24. August 2018

Mit Hanf und Hut durch Colorados Wildnis

Unberührte Natur, Wildwasserfahrten, Bisons, Ufo-Fans und legales Cannabis: Im US-Bundesstaat Colorado findet man mehr als andernorts. Mittendrin befindet sich die boomende Metropole Denver, die von Edelweiss seit Kurzem direkt angeflogen wird.

Hätten wir doch nur diesem verdammten Ranger nicht vertraut! «Vielleicht ab und zu ein paar Schneefelder», hatte er uns gesagt. Aber verirren könne man sich auf dem Ute Trail keinesfalls. Immerhin riet er zu Wanderschuhen, wofür ich sehr dankbar bin, nachdem ich nun schon zum fünften Mal bis übers Knie im Schnee eingesunken bin. Ächzend ziehe ich mein Bein wieder raus und sehe, wie der Fotograf, lediglich in Turnschuhen und Shorts, vor mir erneut einsinkt.

Das grössere Problem: Vor lauter Schneefeldern haben wir drei Wanderer aus der Schweiz keine Ahnung mehr, wo der offizielle Pfad durchführt. Alles sieht in etwa gleich unberührt aus, Bäume, Büsche, abschüssiges Gelände. Und so schön die karge Gebirgslandschaft des Rocky Mountain National Park auf 3500 Meter über Meer ist, so sehr verliert das seinen Reiz, wenn man nicht mehr sicher ist, ob man das Ziel noch findet.

Ute Trail im Rocky Mountain National Park
Der Ute Trail im Rocky Mountain National Park: Leider ist der Pfad nicht immer so klar erkennbar wie hier.

Ich plädiere dafür zurückzugehen, immerhin würden wir diesen Weg ganz sicher finden. Doch wir sind nun schon über eine Stunde unterwegs, auf einem Trail, der angeblich etwa zwei Stunden dauern soll. Der Fotograf argumentiert fürs Weitergehen und entdeckt dann etwas, das vage nach Pfad aussieht. Wir gehen also tapfer voran. Kurz darauf hören wir Stimmen und sind erleichtert. Allerdings nur kurz: Am Rande eines weiteren Schneefelds sitzen ein älterer Mann und zwei ziemlich übergewichtige Frauen. Die Amerikaner berichten, dass ihre zwei Freunde vor 90 Minuten losgezogen seien, um Hilfe zu holen, sie könnten nicht mehr weiter.

Wir versichern ihnen, dass wir unten Bescheid geben, wo sie sind, und hoffen sehr, nicht selbst in eine solche Situation zu geraten. Immerhin: Die Fussspuren der beiden anderen sind uns eine nützliche Orientierungshilfe. Schliesslich klettern wir entlang eines kleinen Rinnsals mitten durch die Wildnis auf Händen und Füssen hinunter zu einem See und kommen diesem entlang am späten Nachmittag endlich zu unserem Ziel, nach insgesamt etwa drei Stunden. Kurz zuvor begegnen uns zwei Ranger, die gerade aufbrechen, um dem festsitzenden Trio Hilfe zu leisten. Wir beschreiben so gut wie möglich, wo wir sie gesehen haben; was aus ihnen geworden ist, erfahren wir nicht.

Wilde Natur bei 300 Sonnentagen im Jahr

Die Gebirgslandschaften von Colorado mögen ein wenig so aussehen wie die in der Schweiz, aber nicht nur stromern dort Berglöwen, Bären und Elche durch die Gegend, sie sind auch viel grösser, wilder und unerschlossener. Wegweiser zum Beispiel gibt es fast keine. Und man kann stundenlang unterwegs sein, ohne anderen Menschen oder irgendwelchen Zeichen der Zivilisation zu begegnen.

