21. Dezember 2015

Abenteuerträume in Trinidad und Tobago

Sich einmal fühlen wie Robinson Crusoe? An den Stränden und in den Urwäldern von Trinidad und Tobago lassen sich solche Abenteuerträume leicht erfüllen. Und in den Städten locken das süsse Nichtstun und der Sound des Calypso.

Unberührte Natur: Die Küsten von Tobago locken mit wildem Urwald und einsamen Traumstränden.
Unberührte Natur: Die Küsten von Tobago locken mit wildem Urwald und einsamen Traumstränden.

Der erste Eindruck ist grandios: Golden scheint die Sonne auf den Inselzipfel beim Flughafen. Ein Sonnenuntergang der Extraklasse empfängt Tobago-Reisende. Wo einst Robinson Crusoe seinen Überlebenskampf führte, kann sich der Tourist heute sicher und wohl fühlen. Der Schriftsteller Daniel Defoe (1660–1731) liess seinen Abenteuer­bestseller gleichen Namens auf dieser kleinen Antilleninsel spielen. Hier erlebte der schiffbrüchige Romanseemann Ausserordentliches und Exotisches. Der Roman stimmt perfekt auf die Reise ein: Die Landschaftsbeschreibungen sind auch heute noch erstaunlich aktuell.

Traumstrände und zehn Stunden Sonne

«Ein Paradies? Durchaus», findet Fabrizio Ceppi (46). Der gelernte Elektromonteur aus Mendrisio TI lebt seit 15 Jahren auf Tobago. «Das ist der Vorhof des Garten Eden.» Also wieso nicht gleich ins Paradies ziehen, sagte sich Ceppi, als er sich im kanadischen Toronto auf einer seiner weiten Reisen in Claire Evanson verliebte.

Einfaches Leben: In Speyside pflegen Jugendliche nach der Schule das «Limen», das lockere Herumlungern.
Einfaches Leben: In Speyside pflegen Jugendliche nach der Schule das «Limen», das lockere Herumlungern.

Die 52-jährige Künstlerin stammt aus Trinidad, dem Garten Eden! 1999 beschloss das Paar, auf der nur ein Viertel so grossen Schwesterinsel Tobago sein Glück zu suchen. «Wir liebten feines Essen und originelle Kunst, also gründeten wir hier unsere «Pasta Gallery», wo wir beides vereint anbieten. Bei uns können die Gäste italienische Küche geniessen und karibische Bilder bewundern und kaufen.»

Keine 100 Meter von ihrem Restaurant entfernt, schlagen die Wellen sanft an einen der schönsten Strände der Insel: Pigeon Point. «Ist doch toll, dass ich jeden Tag meine Sporthobbys pflegen kann», schwärmt Ceppi. «Wellenreiten, Kitesurfen und auch Tauchen – im Tessin ging das allenfalls an schönen Wochenenden im Sommer.»

Traumstrände gibt es auf Tobago viele: Pirate’s Bay für Einsamkeitsfanatiker, weil man dort nur zu Fuss hinkommt; Englishman’s Bay zwischen Palmen und Mandel­bäumen – und natürlich die Lover’s Bay für Liebespaare, die den langen Bootstrip an diese abgelegene Bucht nicht scheuen.

Tobago mit seinen 60'000 Einwohnerinnen und Einwohnern bezaubert durch eine üppige Natur. Reichlich Früchte und Gemüse, viel Fisch und rund zehn ­Stunden Sonne pro Tag gibt es hier – und zum Glück liegt die Insel ausserhalb des ­immer wieder von Wirbelstürmen heimgesuchten Inselgürtels.

Die Menschen leben vor allem auf den Veranden ihrer farbenfroh gestrichenen Häuschen. Das Leben ist beschaulich; hie und da holpern auf löchrigen Strassen ein paar Trucks vorbei. Das Klima mit Temperaturen um die 30 Grad ist dank konstanter Brise und hoher Luftfeuchtigkeit äusserst angenehm.

