12. Oktober 2017

Al Gore lobt die Schweiz

Der Umweltschützer und ehemalige US-Vizepräsident gibt in seinem neuen Film «An Inconvenient Sequel: The Truth to Power» Schweizer Forschern eine grosse Bühne – und hebt das ökologische Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung hervor.

Ex-US-Vizepräsident Al Gore / Bild: Keystone
Lesezeit 4 Minuten

Eben erst spazierte er am Filmfestival durch Zürich, nun watet er auf hiesigen Kinoleinwänden durch Tiefschnee und Hochwasser: Al Gore, der Umweltschützer und frühere US-Vizepräsident. Sein zweiter Dokumentarfilm trägt den deutschen Titel: «Immer noch eine unbequeme Wahrheit – unsere Zeit läuft».

Auch die Schweiz spielt darin eine Rolle. Ein Team der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft sammelt in Grönland Daten über Schnee, Eis und Atmosphäre. Im Film besucht Al Gore das Swiss Camp am Nordpol, wo er sich vom Glaziologen und Klimaforscher Konrad Steffen erklären lässt, dass das Eis in den vergangenen Jahren stark geschmolzen ist.

«Al Gore ist ein alter Freund von mir», sagt Steffen. «Ich war sofort damit einverstanden, dass er bei uns in Grönland drehte.» Der Friedensnobelpreisträger sei kürzlich nicht nur wegen des Filmfestivals nach Zürich gekommen, verrät er. «Zuvor war er einen Tag lang an meiner Hochzeit.» 25 Jahre lang hat Steffen in den USA gewohnt und als Klimawissenschaftler gearbeitet. «Al Gore kam regelmässig bei mir vorbei und liess sich über die neusten Erkenntnisse updaten.» Gore sei sehr interessiert und hinterfrage alles. «Deshalb unterstütze ich ihn.»

Es war im August des vergangenen Jahres, als Al Gore mit seinem Filmteam nach Grönland zu Konrad Steffen reiste. «Drei Tage lang drehten wir für den Film», so Steffen. Darin ist zu sehen, wie das Swiss Camp im Schnee wie auf Stelzen steht. Dies, weil die Eisschicht darunter sehr schnell schmilzt. «In Grönland ist die Natur stark von der Klimaerwärmung betroffen», erklärt der Klimaforscher. In den letzten 16 Jahren sei die Eisschicht um 12 Meter geschmolzen.

Auch sonst pflegt Al Gore Kontakte zur Schweiz: «Ihr Land hat eine führende Rolle beim Klimaschutz», sagt er im Interview.

Mittlerweile ergraut, entspricht der 69-Jährige beim Treffen in einem Zürcher Nobelhotel so gar nicht dem Klischee der 68er-Umweltaktivisten, denen er angehört. Stattdessen verströmt er die leicht parfümierte Aura eines Geschäftsmanns: massgeschneiderter Anzug, Manschettenknöpfe, sorgfältig manikürte Hände, am Handgelenk eine Apple Watch. Und im Rücken eine Armada von Sicherheitsleuten.

«Die Schweiz hat eine Führungsrolle beim Bewältigen der Klimakrise»

Al Gore

Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, Mr. Vice President – ist das die korrekte Anrede?

Eigentlich schon. Tatsächlich behält ein US-Vizepräsident diesen Titel sein Leben lang. Für mich spielt das aber keine Rolle, nennen Sie mich doch einfach Al.

Al, Sie haben zum zweiten Mal einen umweltpolitischen Film gedreht. Weshalb?

Weil ich alles in meiner Macht Stehende tun will, um die Welt darauf aufmerksam zu machen, dass wir das Klimaproblem lösen müssen, bevor es zu spät ist.

Was haben Sie bisher erreicht?

Es freut mich, wenn mir Leute sagen, ich hätte sie dazu inspiriert, selber aktiv zu werden. Darum geht es letztlich ja. Wichtig ist mir auch, aufzuzeigen, dass die Förderung nachhaltiger Energie wirtschaftliche Chancen bietet, konkret: dass sie Arbeitsplätze schafft. Wir sehen das im Bereich der Solarenergie. In den USA gab es dort 2016 einen Jobanstieg von 17 Prozent.

Der Klimawandel ist auch in der Schweiz immer wieder Thema – Stichwort Gletscherschmelze.

Der Rückgang ist dramatisch! Das Gleiche passiert in den Anden, im Himalaja, in Grönland und der Arktis. Das bewirkt einen Anstieg des Meeresspiegels, der ein Problem für Küstenstädte darstellt: In Bangladesch werden deshalb Millionen von Menschen umgesiedelt.

Der Anstieg des Meeresspiegels scheint im Binnenland Schweiz weit entfernt. Betrifft er uns?

Mit dem Felssturz in Bondo vor sechs Wochen haben Sie die Folgen des Klimawandels erlebt: Das passiert, wenn der Permafrost in den Alpen auftaut. Die Schweiz hat aber noch ein anderes Problem: Infolge der Gletscherschmelze schwindet die alpine Schönheit. Der Tourismus, insbesondere der Wintersport, leidet unter dieser Entwicklung.

Wie bekommen wir das Problem in den Griff?

Künftig werden nur noch sehr hoch gelegene Skiorte Schnee haben. Wir lassen täglich weltweit 110 Millionen Tonnen klimaschädliche Emissionen in die Luft, die unsere Atmosphäre belasten. Das Klimaproblem wird erst gelöst sein, wenn wir endlich die fossilen Brennstoffe aufgeben. Im Rahmen des Projekts «I Am Pro Snow» arbeite ich mit Skiorten in der ganzen Welt zusammen. Ziel ist es, komplett auf erneuerbare Energien umzustellen.

Wie schlägt sich die Schweiz?

Hier möchte ich der Schweizer Bevölkerung ein Kompliment machen: Die Schweiz wird bewundert. Sie ist ein Vorzeigemodell. Erstens hat sie eine gute Regierung, zweitens eine exzellente, konkurrenzfähige Wirtschaft und drittens eine Führungsrolle bei der Bewältigung der Klimakrise.

Und im internationalen Vergleich?

Jede Nation könnte mehr machen, allen voran die USA. Aber ich bin optimistisch: Zum ersten Mal stellen wir fest, dass die Emissionen stabil bleiben und reduzierbar sind. Es geht langsam voran. Aber ich halte mich an einen berühmten Ökonomen, von dem die Aussage stammt: «Es dauert immer länger als erwartet, bis Dinge passieren. Aber dann passieren sie viel schneller, als man denkt.» Dieses Muster zeichnet sich jetzt ab, während die Welt sich auf Lösungen in der Klimakrise konzentriert.

Wie steht es um Ihren eigenen ökologischen Fussabdruck?

Soeben habe ich 520 Solarpanels auf dem Dach meiner Farm angebracht. Ich fahre ein Elektroauto, und ich ernähre mich vegan. Aber auch ich belaste das Klima, etwa wenn ich von den USA nach Zürich fliege. Ich hoffe, dass es bald umweltfreundlichere Flugzeuge gibt. Aber grundsätzlich sehe ich mich als Mann der Tat – oder wie man bei uns sagt: «I walk the walk, not just talk the talk.»

Al Gore (69) ist Umweltschützer, ehemaliger Vizepräsident der USA, Friedensnobel- und Oscar-Preisträger.

Station der Schweizer Forschungsgruppe in Grönland
Die Station der Schweizer Forschungsgruppe in Grönland. (Bild zVg))

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