Wer sicher ans Ziel kommen will, heuert einen Guide an, sei es fürs Wandern, Bergsteigen, Skifahren oder die beliebten Wildwasserfahrten auf dem Arkansas River. Die fantastisch vielfältige Natur von Colorado mit ihren 300 Sonnentagen pro Jahr ist schon seit Jahrzehnten Anziehungspunkt für Sportler und Erholungssuchende aller Art. Doch der Bundesstaat lockt auch ein eher ungewöhnliches Grüppchen von Menschen an: Jeweils Ende Juli versammeln sich Ufo-Gläubige aus aller Welt zu einer grossen Konferenz beim «UFO Watchtower» in Hooper, ein paar kleinen Gebäuden mitten im Niemandsland, das anscheinend für Ausserirdische besonders anziehend ist.

Candace Knowlan beim UFO Watchtower
Candace Knowlan hat selbst schon einige seltsame Flugobjekte in der Gegend gesehen.

Pro Jahr kämen 20 000 bis 30 000 Besucher beim Watchtower vorbei, erklärt Candace Knowlan (70), die das Gelände derzeit stellvertretend für die verunfallte Besitzerin betreut. «Viele davon haben schon Ufos gesehen und sind froh, hier mit Leuten sprechen zu können, die sie nicht auslachen.» Knowlan selbst hat über die Jahre in der Gegend schon mehrfach selbst unerklärliche Flugobjekte beobachtet, sogar tagsüber. Und die ersten Sichtungen hätten schon die Indianer im 16. Jahrhundert beschrieben, versichert sie. Aber warum gerade in Hooper? «Weil hier Kraftlinien zusammenlaufen und ein Portal zu anderen Paralleluniversen bilden», erklärt sie und berichtet, dass es auch schon zu Spontanheilungen im kleinen Garten vor dem Watchtower gekommen sei.

Boomende Metropole mit hippen Lokalen

Das Tor zu dieser wundersamen Wildnis ist die Metropole Denver, die von Edelweiss seit Anfang Juni zwei Mal pro Woche direkt angeflogen wird. Dort lebt auch die Schweizerin Kathrin Troxler (38), die gemeinsam mit ihrem amerikanischen Lebenspartner Brian Erdner (39) seit vier Jahren den kleinen Reiseanbieter Aspire Tours führt. «Noch vor fünf, sechs Jahren war Denver eine Stadt, in der man per Flugzeug ankam und dann sofort weiterreiste», erklärt Troxler. Doch das ist vorbei. Durch ein millionenschweres Investitionsprogramm wurde die verödete Innenstadt rund um die Union Station total erneuert.

Restaurants aller Art, hippe Cafés, Bierbrauereien und viele Geschäfte laden zum Shoppen und zu kulinarischen Höhenflügen jenseits von simplen Burgern und Steaks. Diverse Museen bieten Kultur- und Kunstinteressierten eine erstaunliche Vielfalt, von moderner Kunst über Saurier bis hin zum Leben der Ureinwohner. Und wer die Gelegenheit hat, sollte sich unbedingt ein Livekonzert im nahegelegenen Red Rock Amphitheatre ansehen, eine in gewaltige rote Felsformationen eingebettete Outdoor-Arena, wo auch schon die Beatles oder U2 aufgetreten sind – mit Blick auf die Skyline von Denver in der Ferne.

Nächtliche Skyline von Denver
Die nächtliche Skyline der boomenden Metropole Denver.

Troxler kam 2002 mit 22 Jahren nach Colorado und verliebte sich erst in die fantastische Natur und dann in einen Amerikaner, von dem sie sich schon längst wieder getrennt hat. Sie machte weitere Ausbildungen und fing an, Touristen auf zweiwöchige private Spezialtouren zu begleiten. 2014 entschied sie, sich selbständig zu machen. Ihr Lebenspartner, ein sportlicher ehemaliger Mathematiklehrer, den auch die Natur von New York nach Colorado gelockt hatte, stieg kurz darauf ebenfalls ein. Und die Geschäfte laufen gut: «Wir sind stets gewachsen», erzählt Troxler, die Pauschaltouren im Angebot hat, aber auch komplexe Privattouren nach Wunsch zusammenstellt.

