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07. Juli 2014

Die Akrobaten der Lüfte

Diesen Sommer feiert die Patrouille Suisse an der Air 14 in Payerne ihren 50. Geburtstag – vor 400'000 Zuschauern. Das Migros-Magazin hat einen Tag mit den wagemutigen Piloten verbracht.

Patrouille Suisse
Die sechs Piloten der Patrouille Suisse: Gaël Lachat, Rodolfo Freiburghaus, Michael Meister, Simon Billeter, Gunnar Jansen, Reto Amstutz (von links).

Als Erstes erklingt leicht scheppernd die Nationalhymne aus den Lautsprechern. Alles starrt erwartungsvoll an den Himmel, in dem nach einem heftigen Regenschauer noch immer ein paar dicke Wolken hängen. Plötzlich tauchen in der Ferne kleine schwarze Punkte auf, die sich in hohem Tempo nähern. Die Musik wechselt zum bombastischen Soundtrack eines Hollywood-Films, während der Sprecher die Formation Eiger ankündigt. Und schon sind die sechs Tiger-Jets der Patrouille Suisse direkt über dem kleinen Flugfeld in Biel BE und rasen in eleganter Dreiecksform vorbei, der Soundtrack wird von einem fauchenden Dröhnen übertönt. Während man noch die schnittige Form der Jets bewundert und über den geringen Abstand zwischen den Flügeln staunt, haben die sich am Himmel längst wieder in kleine schwarze Punkte verwandelt und bereiten hinter den Wolken die nächste Formation vor.

Auf einem Hochstand am Rande des Flugfelds steht Daniel Hösli (56), die Augen starr nach oben gerichtet, ein Funkgerät in der Hand. Er ist Kommandant der Patrouille Suisse und während der Flugshow direkt mit den Piloten in den Jets verbunden. Die können nämlich nicht beurteilen, wie ihre Flugakrobatik vom Boden her aussieht. Hösli gibt während des Flugs Feedback, mahnt kleine Korrekturen an und lobt.

Wenige Stunden zuvor sass das ganze Team noch entspannt in Emmen LU beim Mittagessen im Garten einer Pizzeria, unweit des Militärflugplatzes. Die sechs Jetpiloten unter der Leitung von Simon Billeter (39) fliegen teils schon jahrelang miteinander und plaudern im lockeren Umgangston von Freunden, die sich gut kennen. «Während man sonst beim Flugdienst der Armee eher für sich allein funktionieren muss, beruht die Patrouille Suisse auf Teamwork», erklärt Billeter. «Wir müssen uns aufeinander verlassen können.»

Neumitglieder werden vom Team gewählt – einstimmig

Für die Kunstflugstaffel der Schweizer Armee kann man sich deshalb auch nicht bewerben, das Team selbst wählt ein neues Mitglied aus dem Pool der Militärpiloten – und zwar einstimmig. Fast immer sagt der Gewählte Ja. So auch Rodolfo Freiburghaus (31), der erst seit 2013 bei der Patrouille Suisse fliegt. Warum die Ehre gerade ihm zuteil wurde, weiss er nicht. «Das müssen Sie die anderen fragen», sagt er und grinst. Die verweisen spöttisch auf seine charmante, pflege­leichte Persönlichkeit und fügen etwas ernster an, dass immer verschiedene Aspekte hineinspielen. «Er muss einfach menschlich ins Team passen und darf kein Einzelgänger sein, das wäre schwierig», erklärt Michael Meister (38), seit 2005 dabei und damit am längsten in der Kunstflugstaffel.

Weil die Piloten auch ganz normalen Dienst bei der Luftpolizei leisten, kennen sie alle Kollegen gut genug, um einschätzen zu können, wer zu ihnen passt. Dass immer wieder mal ein Posten neu zu besetzen ist, liegt daran, dass die Altersgrenze bei der Patrouille Suisse um die 40 Jahre liegt und dass der Einsatz dort zeitlich eine enorme Zusatzbelastung neben dem regulären Dienst darstellt. «Wir sind öfters am Wochenende im Einsatz als die anderen und abends häufig so spät zu Hause, dass wir von unseren Familien nicht viel sehen», sagt Gaël Lachat (34), der einzige Romand im Team.

