21. September 2017

Adrenalinkicks made in Switzerland

Die schnellste Achterbahn der Welt steht in Abu Dhabi, die höchste in New Jersey. Beide stammen aus der Schweiz. Die Familie Spieldiener und ihre Firma Intamin sind mitverantwortlich dafür, dass die Schweiz zur Weltmarktführerin im Achterbahn-Geschäft aufstieg.

The Green Lantern
Nervenkitzel auf der Kinda Ka: Die von Intamin gebaute Bahn ist mit 139 Metern die höchste der Welt und steht im Freizeitpark Six Flags Great Adventure in New Jersey. (Foto: Intamin)
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Patrick Spieldiener (54) ist ein vielbeschäftigter Mann. Gerade eben hat er sich mit einer Delegation aus Indien getroffen, einer der wenigen weissen Flecken auf der Intamin-Weltkarte. «Es gibt dort noch keinen einzigen richtigen Vergnügungspark, und das wollen sie nun ändern», sagt Spieldiener. «Und natürlich wollen sie gleich die schnellsten und höchsten Bahnen, obwohl das ihr Publikum völlig überfordern würde.» Er hat versucht, sie zu überzeugen, erst mal kleiner anzufangen, damit sie sich noch steigern können. «Klar verdienen wir so erst mal weniger Geld, aber wenn alles gut geht, entwickelt sich eine jahrzehntelange Kundenbeziehung.»

Solche Beziehungen unterhält Intamin (International Amusement Installations) etwa mit Six Flags, dem riesigen Freizeitpark in New Jersey, oder mit den amerikanischen Unterhaltungsgiganten Disney und Universal, die in mehreren Städten der Welt gut besuchte Vergnügungsparks betreiben – Stammkunden, die die globale Achterbahn-Grossmacht Intamin seit Jahrzehnten mit neuen, aufregenden Bahnen beliefert.

Schon seit einiger Zeit spielt die Musik allerdings im Nahen und Fernen Osten. «In China sind wir gewaltig gewachsen, in der Türkei ebenfalls, und derzeit boomt Vietnam», sagt Spieldiener. Und Indien könnte der nächste Zukunftsmarkt werden, aber noch ist offen, ob Intamin mit den Betreibern dort zu einer Einigung kommt.

Patrick Spieldiener testet The Green Lantern
Vorfreude auf eine wilde Fahrt: Patrick Spieldiener testet The Green Lantern im Freizeitpark Six Flags Magic Mountain in Kalifornien. Foto: Zen Sekizawa.

Spieldiener führt das Unternehmen mit rund 200 Angestellten in sieben Ländern in zweiter Generation. Der Jahresumsatz beträgt 100 Millionen Franken. Gegründet wurde Intamin 1967 im Wallis von den österreichischen Brüdern Robert und Reinhold Spieldiener sowie deren Landsmann Alphons Saiko. Sie arbeiteten alle beim Seilbahnbauer Bühler und merkten nach einem ersten Projekt, dass im Anlagenbau für Vergnügungsparks ein gewaltiges Marktpotenzial brachlag. So machten sie sich selbständig und lieferten schon bald regelmässig Bahnen für Six Flags nach New Jersey.

Inzwischen hat Intamin fast 1000 verschiedene Anlagen gebaut und ist praktisch überall auf der Welt präsent. Im Schnitt entsteht jedes Jahr eine neue Bahn. «Meist sind es Varianten von bestehenden oder solche, die wir dank neuer Technologien anders konzeptionieren», sagt Spieldiener, der als Maschineningenieur auch selbst noch Bahnen entwickelt. «Etwas ganz Neues zu erfinden, wird allerdings zunehmend schwierig.»

Doch die Nachfrage bleibt bestehen, gerade bei den ganz grossen Parks, die ihrem Publikum immer wieder etwas Neues bieten müssen. Das darf dann ohne weiteres 30 Millionen kosten – Hauptsache, noch schneller, noch höher, noch wilder.

Bei Neueröffnungen ist Spieldiener immer gern dabei, kann dies aber nur noch selektiv sein, «sonst wäre ich dauernd am Reisen». Ab und zu gönnt er sich jedoch eine Jungfernfahrt auf einer seiner neuen Bahnen irgendwo auf der Welt. Es helfe, als Chef einer Achterbahnfirma einen robusten Magen zu haben. «Aber wenn ich ohne Pause mehrmals hintereinander fahren muss, wirds selbst mir ein bisschen mulmig.» Und natürlich fährt er nie nur einfach so zum Spass, das kritische Auge des Fachmanns ist immer dabei.

