03. Juni 2018

Alles andere als abgestempelt

Ist Briefmarkensammeln nur etwas für Rentner? Falsch. Die jungen Luzerner Tobi Schwarzentruber und Silvio Freund handeln als Profis mit den kleinen Vierecken. In ihrem Büro lagern Tausende von Alben. In jedem könnte ein kostbarer Schatz verborgen sein.

Tobi Schwarzentruber und Silvio Freund (links) mit dem «Basler Dybli»
Tobi Schwarzentruber und Silvio Freund (links) mit dem «Basler Dybli», der einzigen offiziellen Briefmarke des Kantons Basel.

Willst du meine Briefmarkensammlung sehen?» Tobi Schwarzentruber (33) und Silvio Freund (38) gehören zu den wenigen, die mit dem plumpsten aller Abschleppsprüche tatsächlich versuchen könnten, Frauen zu beeindrucken. In den Regalen ihres Büros in Sursee LU lagern nämlich Hunderte von Briefmarkenalben.

Sein Geld verdient Schwarzentruber damit, dass er von Privaten oder bei Auktionen grosse Briefmarkensammlungen kauft und daraus gewisse Raritäten weiterverkauft. «Dank meines Wissens sehe ich vor Ort oft wertvolle Briefmarken, die andere nicht erkennen», sagt er. Auch komme es vor, dass ihm Private ihre Sammlungen vorbeibringen. Dann schaut sich Schwarzentruber die Exemplare an, kauft sie und verkauft viele später weiter. «Bei grossen Sammlungen gehe ich auch zu den Leuten nach Hause.» Danach fährt er die frisch erworbenen Alben nach Sursee.

Goldgrube Internet

Bereits im Kindergarten hat Tobi Schwarzentruber mit dem Sammeln von Briefmarken begonnen. Im Gegensatz zu anderen Kindern, für die das Briefmarkensammeln nur ein nettes Hobby blieb, studierte er mit seinem heutigen Mitarbeiter Silvio Freund bald angefressen Bücher über das Spezialgebiet «Altschweiz» also über Briefmarken, die zwischen 1843 und 1863 gedruckt wurden.

Mit 16 Jahren entdeckte Schwarzentruber schliesslich die Versteigerungsplattform Ricardo. Hier kam er mit seinen angelesenen Kenntnissen schnell an Raritäten heran, die von anderen Briefmarkensammlern unbeachtet blieben. «Damals wurde ich von älteren Sammlern und Händlern noch belächelt. Sie dachten sich wohl: Was will denn dieser junge Schnuufer?» Doch Schwarzentruber liess sich nicht beirren; 2014 gab er seinen Job als Primarlehrer auf. Seit drei Jahren kann er von seiner neuen Tätigkeit gar leben.

Briefmarken
Die meisten Marken ab Jahrgang 1965 sind kaum mehr von Wert, weiss der Experte.

Lukrativer, als stundenlang Alben zu durchforsten, seien Käufe auf einer Onlineplattform. Dort würden Marken zum Bruchteil des realen Marktpreises angeboten, weil Laien oft nicht merkten, dass sie wertvolle Stücke besässen. Schwarzentruber kauft diese und verkauft sie teurer weiter. Viele Sammler betrachten Briefmarken zudem als Investitionsanlage. «Man kann mit den begehrten kleinen Vierecklein Tausende, wenn nicht Hunderttausende von Franken anlegen. Aber nur im Bereich ‹Altschweiz› und mit kompetenter Beratung», sagt Schwarzentruber. «Der Wert kann bei Raritäten um ein Vielfaches steigen.»

Vorsicht vor schwarzen Schafen

Für Anfänger sei es besonders wichtig, einen seriösen Händler zu finden (siehe Tipps). Es gebe leider auch in diesem Metier einige schwarze Schafe. Der Experte rät, sich zuerst im Internet schlauzumachen. «Grundsätzlich sind die meisten Marken ab Jahrgang 1965 kaum mehr von Wert. In diesem Jahr begann die Post, in grossen Auflagen Marken zu drucken, und fast jeder hat sie gesammelt.» Interessant seien Exemplare vor 1880. Da komme es auf Farbe, Stempel, Fehldruck oder Doppelprägung an, oder darauf, ob die Marke ungebraucht ist. Je nachdem könne die Ausgabe 50 oder 12 000 Franken wert sein.

Auch Schwarzentruber und Freund besitzen das eine oder andere wertvolle Stück. Über den Wert schweigen sie. «Das ist Sammlergeheimnis.» Es gehe beim Sammeln ja nicht nur ums Geld, sondern um die Freude, etwas zu besitzen, das niemand anderem gehört. «Man muss aufpassen, dass das Sammeln nicht zur Sucht wird», sagt Tobi Schwarzentruber. Er kenne Sammler, bei denen stehe die Briefmarkensammlung an erster Stelle – vor der eigenen Familie.

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Bänz Friedli

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