30. April 2020

Als US-Fliegerbomben auf die Schweiz fielen

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Zwar war die Schweiz nicht direkt involviert, wurde aber versehentlich trotzdem ab und zu bombardiert. Rolf Ebi und Bernhard Seiler erinnern sich an den US-Angriff auf Schaffhausen im Frühling 1944 – und sorgen sich über heutige politische Entwicklungen.

Schaffhausen 1944
Brandruinen in der Altstadt von Schaffhausen nach dem US-Angriff im Frühling 1944. (Bilder: KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Walter Scheiwiller/Milou Steiner/Eugen Suter; nachträglich koloriert)

Rolf Ebi ist noch keine vier Monate alt, als die Bomber kommen. Er liegt am 1. April 1944 in seiner Wiege im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses an der Neustadtgasse in Schaffhausen. Es ist ein freundlicher Frühlingsvormittag. Seine Mutter hängt auf der Dachterrasse die Wäsche auf, sein Vater steht schon seit Wochen als Soldat an der Grenze.

Die Mutter hört die Sirenen des Fliegeralarms, nimmt sie aber nicht allzu ernst. Schon zuvor haben die Sirenen immer mal gelärmt, ohne dass je etwas passiert wäre. Schliesslich befindet man sich in der neutralen Schweiz. Doch dann knallt es. Drei Häuser entfernt hat eine Bombe eingeschlagen, weitere Einschläge folgen.

Schnell hetzt sie von der Dachterrasse hinunter zu ihrem Kind, holt es aus der Wiege und flüchtet zusammen mit ihm in den Schutzkeller. Innerhalb von 40 Sekunden treffen 778 amerikanische Spreng- und Brandbomben die Stadt Schaffhausen. 40 Menschen sterben, über 100 werden zum Teil schwer verletzt, 465 werden obdachlos. 66 Gebäude sind komplett zerstört, Hunderte schwer beschädigt. Besonders gross sind die Zerstörungen am Bahnhof, im Bereich um die Beckenstube zwischen Regierungs- und Gerichtsgebäude, im westlichen Teil der Innenstadt und im Mühlenquartier direkt am Rhein.

Ein tragischer Irrtum

Zuerst befürchtet man einen Vergeltungsschlag, weil die örtliche Industrie die Nazis mit Rüstungsgütern beliefert, doch der Angriff ist ein tragischer Irrtum. Die Bomberbesatzungen hatten die Orientierung verloren und Schaffhausen für eine deutsche Stadt gehalten. US-Präsident Franklin D. Roosevelt entschuldigte sich später bei der Bevölkerung, und Schaffhausen erhielt 40 Millionen Franken als Entschädigung.

Rolf Ebi – als Kleinkind und heute. Der pensionierte Primarschullehrer wandert gerne.

Rolf Ebi ist inzwischen 76 Jahre alt; seine Eltern erzählten ihm, was damals passiert war. Die Nachwirkungen des Bombenangriffs spürt er bis heute. Durch die Druckwelle wurden in seinem Geburtshaus die Gasleitungen beschädigt – gemeinsam mit dem Rauch schädigte dies seine Lunge. «Ich bin noch heute rasch kurzatmig und leide unter Asthma.» Und obwohl Ebi sich an den Einschlag nicht bewusst erinnern kann, spricht er von «seelischen Nachwirkungen»: «Bei Sirenenprobealarm oder Fluglärm kommen rasch Ängste hoch.»

Den Vater verloren

Unter den 40 Toten in Schaffhausen war auch Bernhard Seilers Vater. Der Kantonsrichter und Landwirt befand sich zur Zeit des Angriffs am Kantonsgericht im Stadtzentrum. «Ich war damals 14 Jahre alt und zu Hause auf dem Hof in Bibern», erinnert sich der heute 90-jährige Seiler. Als er in der Ferne die Motorengeräusche hörte, ging er vors Haus, um zu schauen, was für Flugzeuge es waren. Und hörte später auch die Einschläge – ohne zu ahnen, welche Stadt da gerade getroffen wurde. «Aber schon wenig später erhielt meine Mutter einen Anruf: Es gebe schwere Zerstörungen in Schaffhausen, auch Tote und Verletzte.»

Doch die Familie musste noch Stunden bangen, bis am späten Nachmittag die schreckliche Bestätigung kam: Der Vater war unter den Toten. Wie die anderen Kantonsrichter ging er nicht in den Luftschutzkeller, sondern stand am Fenster und beobachtete die Flieger. Die Wucht der in der Beckenstube eingeschlagenen Bombe war so gross, dass die am Fenster stehenden Richter in den Hof gezogen und getötet wurden.

Ein schwerer Schlag, besonders für Bernhard Seiler, der eine enge Beziehung zum Vater gehabt hatte und später auch den Bauernhof übernehmen wollte. «Aber niemand von uns konnte die Kühe melken. Wir mussten alle Tiere verkaufen und den Betrieb aufgeben.»

Bernhard Seiler – in seiner Jugend und heute. Der frühere ETH-Agronom sass lange für den Kanton Schaffhausen im Ständerat.

