21. September 2017

Alle Engadiner Trümpfe

... auf einer Wanderung von La Punt über Alp und Fuorcla Prünella nach Pontresina

Lej Pischa
Kleines «Meer» im Hochgebirge: der südliche Teil des über 2700 m ü. M. gelegene Lej Pischa
Lesezeit 4 Minuten

Ausnahmsweise stelle ich eine in Sachen Höhenmeter (leicht unter 1500), aber auch Länge (trotz nur 22 km schaffens bloss schnelle Bergwanderer unter 7 Stunden!) überdurchschnittlich anstrengende Bergtour vor. Wirklich steil geht es zwar kaum 300 Höhenmeter bergauf, doch die Route bis fast zuhinterst im Chamueratal, über die kleinen Hochplateaus an den Fuss des Albris und hinab zur Languard-Sesselbahn zieht sich.

Technisch harren weder Hindernisse noch schwindelnde Abgründe, allein kurz nach der Fuorcla Prünella und vor allem in einem Abschnitt von der ersten Weggabelung nach der Fuorcla Pischa bis vor den Lej Languard gilt es, gründlich nach den im lockeren Abstand angebrachten Wegmarkierungen Ausschau zu halten. Und klar: Wir überqueren drei Mal gut 2800 m ü. M., es heisst also ziemlich sicher ... bis nächsten Sommer warten!

Warum also überhaupt der Tipp?
1. Es ist zweifelsohne eine der vielseitigsten, mir bekannten Gebirgsrouten ohne Kletter- oder Gletschersektoren.
2. Sie ermöglicht mindestens zwischen der Alp Serlas und dem Languardsee Naturerlebnisse fernab von bevölkerten Trampelpfaden. Bei meinem ersten Mal vor zehn Jahren traf ich da auf sechs weitere Wanderer in zwei Grüppchen, beim Test vor zwei Wochen ... auf niemanden! Nicht selbstverständlich für das touristische Engadin.

Abgesehen davon, dass ihr mich auf dem Werbespruch von wegen «vielseitig» (2018) gern behaften könnt, hier kurz geschildert, was ihr nach dem Dorfplatz zuhinterst in Chamues-ch Plaz alles antreffen werdet: ein Grossteil der fürs Engadin typischen Landschaftsformen in einer Art Schnelldurchlauf. Ich weiss, es dauert 7-8 Stunden, aber dennoch: eine Art Best of Engiadina.
Wir beginnen mit einer eindrücklichen, bald durchschrittenen Klus. Gefolgt von einer idyllischen Alpwiese (mit Weidevieh bis September), der nach einer weiteren Talverengung der Chamuera eine weit grosszügigere Alplandschaft folgt - gekennzeichnet vom imposanten Serlas-Bau – und trotz abschüssiger Talhänge bis weit hinauf reichendem Grün, ja gar Wald.

Mit dem Flussübergang, spätestens dem Erreichen der Prünella-Alp wird es in Etappen gebirgig, vorerst noch lauschig bewachsen, mit munter sprudelndem Bergbach. Bereits 200 Höhenmeter später wird es steinig, mit mehr Geröll: nüchtern, trocken, ja karg. Auch das gehört zwingend zum Engadin um oder ab 2500 m ü. M. Und für Abwechslung sorgt ein Wasserfall rechts und ein kleines Seitental links.

Route La Punt - Pontresina

Die Route (rot), auch als PDF zum Download (1500 x 1000 px / © swisstopo)

Hat man den in den letzten 20 Minuten nur noch von grösserem Gestein und Geschiebe geprägten Alpinweg bis zur Fuorcla (Prünella) absolviert, ändert sich das Szenario nach ein paar Metern erneut völlig. Das - genauso zahlreiche - Gestein wirkt auf den beiden folgenden Hochplateaus weniger dominant, dafür erblickt man einen Bergsee. Der wiederum verblasst, sobald man mit Lej Pischa den zweiten erreicht hat. Der heisst mit seinem grosse Weite vortäuschenden vorderen Becken (zur Rast) willkommen, kurz bevor man das auf drei Seiten von Gebirgsflanken umschlossene nördliche Bassin serviert erhält. Überraschend, aber harmlos verläuft der Wanderweg zwischen beiden hindurch, und hat man nach wenigen Minuten eine kleine Anhöhe «erklommen», bestaunt man das Nordbecken mit zwei Hängen dahinter folgend. Diese weisen im Frühherbst auf engem Raum vier bis fünf Farben auf, als wollten sie auf schweizerische Art den berühmten siebenfarbigen Hügeln im argentinisch-chilenischen Grenzgebiet kleinkrämerisch Konkurrenz machen.

Fertig? Von wegen. Nächster Menüpunkt ist mit der Fuorcla Pischa die fast pechschwarze (für mich mit Minischneefeldern weiss gepunktete) Albriswand. Schwenkt der Blick etwas weiter Richtung Norden, stösst er an den viel markanteren Languard, der jedoch mit gut ausgebautem Alpinweg ungleich besser erschlossen ist. Wir liessen diesen finalen Umweg aus, denn der Gipfel steckte teils schon in Wolken, und die nur 3-4 Kilometer, aber nochmals 400 Höhenmeter mehr zum Dessert verloren so jeglichen Reiz.

Besser konzentriert man sich unter solchen Bedingungen auf den gemütlichen Abstieg zum Lej Languard. Von da an hat man das Hochgebirge verlassen und in einem hübschen kleinen Hochtal eine völlig anders wirkende Alplandschaft vor Augen als am Vormittag: erst zum Abschluss hin leicht bewaldet (da höher), viel mehr in sich geschlossen als ein Durchgang. Bei klarer Sicht erfreut das Bernina-Panorama im Westen - nur Languard- und Albris-Flanken zu bestaunen, ermüdet schliesslich. Wer mag, macht für diese Ausblicke wenige 100 Meter nach dem Languardsee einen 200-Höhenmeter-Abstecher zur Paradieshütte.

Die anderen durchschreiten das Hochtälchen, und teilen es ab Hochsommer mit Dutzenden von Murmeltieren. Die verschwinden mit kurz schallendem Warnruf blitzschnell in ihre Höhlen, hat man sie (abhängig von Windrichtung!) ungewollt überrumpelt. Andernfalls rufen sie mehrmals hin und her, gruppieren sich auch mal zu fünft und hoppeln scheinbar unmotiviert herum.

Noch langsamer bin bloss ich nach der (Halb-)Runde von La Punt nach Pontresina. Die Knie sind mehr als dankbar, dürfen sie die letzten fast 600 Höhenmeter hinab auf einem Sesseli zurücklegen. Für mich steht fest: In spätestens zehn Jahren komm ich wieder.

Geeignet für sportlichere Wanderer mit etwas Gebirgs-erfahrung
Höhepunkt: nach Serlas, Lej Pischa, vor und am Lej Languard
Pause: Serlas, ob Alp Prünella, Lej Pischa, Alp Languard
Dauer: 7 bis max. 8 Std. (Laufzeit ohne Pausen)
Höhenmeter (bergauf): 1450 m

Trümpfe der Wanderung La Punt - Pontresina

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