29. März 2018

Kleine Abenteurer im Wald

Waldspielgruppen sind beliebt: Dort sollen Kinder die Natur kennenlernen, Selbstvertrauen entwickeln und spielend die Zeit vergessen – auch bei garstigem Wetter.

Kinderschar sitzt mit den LeiterInnnen im Schnee

Kaum ist der Frühling da, hat über Nacht noch einmal der Winter zugeschlagen: Es ist drei Grad unter Null, auf den Waldwegen liegt tiefer Schnee. Die Kinder der Waldspielgruppe «DusseVerusse» in Zollikofen bei Bern stört das nicht. Sie haben sich soeben mit einem gemeinsamen Lied von ihren Eltern verabschiedet und stapfen nun fröhlich durch den verschneiten Wald: warm verpackt, mit soliden Winterschuhen, je zwei Paar Handschuhen, Mützen und Kapuzen. Wie eine bunte Schar Zwerge.

Allen voran Kaa Schuler (55), Gründerin der Waldspielgruppe. Zusammen mit den Kindern hält sie Ausschau nach Tierspuren. «Da war ein Reh!», ruft Louis (4), und alle scharen sich um die entsprechenden Abdrücke. Etwas weiter vorn sind ganz kleine Pfotenprofile zu sehen – ein kleiner Hund vielleicht? Vielleicht sogar ein Fuchs! Manchmal sehen die Kinder ein Reh vorbeihuschen, im Frühling lauschen sie den Vögeln. «Im Wald lernen die Kinder ganz nebenbei Tiere und Pflanzen kennen», sagt Kaa Schuler.

beim Spielen wärmen sich die Waldkinder auf
Im Sommer machts schon mehr Spass, aber beim Spielen wärmen sich die Waldkinder auf.

In diesem Semester sind 15 Kinder in der Waldspielgruppe dabei, mehr als das übliche Dutzend. Deshalb hilft im Moment der angehende Lehrer Colin Schwab (27) mit. Nach dem Znüni versorgt er die Sitzunterlagen auf einem Sackkarren und zurrt die Plane darüber fest. Darunter stapeln sich Kisten mit Werkzeug, Ersatzkleidern, Koch- und Essgeschirr, Esswaren, Notfallapotheke, Seilen und einem Toilettensack: Wenn man im Wald sein Geschäft verrichten muss, wird dieses vergraben, das Klopapier verbrannt. Das lernen hier schon die Kleinen.

Weiter gehts, die Kinder schwatzend voran, mittendrin die beiden Leiterinnen Claudia Marbot (39) und Kaa Schuler, ausgebildete Naturpädagoginnen und beide mit einem Kind an jeder Hand. Eine Schar Buben hat sich mit Stecken ausgerüstet, sie schleichen durch die Büsche am Wegrand, auf der Suche nach Piraten. Im Wald können die Kleinen ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Da wird schnell aus einem verästelten Zweig eine Waldspinne oder aus einem Stecken ein Schwert. Die Erwachsenen lassen den Kindern ganz bewusst viel Zeit für ihre Spiele.

Und so kommt die Gruppe erst nach mehr als zwei Stunden beim Waldsofa an, dem eigentlichen Domizil der Waldspielgruppe, obwohl der Weg auch in einer Stunde zu machen wäre. Der flexible Zeitplan hat System: «Viele Kinder haben heutzutage ein enorm durchgetaktetes Programm», sagt Claudia Marbot, «hier dürfen sie einfach sein, ohne dass Zeit eine Rolle spielt.» Deshalb sind für das ganze Programm fünf Stunden eingeplant.

Aber ist es wirklich gut für Kinder, fünf Stunden am Stück in der Kälte zu verbringen? Ein Überlebenstraining solle es natürlich nicht sein, sagt Kaa Schuler. Sie erklärt den Eltern jeweils genau, wie sie ihre Kinder mit Zwiebelschichten wetterfest anziehen können, und wenn ein Kind wirklich friert, lässt sie es abholen. Gibt es Eltern, die ihre Kinder in der Waldspielgruppe abgeben, damit sie selber nicht mit ihnen rausmüssen? Kaa Schuler glaubt das nicht: «Wer uns sein Kind mitgibt, bewegt sich selbst gern im Freien», ist sie überzeugt, «und diese Eltern wissen auch, dass wir halt manchmal in Schnee und Kälte unterwegs sind.» Bei bis minus acht Grad führt «DusseVerusse» den Waldmorgen durch. Wird es kälter oder weht eine eisige Bise, weicht die Gruppe auf einen Indoorspielplatz aus. Das sei allerdings kein vollwertiger Ersatz, findet Kaa Schuler: «Nichts fördert die Beweglichkeit und Koordination so gut wie das Spielen im Wald.»

Kalte Kinderfüsse? Die Leiterin hat Wärmebeutel dabei
Kalte Kinderfüsse? Die Leiterin hat Wärmebeutel dabei.