Für alle aber ist mit dem Job bei der Patrouille Suisse ein Bubentraum in Erfüllung gegangen. Gunnar Jansen (31), wegen seiner früh ergrauten Haare Gandalf genannt (nach dem Zauberer aus «The Lord of the Rings»), wäre als Kind zwar noch lieber Astronaut geworden, ist nun aber sehr glücklich mit der Fliegerei. Und Reto Amstutz (36) ist direkt neben einem Militärflughafen auf­gewachsen – schon als Knirps träumte er davon, selbst zu fliegen. Er begann als 16-Jähriger mit Segelfliegern und wurde mit 22 Berufsmilitärpilot.

Daniel Hösli, 
Kommandant der Patrouille Suisse (rechts), dirigiert sein Team vom Boden aus. Für die spätere Analyse werden die Flüge gefilmt.
Daniel Hösli, 
Kommandant der Patrouille Suisse (rechts), dirigiert sein Team vom Boden aus. Für die spätere Analyse werden die Flüge gefilmt.

Kommandant Daniel Hösli ist selbst von 1987 bis 1997 in der Patrouille Suisse geflogen, 2001 hat er deren Führung übernommen. Seither ist er Trainer, Organisator und Marketingchef in einer Person. «Die Patrouille Suisse ist das Aushängeschild des Schweizer Militärs. Einerseits zeigen wir nach aussen, was wir können, andererseits wollen wir damit auch junge Leute motivieren, Militärpilot zu werden. Dafür braucht es ein gutes Image.» Pro Jahr benötigt die Armee rund ein Dutzend neue Piloten. Seit etwa zehn Jahren können sich auch Frauen zum Kampfpilot ausbilden lassen, derzeit gibt es aber nur einige wenige in Helikoptercockpits.

Anfragen kommen sogar aus China und Indien

Die Kunstflugstaffel generiert pro Jahr etwa 170 000 Franken Zusatzkosten. Die Piloten müssen ohnehin jährlich 120 bis 150 Flugstunden absolvieren. «Würden sie nicht hier fliegen, sässen sie halt mehr in den Cockpits der F/A-18», sagt Hösli. Pro Jahr fliegt die Patrouille Suisse knapp 20 Shows, davon ein Viertel im Ausland. «Anfragen haben wir allerdings etwa 100, sogar aus China und Indien, aber einen Einsatz so weit weg kriegen wir logistisch nicht hin.»

Viel Zeit haben die Piloten für ihr Mittagessen nicht, obwohl sie heute ­schon einen Einsatz hinter sich haben. Nach einer knappen Stunde brechen sie bereits wieder auf in ihr Hauptquartier, ein grosses Büro auf dem Gelände des Militär­flugplatzes Emmen. Die Wände dort sind voll von Trophäen sowie Gratu­lationen zum 50. Geburtstag von Kunstflugstaffeln aus aller Welt. «Wir kennen uns gut, weil wir uns immer wieder bei Shows im Ausland begegnen», sagt Hösli. «Wir Flieger sind alle freundschaftlich verbunden. Meistens gibt es im Schweizer Camp einen Grillabend, an dem auch alle anderen teilnehmen.»

Einsatzplanung für die nächste Show.
Einsatzplanung für die nächste Show.

Während zwei der Piloten sich auf der Couch ein wenig ausruhen und für den bevorstehenden Showflug sammeln, beschäftigen sich die anderen mit den Wetterprognosen für den Nachmittag und der Luftraumstruktur über Biel. «Jede Vorführung ist immer etwas anders, abhängig von Wetter und Topografie», erklärt Simon Billeter. «Wenn Berge in der Nähe sind, können wir gewisse Formationen nicht fliegen, und wenn wir kein perfektes Wetter haben, müssen wir zum Beispiel auf den Looping verzichten.» Sicherheit ist ein gros­ses Thema – deshalb ist es in den ­ 50 Jahren auch nicht zu einem einzigen Unfall gekommen.

