18. Mai 2017

Alec Baldwin war sein schlimmster Feind

Nach einem Karrieretief ist Alec Baldwin zurück im Business: In der Sketchshow «Saturday Night Live» brilliert er mit seiner Donald-Trump-Parodie, und soeben sind seine Memoiren erschienen. Der Schauspieler und engagierte Demokrat über die Lage der Trump-Nation, Berufseitelkeiten und Familiensinn. Dazu: Die schönsten Politiker-Filmsatiren.

US-Schauspieler Alec Baldwin
Feiert ein Comeback als Entertainer und Autor: US-Schauspieler Alec Baldwin. (Bild: Getty Images)

Alec Baldwin, wie parodiert man Donald Trump erfolgreich?
Normalerweise imitiere ich Leute, die ich gut finde, etwa Al Pacino oder Tony Bennett. Aber das ist hier sicher nicht der Fall (lacht). Ich habe mir natürlich Videoclips angeschaut, aber ich wusste lange nicht, wie ich die Figur Trump angehen soll. Selbst vor der ersten Liveshow, als der Bühnenmitarbeiter mich an der Hand im Dunkeln auf die Bühne brachte, wusste ich es noch nicht genau. Ich will nicht dramatisieren, aber es war schon ein Sprung ins kalte Wasser.

Was war schliesslich der Schlüssel zu Ihrer Trump-Interpretation?
Was die physische Umsetzung betrifft, kippe ich einfach den Kiefer nach vorn – den Rest macht die Perücke . Und ich versuche, den Tonfall ungefähr zu treffen. Alles andere denken sich die Schreiber aus. Ansonsten spiele ich einen, der mies drauf ist, egal, was passiert. Das ist eins der grossen Trump-Rätsel für mich: Er hat die Wahl gewonnen und ist immer noch nicht happy. Ich war überzeugt, dass er nach seinem Sieg den Verlierern die Hand schütteln und mit ihnen ein Bier trinken würde. Aber nix dergleichen. Trump ist noch so bitter wie im Wahlkampf.

Alec Baldwin als Donald Trump in der US-TV-Show «Saturday Night Live»
Alec Baldwin als Donald Trump in der US-TV-Show «Saturday Night Live». (Bild: Getty Images)

Alec Baldwin als Donald Trump in der TV-Show «Saturday Night Live». (Getty Images)

Was erstaunt Sie sonst noch an ihm?
Er setzt den Ton für die allgemeine Befindlichkeit. Wäre ich Präsident, würde ich dafür sorgen wollen, dass die Leute frei sind, sich auf ihr Leben zu konzentrieren. Trump macht das Gegenteil. Nicht mal seine Fans fühlen sich sicherer oder besser unter seiner Führung. Ich habe so etwas noch nie erlebt.

Lorne Michaels, der Produzent von «Saturday Night Live», konnte Sie anfänglich nicht dazu überreden, die Rolle zu übernehmen. Weshalb zögerten Sie?
Ich war für einen Film unter Rob Reiners Regie in New Orleans gebucht. Lorne sagte, er würde mich für den Auftritt in der Show an den Wochenenden mit einem Privatjet nach New York fliegen. Aber so hätte ich meine Frau und meine Kinder ja gar nie gesehen, und das geht für mich heute nicht mehr. Deshalb beauftragte ich meinen Agenten, Lorne abzusagen. Aber dann ging etwas schief mit einem Filmvertrag; die Finanzen waren nicht mehr gesichert. Und da ich noch nicht unterschrieben hatte, liess ich den Film sausen – der dann allerdings doch noch gemacht wurde. Nun schüttelt mir Lorne vor jeder Show die Hand und erinnert mich daran.

Es kam schon zu einem Twitter-Duell mit Trump. Haben Sie den Präsidenten auch persönlich getroffen?
Oh Gott, nein! Ich wüsste nicht, unter welchen Umständen das passieren sollte. Früher habe ich ihn ein-, zweimal getroffen, aber er war in der New Yorker Gesellschaft schon immer eher ein geduldeter als ein erwünschter Gast. Er lebte in seiner Familienblase und kam zu Events, um ein Foto zu machen, dann ging er wieder. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, wobei nicht ganz klar ist, wie erfolgreich. Nur schon Geld anzuhäufen, egal auf welche Weise, bedeutet in New York etwas. Man hält ihn allerdings eher für einen, der vom Vater geerbt hat – nicht für den brillanten Geschäftsmann, als den ihn der Rest des Landes seit seiner Reality-Show «The Apprentice» wahrzunehmen scheint.

Man hält Trump eher für einen, der vom Vater geerbt hat ...