Ist es derart kalt wie an diesem Morgen, sind die Leiterinnen entsprechend gut ausgerüstet: Als Johann kalte Füsse bekommt, nimmt Kaa Schuler kurzerhand zwei Wärmebeutel aus ihrem Rucksack, aktiviert sie durch Schütteln und legt sie um die kalten kleinen Zehen. Stiefel drüber - erledigt. Für kein Kind soll der Waldmorgen eine Qual sein. Als Aruna beim Stapfen durch den Schnee jammert, sie sei müde, nehmen Kaa Schuler und Claudia Marbot sie beschwingt in die Mitte und helfen ihr so die Anhöhe hinauf. Das letzte Stück mag Aruna wieder munter selbst gehen.

Spätzli aufgesetzt

Beim Waldsofa hat Claudia Marbot inzwischen ein Feuer entfacht und einen Topf Spätzli aufgesetzt, die sie mit Rahm, Reibkäse und Apfelmus servieren wird. Derweil versammelt Colin Schwab die Kinder für eine Mittagsgeschichte unter einem Baum. Gebannt hängen ihm die Kinder an den Lippen, als er vom Elefanten und der Maus erzählt. Sie merken nicht einmal, dass ganz feines Schneerieseln eingesetzt hat. Als später ein paar Kinder über kalte Finger klagen, pustet Schwab einfach ihre Kinderhandschuhe warm.

Zwischen Geschichte und Essen tollen die Kinder ausgelassen umher. Trotzdem: Unfälle passieren selten. Ein paar Kratzer hier, eine Beule dort, Schlimmeres ist zum Glück bisher nicht vorgefallen. Dafür stärkt der Aufenthalt im Freien das Immunsystem und könnte sogar gut für die Augen sein. Augenärzte in Taiwan und Australien haben herausgefunden, dass Kinder, die lange Zeit im Haus und vor dem Computer verbringen, viel eher und stärker kurzsichtig werden als solche, die viel Zeit in der Natur verbringen. Die Erklärung: Wer mit den Augen öfter mal ein Ziel in der Ferne anpeilt, entspannt die Augen. Ausserdem lassen Studien darauf schliessen, dass sich Tageslicht günstig auf die Entwicklung des Augapfels auswirkt.

Im Schnee rumtoben macht hungrig
Im Schnee rumtoben macht hungrig. Käsespätzli sind der perfekte wärmende Sattmacher.

Das Essen ist bereit, die Kleinen rennen zum Waldsofa und setzen sich auf ihre Unterlagen. Heute freuen sich alle auf eine heisse Mahlzeit. Vorsichtig verteilt Joel (4) die gefüllten Teller, später darf er mit dem Knabberteller voller Nüsse und Trockenfrüchte die Runde machen.

Als alle Rucksäcke mit den Thermosflaschen und Znüniboxen wieder angeschnallt sind, Handschuhe und Mützen wieder gut sitzen, nehmen die Kinder den Rückweg unter die Füsse. Sie sind immer noch voller Energie. Das abschüssige Wegstück lockt zum Plastiksackschlitteln. Aber heimwärts geht es ohnehin meistens schneller als auf dem Hinweg: Alle freuen sich auf ihre Eltern, die sie am Waldrand erwarten. Die Kinder rennen ihnen auf dem letzten Wegstück entgegen. Die bunte Zwergenschar im verschneiten Wald.

DusseVerusse hat acht Standorte in der Schweiz und richtet sich an Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren. Diesen Frühling startet in Andwil TG eine Gruppe für Eltern mit Kindern ab 1½ Jahren.

Kinder lernen, ein Problem kreativ zu lösen

Nicolas Lätt (42)
Nicolas Lätt (42), ist ausgebildeter Lehrer, Erlebnispädagoge, Outdoor-Guide und ehemaliger Spitzenruderer. Mit seinen vier Söhnen verbringt er jede freie Minute in der Natur, in seinem neuen Buch gibt er seine Tipps weiter: Outdoor Kids bei exlibris.ch

Nicolas Lätt, warum ist das Spielen in der Natur für Kinder wichtig?

Draussensein fördert die Gesundheit, die Koordination, soziale Interaktionen und das Selbstbewusstsein der Kinder. Und es ist sehr wichtig, dass Kinder einfach einmal ziellos sein dürfen, erst dann können sie kreativ werden und Ideen entwickeln.

Lernen sie hier anders als in der Schule?

Tatsächlich. In der Natur kommt eine innere Motivation hinzu, etwas zu lernen – wenn sie auf einen Baum hinaufkommen wollen beispielsweise. Und draussen können sich Kinder in ihrem eigenen Tempo weiterentwickeln. Ganz nebenbei lernen sie Tiere und Pflanzen kennen und die Natur zu respektieren.

Wie können Eltern einem Stubenhocker Outdoorabenteuer schmackhaft machen?

Dazu müssen Eltern selbst bereit sein, mit ihren Kindern etwas zu unternehmen. Auch weniger abenteuerlustige Eltern können das. Sie müssen sich aber nicht gleich zumuten, sich von einer Felswand abzuseilen. Auch unterwegs einen Bach zu stauen, ein Feuer zu machen, Tierspuren zu suchen oder einen Brotofen aus Steinen zu bauen, sind bereits kleine Abenteuer.