Während die Jetpiloten sich weiter vorbereiten, bricht Hösli bereits auf. Er fliegt in einem Pilatus Porter voraus, einer kleinen Propellermaschine, damit er bereit ist, wenn die Kunstflieger am Himmel über Biel erscheinen. Derweil der Pilatus Porter nämlich rund 25 Minuten bis dorthin braucht, schaffen die schnellen Tiger-Jets das locker in 5.

Die Show heute ist nur die Generalprobe für den Auftritt am nächsten Tag zur Feier von 125 Jahren Aerophilatelie, aber auch sie muss überzeugen. Allerdings verhindert eine heftige Regenfront die Übung des Schönwetterprogramms – immerhin zieht sie noch rechtzeitig ­weiter. «Wir lassen Vorführungen nur ausfallen, wenn es gar nicht anders geht, etwa bei Bodennebel oder Sicht von weniger als fünf Kilometern», sagt Hösli.

Und was die wagemutigen Jetpiloten zu den Klängen bombastischer Filmsoundtracks vorführen, ist noch immer eindrücklich genug, um das Publikum zum Staunen und wilden Fotografieren zu bringen. Da dreht sich ein Tiger mal schnell um die eigene Achse oder fliegt mit fast 1000 km/h durch ein Tor, das von den fünf anderen gebildet wird, die ihm mit 400 km/h entgegenfliegen (Formation Tunnel). Aber selbst der kleine Pilatus Porter mit der Patrouille-Suisse-Bemalung, der vergleichsweise unscheinbar auf dem Rollfeld steht, erfreut sich grosser Aufmerksamkeit.

Nach rund 20 Minuten verabschiedet sich die Staffel mit einem letzten, röhrenden Überflug, und Hösli klettert wieder von seinem Hochstand – höchst zufrieden mit der Leistung seiner «Jungs». Kurz darauf findet im Emmener Hauptquartier das Debriefing statt. «Die Formationen waren schön», lobt Hösli. Eine kleine Kritik äussert er zum Timing der Ablösungen. Zudem seien sie beim ersten Durchflug zu niedrig gewesen.

Entspannung zwischen zwei Einsätzen.
Entspannung zwischen zwei Einsätzen.

Damit allerdings ist der Arbeitstag der Piloten, der um 7 Uhr mogens begonnen hat, noch immer nicht vorbei. Abends ist eine weitere Show über Elgg ZH geplant. Und was vom Boden aus so elegant und mühelos aussieht, ist in Wirklichkeit harte Arbeit, die enorme Konzentration und fliegerisches Können erfordert. Auch die physische Belastung ist hoch, je nach Manöver werden die Piloten mit bis zu siebenfacher Erdanziehungskraft in ihre Sitze gepresst. Entsprechend anstrengend ist ein Tag mit drei Einsätzen – Traumjob hin oder her.

Dunkle Wolken über der Zukunft der Kunstflugstaffel

Zudem hängen seit dem Volks-Nein zum Gripen im Mai dunkle Wolken über der Zukunft der Patrouille Suisse. Die Tiger-Jets stammen aus dem Jahr 1978 und werden wohl 2016 ausgemustert, eigentlich hätte man dann neu mit F/A-18 fliegen sollen. «Ob dafür nun Spielraum besteht, ist zurzeit offen», sagt Hösli, der den Entscheid zum Gripen zwar bedauert, aber auch nachvollziehen kann. Für ihn selbst ist allerdings Ende 2015 ohnehin Schluss, dann geht er in den Vorruhestand und wird sich seinen ande­ren Passionen widmen, seinem Garten, dem Tennisspielen und Reisen.

Allerdings will er nicht ausschliessen, dass er auch danach noch im Cockpit von Militärjets sitzen wird. «Ich habe schon das eine oder andere Angebot», erklärt er mit einem Augenzwinkern. «Tiger-Ausbildner sind weltweit gefragt.»

www.patrouille-suisse.ch

www.sphair.ch

Bilder: Gerry Nitsch

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