Fabrizio und Claire Ceppi verwöhnen in ihrer «Pasta Gallery» mit Köstlichkeiten.
Fabrizio und Claire Ceppi verwöhnen in ihrer «Pasta Gallery» mit Köstlichkeiten.

Etwas kritischer als Ceppi betrachtet das Ganze einer, Fabrizio und Claire Ceppi verwöhnen in ihrer «Pasta Gallery» mit Köstlichkeiten.der ebenfalls seit 15 Jahren in Tobago verheiratet ist. Christian Achorner (55) aus Lienz im Tirol sagt: «Ich liebe hier die wilde, reiche Pflanzen- und Tierwelt sowie das Klima.» Beim morgendlichen Dschungeltrip durch den Regenwald, den der Guide jeweils um 4.30 Uhr beginnt, zeigt er seinen Gästen Fledermäuse, seltene blaue Morphofalter und Kolibris.

Minitermiten schmecken nach Karotten

Der Österreicher teilt mit uns sein riesiges Wissen über eine Pflanzenwelt, die zu 95 Prozent für den Menschen nutzbar ist, und er lässt uns Minitermiten essen, die nach Karotten schmecken – gewöhnungs­bedürftig, aber köstlich exotisch.

Kundiger Guide: Christian Achorner zeigt die schönen Seiten der «grünen Hölle» und lässt Neugierige gar Ameisen kosten.
Kundiger Guide: Christian Achorner zeigt die schönen Seiten der «grünen Hölle» und lässt Neugierige gar Ameisen kosten.

«Der Urwald sollte öfter unser Lehrmeister sein», sagt Achorner. «Bedauerlich finde ich, dass die Einheimischen nicht mehr aus diesem Inselparadies machen, keine bessere Infrastruktur aufbauen und keinen besseren Service bieten.»

Achorner führt Touristen nicht nur durch den Dschungel, er zeigt ihnen auch andere Sehenswürdigkeiten wie etwa einsame Strände oder schöne Kirchen. Und wenn er nicht selber an grossen Partys kocht, dann begleitet er Traumschiffcrews oder das schwedische Velo-Nationalteam in die besten Restaurants der Insel. Sein liebstes? Das «Suckhole», wo man die besten Spare Ribs für umgerechnet neun Franken erhält, wo man aber auch darüber staunt, dass man Teller und Besteck sowie ein Lächeln des Servicepersonals speziell einfordern muss. Man befinde sich hier in einem Land, das die Schönheiten und die Sprache Floridas mit dem morbiden Touch und der kommunistischen Arbeitsmoral Kubas vereine, sagt Achorner lakonisch.

Bunte Hektik auf Trinidad

In Tobago muss man sich keine Sorgen wegen Diebstählen machen, auf der Schwesterinsel dagegen gilt es, achtsam zu sein. Denn Trinidad ist weitaus urbaner. Die Bewohner der Hauptinsel lieben den Exzess. Rund 1,3 Millionen Menschen leben in diesem Schmelztiegel der Kulturen, wo je ein Drittel der Bewohner seine Wurzeln in Afrika respektive Indien hat. Nebst der Grossstadt Port of Spain mit den zahlreichen Kolonialbauten überzeugen vor allem die Vogelreservate und Wasserfälle.

Glückliche Badener: Familie Wohler pendelt zwischen dem Aargau und Trinidad; Tochter Natalia singt am Karneval.

Kultur und Natur gefallen auch der Familie Wohler, die einen Wohnsitz in Baden AG und einen zweiten auf Trinidad hat. Donald Wohler (62) und Tochter Natalia (27) wurden auf Trinidad geboren. Ursula (57) stammt aus einer St. Galler Bauernfamilie.

Wohler, der zunächst in der petrochemischen Industrie und später in der Pharmai­ndustrie gearbeitet hat, erzählt: «Vor 30 Jahren baute ich auf Trinidad ein Haus abseits der Hektik in einer Kakaoplantage. Heute gibt es leider kaum noch Landwirtschaft; Strassen, Lärm und Staus sind allgegenwärtig.»

