13. Februar 2017

Äthiopien, das Land mit der anderen Zeitrechnung

Manche Regionen Ostafrikas sind noch von der Zivilisation unberührt. Die Reise zu den Hamar gibt Einblicke in eine archaische Kultur. Da richten sich nicht einmal die Uhren nach den sonst weltweit gültigen Zeitzonen.

Vor dem «Rinderspringen» tanzen die Frauen
Ein Hamar-Dorf in der Nähe von Turmi: Vor der Zeremonie des «Rinderspringens» tanzen die Frauen, um den Jungen anzufeuern.

Die Frauen tanzen und springen singend auf und ab, ihre mit Lehm eingeriebenen Zöpfchen wippen auf ihren Köpfen. Sie tragen Teile von Kuhhaut um ihre Hüften. Silberfarbene Reifen zieren ihre Arme, um den Hals hängen Ketten aus farbigen Plastikperlen, in den Ohrläppchen stecken Ringe. Manchmal besteht der Ohrschmuck auch einfach aus einer Schraube. Wir befinden uns im Süden Äthiopiens im Omotal in einem kleinen Dorf des Stammes Hamar.

Dorf, das heisst ein paar einfache Strohhütten und Kinder und Ziegen, die sich dazwischen tummeln. Es wird gefeiert. Ein Initiationsritus für einen Teenager findet statt. Um zum Mann zu werden, muss er das traditionelle Rinderspringen absolvieren. Dafür werden ein Dutzend Rinder in einer Reihe dicht aneinandergedrängt, und der Junge muss, angefeuert von den Gesängen des Stammes, über die Rücken der Tiere rennen, die grösser sind als er selbst.

Dieses Spektakel ist faszinierend, doch eine andere Zeremonie lässt uns erschauern: Ein junger Mann des Stammes Hamar lässt mehrmals eine dünne Holzrute auf den nackten Rücken einer Frau sausen. Hellrote Wunden zeigen sich auf ihrer Haut. Mehrmals versichert uns unser Reiseführer, dass dies zur Kultur gehört, als Zeichen der Wertschätzung der Frauen.

Wir haben Mühe, dies nachzuvollziehen, auch wenn wir sehen, dass es die Frauen sind, die den Männern die Holzruten auffordernd in die Hand drücken. Statt Schmerz sehen wir Stolz in ihren Augen. Um diese Zeremonie anzusehen, mussten wir zwar eine Art Eintrittsgebühr von umgerechnet 25 Franken bezahlen, aber das Ganze hätte auch ohne uns Touristen stattgefunden. Ein authentischer Einblick in die Kultur eines der Urvölker Afrikas.

Eintauchen in die uralten Stammeskulturen

Der Besuch dieses Stammes ist Teil unserer sechstägigen Reise durch den Süden Äthiopiens. Wir sind mit einem Reiseführer und einem Fahrer unterwegs. Von Addis Abeba nach Arba Minch sind wir mit einem lokalen Überlandbus gefahren, für den Besuch der Stämme und Dörfer im Süden ist jedoch ein Mietfahrzeug mit ortskundigem Fahrer unabdingbar. Die oft ungeteerten und mit Löchern übersäten Strassen sind eine Herausforderung.

Auch um den Reiseführer sind wir froh. Gerade hier sprechen nur wenige Äthiopier Englisch, von der gebildeten Oberschicht abgesehen. Die Landessprache ist Amharisch und die einzige afrikanische Sprache mit einem eigenen Alphabet. Das erschwert das Reisen zusätzlich, weil man die Wegweiser nicht lesen kann.

In Dorze erleben wir das einfache Leben und die Kultur auf dem Land. Die Region besteht aus zwölf Dörfern auf einer Höhe von 2600 Meter über Meer. Während Addis Abeba zu einer lauten, chaotischen Grossstadt mutiert ist und dort immer mehr Hochhäuser gebaut werden, ist das Leben auf dem Land noch sehr traditionell.

Die Bewohner Dorzes leben in runden Hütten aus Bambus und Bananenblättern. Ein Raum pro Familie, in der Mitte das Feuer, um die Hütte warmzuhalten und Insekten zu vertreiben. Gekocht wird draussen. Neben diesem Besuch bei einer Familie erfahren wir ­auch etwas über die Herstellung von Baumwolle. Und wir lernen ein wenig das kulturelle Leben kennen, sei es in der Kirche – die Mehrheit des Landes ist ­äthiopisch-orthodox –, auf dem Dorfplatz oder in Bars und Restaurants. Auch wir übernachten hier in den traditionellen Hütten.

Die Uhren ticken anders


Ansonsten findet man in Äthiopien je nach Ortschaft von günstigen, äusserst einfachen Zimmern in einer Art Guesthouse bis zu gut ausgestatteten Hotelzimmern sehr unterschiedliche Unterkünfte. Die grossen, internationalen Hotelketten gibt es jedoch ausschliesslich in Addis Abeba.

