essen, und jemand schlug beim Apéro – Schaumwein! – ein Spiel vor: Jede und jeder sollte auf Zettelchen vier Sätze notieren, die im Verlauf des Abends möglicherweise von jemandem gesagt würden. Und der- oder diejenige, deren vier prognostizierte Aussagen zuerst wirklich gemacht worden wären, hätte dann gewonnen. Vier Erwachsene waren wir.
Aus Höflichkeit liessen wir den zehnjährigen Sohn der Gastgeber auch mitspielen. Wobei der Ärmste in einem ungünstigen Alter ist: der Phase entwachsen, in der man Kinder auch mal gewinnen lässt in «Stadt, Land, Fluss», im Tischfussball oder in «Eile mit Weile». Und halt doch noch kein Grosser, der mithalten kann.

Würde es mir gelingen, das Gespräch auf die Billag-Abstimmung zu lenken? Oder kämen wir an dem Thema sowieso nicht vorbei? Ich notierte: «Das gibt einen satten Nein-Stimmen-Anteil von sechzig Prozent.» Und dann will man halt möglichst originell sein. Angestrengt Kritisches schrieben wir auf wie: «Sollte man den Russen nach den jüngsten Dopingfällen nicht die Fussball-WM wegnehmen?» Kompliziertes wie: «Ist das nicht unappetitlich, dass die Schweiz neu auch Waffen in Bürgerkriegsländer exportieren dürfen soll?» (Der Satz war so lang, dass er Vorder- und Rückseite eines Post-it-Zettels in Anspruch nahm.) Dazu Aktuelles wie «Diesmal schafft es der FC Basel wirklich nicht» und «Was will dieser Cassis eigentlich mit der EU?».

Der Abend nahm seinen Fortgang, gemütlich wars, es folgten selbst gemachte Malfatti, ein schwerer Roter, Salat und äusserst leckeres Roastbeef. Manchmal nestelte jemand an seinen Zettelchen rum, unsere Gastgeberin liess sogar ein-, zweimal ein stilles Grunzen vernehmen, das als Laut des Triumphs zu deuten war. Aber allmählich ging das Spiel vergessen, und wir kamen auf alles Mögliche zu sprechen, bloss nicht auf das, was ich vorausgesagt hatte. Die Kälte (hätte ich drauf kommen müssen)! Der Dollarkurs (darauf wäre ich nie gekommen)! Gymiprüfung, Eltern im Altersheim, Grauer Star …

Kurz vor halb zehn – ich hatte noch keinen einzigen Satz abgehakt – sagt der Bub ruhig: «Ich han ggunne.» Pragmatisch hatte er Floskeln notiert, die während jeder Einladung fallen: die Aufforderung «zu Tisch!», das Lob «Es ist fein!» (gemeint: das Essen), die Frage «No chli Wy?» und, weil er seine Eltern gut kennt, «Das ist nicht wahr, Schatz!». Schlaues Kerlchen. Und wir? Hatten ihn – gönnerhaft, wie Erwachsene nun mal sind – mitmachen lassen, insgeheim mutmassend, der Kleine habe das Prinzip ohnehin nicht begriffen.

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 11. 3. Spiez BE, 11. 3. Sumiswald BE

Der Kolumnist Bänz Friedli

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