Fette Beute: Fischer verkaufen ihren Fang gleich am Strand von Los Gallos.
Fette Beute: Fischer verkaufen ihren Fang gleich am Strand von Los Gallos.

Wohler schwärmt von den guten alten Zeiten, als die Einheimischen ihre schmucken Holzhäuser pflegten und nicht einfach verrotten liessen. «Heute scheren sich viele Junge leider nur noch darum, wie sie ihre Autos schnittig aufmotzen können. Oder sie pflegen das sogenannte Limen, ein von der Gesellschaft akzeptiertes Herumlungern oder Siestamachen. Der Öl- und Gas-Reichtum brachte auch die Schattenseiten des Wohlstands und machte etliche Menschen bequem.»

Die Moderne setzte dem Doppelbürger Wohler zu: In der Schweizer Arbeitswelt kam er an seine Grenzen und liess sich vor zwei Jahren vorzeitig pensionieren. Jetzt kann er im Grünen gemächlich seinen Lebensabend mit Hausrenovationen und Gartenarbeit angehen.

Wohler geniesst es, auf der Terrasse zu sitzen oder die Insel immer wieder aufs Neue zu erkunden. Zeit hat er nun mehr als genug. «Vielleicht sollte ich irgendwann segeln lernen oder mit dem Golfspielen anfangen, um auf dem Green ganz in der Nähe Abwechslung zu finden. Denn auch für diese Sportarten gibt es in Trinidad ideale Bedingungen.»

Heimat des Calypso-Sounds

Viel Abwechslung erlebt Tochter Natalia Wohler, die als Sechsjährige ihre Begeisterung für das Singen entdeckte. Im Haus in Baden sang sie vor dem grossen Spiegel Lieder von Céline Dion nach und übte die Tanzschritte von Britney Spears. Heute nimmt Natalia in ihrer zweiten Heimat, in der der Calypso-Sound und die Steeldrum, eine vor den Bauch geschnallte Metalltrommel, erfunden wurden, regelmässig eigene Songs auf.

Musik wohin man geht: Ein Strassenverkäufer in Sangre Grande gibt mit seinen Rasseln den Rhytmus des allgegenwärtigen Calypso-Sounds vor.
Musik wohin man geht: Ein Strassenverkäufer in Sangre Grande gibt mit seinen Rasseln den Rhytmus des allgegenwärtigen Calypso-Sounds vor.

Mit Musikproduzent Rishi Mahato schliff sie etwa tagelang am Popsong «Time to Wuk» (Zeit zu arbeiten). Mit dem rhythmusstarken Song im Soca-Stil, der Soul mit Calypso verschmilzt, hätte Natalia gerne die Schweiz am Eurovision Song Contest vertreten, schaffte es aber nicht in den Final.

Immerhin bringt sie mit ihren Liedern Zehntausende am Karneval in Port of Spain zum Tanzen, der gleich hinter dem Karneval von Rio rangiert. Ihr Produzent Mahato lobt sie: «Natalia ist nicht nur talentiert und schön, auf der Bühne hat sie auch eine packende Ausstrahlung. Und als blonde Weisshäutige ist sie in der fast ausschliesslich dunklen Konkurrenz in Trinidads Hauptstadt Port of Spain einzigartig.»

Unberührte Riffe

Prächtige Natur: Der Rote Ibis ist das Wappentier von Tobago und Trinidad.
Prächtige Natur: Der Rote Ibis ist das Wappentier von Tobago und Trinidad.

Einzigartig sind auch die vielfältigen Möglichkeiten in dieser Inselwelt, in der man täglich Abenteuer wie Robinson Crusoe erleben kann: Neben Exkursionen in die exotische Tier- und Pflanzenwelt lohnt sich das Erkunden der karibischen Wasserwelten mit ihren unberührten Riffen und dem grossen Fischreichtum: ein Taucherparadies. Selbst schuld ist, wer ­seine Zeit bloss an den Stränden verbringt – so verpasst man einen grossen Teil der vielen Schönheiten von Trinidad und Tobago.

Die Recherche dieser Reise wurde vom Condor Flugdienst unterstützt.

Bilder: Mathias Haehl

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