Die Amerikaner entschädigten die durch den Tod eines Angehörigen betroffenen Kinder grosszügig. «Sie bezahlten uns die Ausbildung: Meine jüngere Schwester und ich konnten an die Kantonsschule gehen, und ich studierte später Agronomie an der ETH», erzählt der Schaffhauser SVP-Alt-Ständerat.

Wer einen Bauernhof hatte, war in den Kriegsjahren privilegiert: «Wir konnten uns selbst versorgen und sogar anderen etwas abgeben. Einzig Schokolade war selten und sehr begehrt.» Einige Felder der Familie Seiler befanden sich auf deutschem Gebiet. «Wir kannten deshalb viele Leute dort, kamen auch gut mit ihnen aus. Die ersten Meldungen von Gefallenen oder Vermissten machten auch uns betroffen.» Mitte 1941 allerdings brach der Kontakt ab, weil die Nazis die Grenze geschlossen hatten.

Seilers Frau Irmgard ist drei Jahre jünger und erinnert sich vor allem an die ständige Furcht während der Kriegsjahre. «Die Eltern hatten Angst, und das übertrug sich auf uns Kinder», erzählt sie. «Und immer am Samstag versammelte sich die ganze Familie ums Radio und lauschte Jean Rudolf von Salis’ Zusammenfassung der Kriegsereignisse. Irgendwie verstand er es, uns zu beruhigen und ­Zuversicht zu geben.»

Gelernt, genügsam zu sein

Am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes in Europa, war sie gerade unterwegs mit Pfadifreundinnen, um Spezialpostmarken zu verkaufen. «Die Familien, an deren Tür wir klopften, waren glücklich und erzählten uns vom Kriegsende.» Bernhard Seiler hörte im Radio von der Waffenruhe. «Wir freuten uns sehr und hofften, dass nun wieder bessere Zeiten kommen würden – und wieder mehr Schokolade.» Seiler lächelt bei dieser Erinnerung. «Später am Tag gab es dann einen Gottesdienst. Und der Pfarrer gab unser aller Hoffnung Ausdruck, dass wir etwas derart Furchtbares nie wieder erleben müssen.»

Rolf Ebi hat keine Erinnerungen an den Moment des Kriegsendes, aber an das Aufwachsen in der Nachkriegszeit. Sein Vater arbeitete bei der Georg Fischer Giesserei und Maschinenfabrik und brachte es bis zum Vorarbeiter. Die Familie zählte zum Mittelstand. «Es gab immer genug zu essen, aber es war simpel: viele Kartoffeln, ab und zu mal ein Stück Fleisch.» Er hat als Kind gelernt, genügsam zu leben, und tut sich mit der heutigen Wegwerf- und Überflussgesellschaft eher schwer.

Auch bei den Seilers brannte sich das Prinzip der Sparsamkeit ein. «Dabei gehören wir zu einer privilegierten Generation», sagt Irmgard Seiler. «Für uns ging es seit Kriegsende beruflich immer nur aufwärts, alle hatten Arbeit und die Lohntüten waren jedes Jahr etwas besser gefüllt.»

Schaffhausen nach dem Angriff am 1. April 1944.

Bei Rolf Ebi lösten die Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag des Angriffs auf Schaffhausen im vergangenen Jahr viel aus. «Mir wurde nochmals richtig bewusst, wie viel Glück im Unglück ich damals hatte.» Der Bombe drei Häuser weiter fiel eine Frau zum Opfer, und es hätte genauso gut einen direkten Treffer in seinem Elternhaus geben können. Auch seine Tante, die ebenfalls in der Schaffhauser Innenstadt wohnte, blieb durch Glück unverletzt. Sie half sogar unmittelbar nach dem Angriff den Verletzten und erhielt dafür später von General Guisan eine Urkunde.

«Es kam vieles wieder hoch im vergangenen Jahr», erzählt er, «auch durch die Bilder des Brands von Notre-Dame in Paris.» Der pensionierte Primarschullehrer hat seine Gefühle in Zeichnungen und Aquarellen verarbeitet.

Sorgen über aktuelle Politik

Mit Sorge verfolgen die drei die aktuellen politischen Entwicklungen: der wieder zunehmende Nationalismus und Antisemitismus, die Erosion der internationalen Kooperation. «Die Hoffnung war doch, dass Europa zusammenwächst und die Probleme gemeinsam angeht», sagt Bernhard Seiler, der lange im Europarat gesessen hat. «Jetzt scheint es eher in die andere Richtung zu gehen.»

Dies fürchtet auch Rolf Ebi: «Es ist traurig, dass es immer noch so vielen Menschen auf der Welt schlecht geht. Und dass es weltweit immer noch Herrscher gibt, denen es nur um das eigene Machtstreben geht. Es hat sich leider zum Schutz und Wohlsein der Menschen zu wenig verändert.»

Ausstellung: «Bomben auf Schaffhausen», Museum im Zeughaus Schaffhausen (zurzeit geschlossen; ab 12. Mai ist die Ausstellung wieder jeden Dienstag und am ersten Samstag jeden Monats geöffnet, vorerst für Einzelbesucher)
Buchtipp: Matthias Wipf «Die Bombardierung von Schaffhausen», Meier Buchverlag 2019, auch bei exlibris.ch

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Jakob Tanner

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