Äthiopien ist kulturell auch deshalb interessant und einmalig, weil es sich um das einzige Land Afrikas handelt, das nie unter europäischer Kolonialherrschaft stand. Darauf sind die Äthiopier stolz, und sie bewahren ihre Tradition und Kultur stärker als in anderen Teilen des Kontinents. Dass Äthiopien im wahrsten Sinn des Worts anders tickt als der Rest Afrikas, hat auch Livia Röthlisberger schnell erfahren. Die Schweizerin lebt seit zweieinhalb Jahren in Addis Abeba und erinnert sich an ihre ersten Wochen im Land, wie jeden Tag sass sie im Bus unterwegs zur Arbeit: «Die Uhren in den Bussen gehen ja alle falsch», sagte sich die Bernerin verwundert.

Livia Röthlisberger
Livia Röthlisberger verbessert mit Project-E die Ausbildungs- und Jobchancen junger Äthiopierinnen.

Später erfuhr sie, dass in Äthiopien eine andere Zeitrechnung als die übliche Weltuhrzeit nach der Zeitzonenkarte herrscht: Der Tag beginnt und endet hier mit der Sonne. Ein Tag hat zwar auch zweimal zwölf Stunden, beginnt aber erst um sechs Uhr morgens, mit dem Sonnenaufgang. Dies ist nur eines der zahlreichen Beispiele, durch die Röthlisberger die Kultur und das Land kennen-, aber auch lieben gelernt hat.

Das NGO-Projekt fördert junge Äthiopierinnen


Ursprünglich war die junge Frau nur für sechs Monate nach Ostafrika gereist, als Volontärin für eine deutsch-österreichische Nonprofitorganisation. Nach dem Studium von Internationalen Beziehungen in Genf, einem Austauschsemester in La Réunion und zwei Praktika in Bern, zog es die damals 24-jährige Absolventin nach Afrika. Aus den geplanten sechs Monaten wurden zweieinhalb Jahre, aus dem Freiwilligeneinsatz nach bereits vier Monaten eine fixe, bezahlte Stelle.

Inzwischen versteht die junge Frau aus Täuffelen BE nicht nur, warum äthiopische Uhren sechs Stunden nachgehen, sie kennt auch die Geschichte sowie die Kultur Äthiopiens und kann sich fliessend auf Amharisch, der offiziellen Landessprache, verständigen. «Mir war es von Anfang an wichtig, die Kultur und die Sprache zu lernen, um das Land besser zu verstehen», sagt Röthlisberger. «Auch bei meiner Arbeit ist das von Vorteil, man wird ernster genommen.»

Die 26-Jährige repräsentiert vor Ort die NGO Project-E als einzige Europäerin in einem Team aus acht Mitarbeitenden. Sie ist sozusagen das Bindeglied zwischen Europa und Afrika. Project-E betreibt in Addis Abeba eine Hotelfachschule und bietet jungen Äthiopierinnen aus sozial schwierigen Verhältnissen eine zweijährige Ausbildung an. Frauen, denen der Zugang zur Universität aus finanziellen und sozialen Gründen verwehrt blieb, bekommen so eine Zukunftsperspektive.

Faszinierend für Abenteurer und Historiker

Dies umso mehr, als der Tourismus in den letzten Jahren stark gewachsen ist und zu einer hohen Nachfrage nach gut ausgebildetem Hotelpersonal geführt hat. Zu Recht: Äthiopien hat viel zu bieten. «Das Land eignet sich für naturbegeisterte Abenteurer und historisch Interessierte», sagt Röthlisberger.

Viele Touristen sehen sich die aus dem 12. Jahrhundert stammenden Felsenkirchen in Lalibela an, doch auch die Tisissat-Wasserfälle des Blauen Nils – das sind immerhin die zweitgrössten Wasserfälle in Afrika – oder Wanderausflüge sind beliebt. Der Nationalpark des Simiengebirges umfasst mehrere Viertausender. Röthlisbergers Favorit sind die weniger touristischen Baleberge. Ein Führer (und oft auch ein bewaffneter Wächter) ist allerdings staatlich vorgeschrieben, übernachtet wird in Zelten oder kleinen Berghütten.

Auch die Hauptstadt Addis Abeba bietet Interessantes: das Nationalmuseum mit dem bekannten Fossil «Lucy», die Dreieinigkeitskathedrale als letzte Ruhestätte des Kaisers (und Messias der Rastafaribewegung) Haile Selassie oder die lokalen Märkte. Der «Mercato» ist sogar der grösste Freiluftmarkt in Afrika. Dort findet man von Haushaltsutensilien über Schmuck und Autoteile bis zu Textilien einfach alles.
Ein schönes Souvenir sind die bunten Baumwolltücher, die weissen, traditionellen Kleider mit farbig gewebten Rändern und Mustern oder Kaffeebohnen: ­Äthiopien gilt übrigens als das Ursprungsland des ­Kaffees. 

Der 24-jährige Äthiopier Desalegn aus Dorze
Der 24-jährige Äthiopier Desalegn aus Dorze war der Reiseführer.

Bilder: Eva Hirschi

Benutzer-Kommentare