Sehen Sie sich nun die nächsten vier Jahre in Trump-Sketchen, oder ist die Rolle auch eine Belastung? Sie sind ja ein leidenschaftlicher Demokrat …
Natürlich finde ich es traurig, dass er Präsident ist. Im November werden wir auf jeden Fall noch ein Trump-Satirebuch herausbringen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass
ich Trump noch viel länger spielen werde. Irgendwann werden wir jenseits von Parodie und Satire ankommen. Irgendwann ist Schluss mit lustig. Die Leute machen sich Sorgen. Beispiel Los Angeles: Die Luftqualität hat sich in den vergangenen 30 Jahren dank der Emissionsstandards verbessert. Trump aber will alles kaputtmachen, was wir in Sachen Umwelt erreicht haben. Mit ihm als Präsidenten hat man immer das Gefühl, es werde alles noch schlimmer, als steuere ein Asteroid auf die Erde zu.

Glauben Sie, dass Humor eine Form von Widerstand ist?
Die Leute sagen mir das jedenfalls dauernd und danken mir dafür, dass ich bei diesem Widerstand mitmache und ihnen mit meiner Parodie durch diese schlimmen Zeiten helfe. Ich kann das zwar verstehen, aber ich sehe es nicht so. Meine Motivation ist ausschliesslich die Unterhaltung. Mir wurde nach den Wahlen vorgeworfen, ich hätte Trump vermenschlicht und er hätte deshalb gewonnen. Auch das glaube ich nicht.

Warum hat er in Ihren Augen gewonnen?
Vielleicht haben die Russen die Wahlen gehackt, ich weiss es nicht. Hillary Clinton war sicher nicht in Topform und ihre Kampagne nicht die beste. Ihr Mann wurde am Rand parkiert – warum haben sie Bill Clinton nicht mehr einbezogen? Weil Hillary auf eigenen Beinen stehen sollte? Die Demokraten mussten schwierige Entscheide fällen, etwa die, wie mit der Debatte um Hillary Clintons E-Mails umzugehen sei. Für mich ist klar, dass man gewisse Dinge in Washington richtig verbogen hat, damit Trump und nicht ein würdiger Kandidat gewählt wurde. Ich hoffe, wir erfahren noch zu meinen Lebzeiten, weshalb das so war.

Für mich ist klar, dass man gewisse Dinge in Washington richtig verbogen hat, damit Trump und nicht ein würdiger Kandidat gewählt wurde.

Sie glauben an eine Verschwörung?
Das politische Establishment in der Hauptstadt ist kein Faktenfinder, sondern ein Faktenverstecker. Zudem könnte anstelle von Trump auch ein vernünftiger Mensch wie Mitt Romney Präsident sein, aber das haben die republikanischen Strategen verhindert. Mir unverständlich.

Sie haben mit «Nevertheless» gerade Ihre Memoiren auf den Markt gebracht. Was war das Schwierigste beim Schreiben?
Das Schwierigste war, meine Karrierefehler nochmals anzuschauen. Ich stamme aus einer Familie, in der das Geld immer knapp war. Also wollte ich Kohle machen. Mit dieser Einstellung hätte ich aber besser an der Wall Street gearbeitet. Kreativ sein und Geld verdienen, das passt oft nicht zusammen. Ich war mein schlimmster Feind, weil ich meine Karriere nicht richtig gepflegt habe. Daniel Day-Lewis ist ein Sturm von Kreativität. Er macht nur alle drei Jahre einen Film und wird verehrt wie ein Gott.

Sie sind erfolgreich und doch nicht richtig glücklich?
In meinem Buch steht, dass ich als Kind tatsächlich glücklicher war: Wir hatten nichts. Hier in Amerika konzentrieren wir uns zu stark auf Geld und Macht und weniger aufs Glücklichsein. Als Schauspieler fragt man sich immer, wo man im Vergleich zu den Kollegen steht. Es ist ein ewiger Konkurrenzkampf. Ich habe meine Karriereeitelkeit komplett aufgegeben, seit ich wieder verheiratet bin und kleine Kinder habe. Heute arbeite ich sogar als Game-Show-Moderator, früher hätte ich mich darüber lustig gemacht. Aber die zahlen viel Geld. Und noch wichtiger: Ich kann zu Hause bleiben. Ich gehe nicht mehr für einen Filmdreh fünf Monate lang nach Vancouver, denn ich will bei den Kindern sein.

Ihr Bruder Stephen wurde nach 9/11 evangelikaler Christ und passionierter Supporter der Rechts-aussen-Kandidaten. Wie muss man sich die politischen Gespräche am Familientisch vorstellen?
Seit den letzten Wahlen waren wir nie mehr alle an einem Tisch. Stephen isst wohl jetzt im Trump-Tower (lacht). Tatsächlich passt er gut ins Trump-Wählerschema: Er hat die Schule nie beendet, sucht stets einfache
Antworten auf schwierige Fragen. Amerikaner sind fleissig und arbeiten viel. Aber wir bräuchten jemanden, der uns erklärt, wo wir stehen und womit wir künftig konfrontiert sein werden, was wir opfern müssen, um zu überleben. Nur ein paar dumme Entscheide – und wir sind weg vom Fenster.

Autor: Marlène von Arx

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