13. November 2017

Kostensplit 2.0 oder Einladen war gestern

Ich umarme Veränderungen, bin für praktische Gadgets und Apps und liebe mein Smartphone. Doch manches ist durch die ganze Digitalisierung einfach verloren gegangen. Zum Beispiel der Warm Glow.

Aufschrift an Wand: "Until Debt tear us apart"
Schulden zu begleichen, war nie einfacher. Ist nicht immer nur cool, finde ich.
Lesezeit 3 Minuten

Geld entfacht nicht nur auf höchster Machtebene Kriege, sondern sorgt auch im Kleinen für Unstimmigkeiten. Manche Leute sind grosszügiger, andere nicht. Es sind doch schlussendlich immer dieselben, die Bierrunden ausgeben. Und immer dieselben, dies eben nicht tun. Zum Glück bin ich von ganz netten Menschen umgeben, die zur ersten Sorte gehören. Gleich und Gleich gesellt sich halt eben gern.

Gehen wir also etwas trinken oder essen, gleicht sich das immer wunderbar aus: Jeder bezahlt eine Runde. Das hat den Vorteil, dass wir meistens so lange bleiben und so viel trinken, bis alle einmal bezahlt haben. Zu speziellen Anlässen oder in Euphorie des eben eingetroffenen Lohns konnte man Freunde einladen und mal zwei, statt eine Runde übernehmen. Betonung auf konnte.

Denn seit einem Jahr hat da eine mobile Pay-App gewaltig etwas durcheinandergebracht. So sehr ich ihren praktischen Nutzen heraufbeschwöre (Haushaltsbudget regeln war nie einfacher), so fest wünsche ich mir sie manchmal wieder weg. Mit der App kann man sehr unkompliziert allen, die sie ebenfalls installiert haben, Geld überweisen. Im Nu. Es geht so schnell, dass du das Geld bereits hättest, während dem du das Wörtchen «Nu» gelesen hast. Zagg. Du kennst die App bestimmt und hast auch schon Gebrauch davon gemacht. Super. Das Positive: Schulden werden sofort beglichen. Das Negative: Schulden werden sofort beglichen.

Da wollte ich letzthin drei gute Freunde zum Essen einladen. Wir waren in einem tollen Restaurant: tolles Essen, tolle Stimmung. Ich beschloss: «Hey Leute, ich möchte euch gern einladen!» Ich hatte nichts Spezielles zu feiern, sondern hatte einfach Freude daran, meinen Lieben eine Freude zu machen. Punkt. Schon vor Jahren haben Forscher herausgefunden, dass Schenken glücklicher macht, als beschenkt zu werden. Wusste ichs doch.

Dieses wohlige Gefühl, das von Grosszügigkeit ausgelöst wird, nennen Verhaltensökonomen heute Warm Glow. In einem NZZ-Online-Artikel habe ich kürzlich davon gelesen. Demnach habe ich mich wohl im Moment der Grosszügigkeit stark nach diesem warmen Glow gesehnt.

Schenken macht glücklicher, als beschenkt zu werden.

Im Artikel wird von einem spannenden Experiment berichtet. 50 Studienteilnehmer erhielten an einem Morgen gleich viel Geld und hatten einen Tag lang Zeit, es auszugeben. 25 Teilnehmer sollten mit dem Geld ein Geschenk kaufen, die anderen 25 Teilnehmer sollten sich selbst etwas gönnen. Am Ende des Tages waren tatsächlich diejenigen glücklicher, die andere beschenkt hatten. Auch die Uni Zürich hatte aufgrund dieser Erkenntnisse ein ähnliches Experiment durchgeführt und kam zum gleichen Resultat.

Zurück zum Restauranttisch: Ich wollte also zahlen und nahm die Rechnung entgegen. Subito zückten alle drei am Tisch ihr Smartphone und überwiesen mir über das besagte Wundertool ihren Kostenanteil. Mein Handy leuchtete auf. Die erste 45-Franken-Gutschrift ist eingetroffen, als ich noch dabei war, das Trinkgeld für den Kellner auszurechnen. Dann summte es nochmals und nochmals. Drei Gutschriften innert kürzester Zeit. Ich war alles andere als erfreut. «Ist doch viel einfacher so!», fanden meine Freunde. Einfacher ja, aber in diesem Moment verfluchte ich Digitalisierung, Modernisierung und Simplifizierung - they killed my warm glow.

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