Abenteuer klingt gut, aber was ist mit Gesundheit und Sicherheit?

Selbstverständlich sollen Kinder zum Velofahren einen Helm und im Kanu eine Weste tragen. Aber zu viel Angst und zu viele Verbote hemmen die Entwicklung der Kinder. Wenn wir ihnen alles verbieten, können sie nie lernen, mit Gefahren umzugehen.

Also auch einmal die Augen zudrücken und ein Risiko eingehen?

Es klingt eher gewagt, aber tatsächlich riskiere ich lieber, dass einer meiner Söhne ein Bein bricht, als dass ich ihnen alles verbiete. Selbstverständlich würde ich sie niemals in Lebensgefahr bringen. Aber was sie in der Natur lernen, können sie später im Leben brauchen: Selbstsicherheit und die Fähigkeit, Probleme kreativ zu bewältigen.

Das sagen die Waldkinder und ihre Eltern

Aruna (3½)

Aruna (3½)

«Am besten gefällt mir immer das Znüniessen mitten im Wald. Im Sommer bin ich sogar noch ein bisschen lieber draussen, weil man dann nicht so viel anziehen muss. Wenn wir beim Waldsofa sind, helfe ich Claudia beim Holzsammeln und Kochen, meistens macht mir das fast noch mehr Spass, als zu spielen.»

Leandro (4)

Leandro (4)

«Ich finde es sehr cool im Wald, wenn es so schön schneit, und ich bin ja ganz warm angezogen. Wir haben vorhin Tierspuren gefunden, und einmal habe ich sogar schon ein Reh gesehen. Jetzt freue ich mich auf das Feuer. Einmal durfte ich es sogar mit Claudias Hilfe anzünden. Und einen Megahunger habe ich auch!»

Johann (4)

Johann (4)

«Ich säge aus diesem Ast ganz viele Holzrädchen und überlege, was ich damit machen kann. Ich bin gern im Wald, auch im Winter finde ich es super: Hauptsache, ich kann mit der Säge arbeiten und viel spielen. Heute haben wir im Schnee ganz viele Tierspuren gesehen: von Rehen, Hasen, Hunden. Und eine war, glaube ich, sogar von einem Fuchs.»

Gregory (4, Bild unten, 2. von rechts)

«Ich bin ganz neu dabei, aber wir gehen auch mit der Familie oft in den Wald. Heute habe ich extra meine Schneeschaufel mitgenommen. Am lustigsten war es, mit den anderen durch die Büsche zu schleichen und Abenteuerspiele zu spielen - wir haben sogar Büffel und Wölfe gesehen!»

Gregory (4) (Bild oben, 2. von rechts)

Runya (4, Bild oben, 2. von links)

«Ich habe gerade keine Zeit zum Reden. Wir spielen Familie, und ich bin das Kind. Heute ist es anstrengend, durch den Schnee zu rennen. Im Sommer, wenn es schön warm ist, macht es mir im Wald eigentlich ein bisschen mehr Spass. Aber beim Spielen habe ich trotzdem schön warm.»

Kristin Paredes (33)

Kristin Paredes (33)

«In der Waldspielgruppe können sich energiegeladene Kinder auspowern. Die frische Luft tut ihnen gut und härtet sie ab. Sie sind ja sonst so oft drinnen. In diesen fünf Stunden dürfen sie einfach mal ohne Zeitdruck sein, in Ruhe einen Käfer beobachten oder unbeschwert spielen. Und gleichzeitig geben das Waldsofa und der fixe Ablauf mit Liedern und Geschichten den Kindern einen guten Rahmen und damit Sicherheit.»

Adrian Glauser (42)

Adrian Glauser (42)

«Wir bringen alle vier Kinder in den Wald, damit sie Erfahrungen in einer grösseren Gruppe machen können. Neben sozialen Erlebnissen haben die Kinder da die Gelegenheit, die Natur besser kennenzulernen und die Jahreszeiten zu erleben. So gewöhnen sie sich an Umweltbedingungen und sind dementsprechend wenig krank. Sie kommen jeweils müde, aber glücklich zurück.»

Nina Güdel (31)

Nina Güdel (31)

«Die Innenspielgruppe gefiel meinem Sohn, aber draussen zu spielen liegt ihm einfach mehr. Aus der Waldspielgruppe kommt er jedes Mal total dreckig, aber gut gelaunt zurück. Das Wetter ist ihm völlig egal, nur die Erlebnisse zählen. Er liebt es, beim Mittagessen die Teller zu verteilen, das macht ihn stolz. Kann er mit Stecken spielen oder an einem Regentag in Pfützen hüpfen, ist er glücklich.»

Monika Truninger (36)

Monika Truninger (36)

«Wir sind sehr oft draussen, unser Sohn freut sich auch beim grössten Regen auf den Waldmorgen. Er hat extrem viel Fantasie: Blätter und ein paar Stecken genügen ihm bereits zum Spielen. Heute geht er ganz anders mit der Natur um und beobachtet auch mal im Garten geduldig eine Ameise. Toll, dass die Kinder im Wald ziellos sein und spielen dürfen.»

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