Die dritte Generation steht schon bereit

Dass er mal die Firma übernehmen würde, war nicht immer ausgemacht. «Die Beziehung zu meinem Vater war nicht besonders gut, er war stark aufs Geschäft fokussiert, entsprechend wenig hatte ich von ihm in meiner Kindheit. Ausserdem übte er starken Druck auf mich aus, später mal das Geschäft zu übernehmen. Das führte bei mir eher zu einer Abwehrhaltung.» Zu seinem Onkel Robert war die Beziehung besser, und er war es dann auch, der den jungen Patrick davon überzeugte, eine Weile bei der Firma im Wallis mitzuarbeiten. Danach ging er für Intamin nach Südkorea, wo damals viele Bahnen neu gebaut wurden. «Und so rutschte ich rein.» Seit 20 Jahren leitet er nun das Tagesgeschäft. Sein Vater starb vor etwa zehn Jahren, und der Onkel ist mittlerweile 88 und ganz auf seine Tierschutzarbeit konzentriert.

Und die nächste Generation steht schon bereit: Spieldieners Söhne Lukas (26) und Kevin (24) studieren beide Maschinenbau. Der Jüngere ist bereits ins Unternehmen eingetreten, während der Ältere «erst mal etwas anderes machen» will, erzählt der Vater. Die Chancen sind jedoch intakt, sodass die Firma auch künftig in Familienhand bleibt.

Derzeit laufen die Geschäfte sehr gut. «Wir haben das Personal am Hauptistz in den letzten sieben Jahren de facto verdoppelt», erklärt Spieldiener, weitere Zahlen verrät er nicht. «Aber der Konkurrenz geht es genauso gut.» Viele dieser anderen Firmen haben ihre Wurzeln bei Intamin, sind ehemalige Mitarbeiter, die sich mit dem erworbenen Know-how selbständig gemacht haben. Dadurch ist die Schweiz zu einer Grossmacht im Achterbahnbau geworden.

«Dass die Schweiz weltweit führend ist, hat auch damit zu tun, dass sie eine Tradition beim Bau komplexer technischer Anlagen hat – darauf können wir aufbauen.» Jedenfalls kennt man sich untereinander gut und hat sich auf gemeinsame Sicherheits- und Qualitätsstandards geeinigt, die laut Spieldiener auch konsequent eingehalten werden. «Wenn es Unfälle gibt wie letzten Herbst in Australien, dann in der Regel bei Bahnen von ausländischen Konkurrenten, die von uns kopiert, aber günstiger gebaut haben.» Denn Qualität hat ihren Preis, und diesbezüglich macht Intamin keine Kompromisse. «Wer das nicht bezahlen kann oder will, den lassen wir ziehen.»

Reise zu den Stammkunden

Gebaut werden die Bahnen in Werken in Deutschland und der Slowakei, der Hauptsitz der Firma liegt nach einem langwierigen Streit mit den Schweizer Steuerbehörden in Schaan im Fürstentum Liechtenstein. Aber Intamin versteht sich weiterhin als Schweizer Firma und hat auch einen Sitz in Wollerau SZ.

Daneben gibt es Büros in fünf weiteren Ländern, unter anderem in China, Korea und Japan. Nach Japan allerdings hat Spieldiener schon seit zehn Jahren keine neue Bahn mehr verkauft. «Das Land stagniert, und die Bevölkerung wird älter, ein schwieriger Markt für uns. Aber es stehen dort noch immer viele unserer Bahnen, die wir von Tokio aus selbst warten.»

Und Japan stand trotz allem auch auf Spieldieners Reiseprogramm dieses Jahr. Er liess nämlich ein Buch zum 50-Jahr-Jubiläum der Firma machen, das er vielen seiner Stammkunden persönlich überreichte. «Das war auch eine schöne Gelegenheit, diese Leute wieder mal zu treffen.» Früher war das üblich, man sah sich persönlich, um eine grosse, neue Bahn zu bestellen. «Heute läuft alles per Mail und mit Verträgen dick wie Bücher. Ich vermisse die alten Zeiten ein wenig.»

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