Donald Trump ist schlecht fürs Reisegeschäft

Doch nicht bei allen Anbietern ist die Lage so rosig. Während Aspire Tours zu 80 Prozent amerikanische Gäste hat, spüren andere, die stärker auf Europäer ausgerichtet sind, einen negativen Trump-Effekt. «Denen sind die Geschäfte letztes Jahr um bis zu 70 Prozent eingebrochen», sagt Troxler. Sie und ihr Partner hoffen, dass der beliebte demokratische Gouverneur von Colorado, John Hickenlooper, ins Rennen um die Präsidentschaft 2020 einsteigt. «Es gibt Spekulationen, dass er gemeinsam mit dem Republikaner John Kasich als Vize antreten will, das wäre eine ungewöhnliche und sehr attraktive Kombination.»

Kathrin Troxler, Brian Erdner und Sohn Fritz.
Kathrin Troxler mit Geschäfts- und Lebenspartner Brian Erdner und Sohn Fritz auf dem kürzlich gekauften Gelände am Arkansas River.

Vor ein paar Jahren noch lebte das Paar quasi von der Hand in den Mund. «Aber das ist das Tolle an den USA: Mit Ideen und Mut kann man hier wirklich etwas auf die Beine stellen», sagt Troxler. Heute läuft es so gut, dass sie sich vor Kurzem ein riesiges Stück Land am Arkansas River gekauft haben, etwa zweieinhalb Stunden südwestlich von Denver, mitten im Naturparadies zwischen Buena Vista und Salida, am Rande von lauter 4000er-Bergen. Dort wollen sie später nicht nur selbst wohnen, sondern auch nachhaltig geführten und ökologischen Tourismus aufbauen. Noch stehen erst ein paar Zelte auf dem struppigen Gelände, bis Ende Jahr jedoch soll ein erstes Haus fertig sein und eine Anlegestelle unten am Fluss für die Riverrafters.

Und das alles, obwohl sie seit einem Jahr Eltern sind. «Fritz hat unser Leben verändert, uns mehr geerdet. Aber ohne eine Nanny würde es nicht gehen», erklärt Kathrin Troxler, die mit dem Kleinen konsequent Schweizerdeutsch spricht. Trotz aller Liebe für ihre neue Heimat könnte sie sich nämlich durchaus vorstellen, in die Schweiz zurückzukehren. «Es ist unser Plan B, falls die Geschäfte hier doch mal schiefgingen.»

Heilung und Spass mit Cannabis

Ein Auslöser des Tourismusbooms in Denver war ihrer Ansicht nach die Legalisierung von Cannabis 2014, das in Colorado für medizinische Zwecke auf Rezept schon seit 2009 verfügbar war. Es entstand eine vielfältige und detailliert regulierte neue Industrie, die dem Staat 2017 Steuereinnahmen von 183 Millionen Dollar bescherte, die wiederum in Schulen und die öffentliche Infrastruktur investiert wurden. «Cannabis ist ein Milliardengeschäft in Colorado», erklärt Goldie Solodar (31), die sich mit ihrer Firma City Sessions auf Cannabis-Touren aller Art spezialisiert hat. Sie führt Neulinge und Erfahrene zu den interessantesten Orten und Anbietern und kann im Detail erklären, wie Cannabis wirkt und wie man es mit welchem Effekt am besten zu sich nimmt.

Goldie Solodar von City Sessions
Goldie Solodar weiss alles über Cannabis.

Läden dafür gibt es in Denver in Hülle und Fülle, die Produktevielfalt ist enorm. Man kann rauchen, inhalieren, salben, in Schokoladenform essen ... Allerdings muss man über 21 sein, einen Pass mitbringen und wird im Laden registriert; auch darf man die Produkte nur in Colorado selbst konsumieren und nicht ausführen. Von der medizinischen Wirksamkeit eines Cannabis-Gels konnte sich der Schreibende selbst überzeugen: Das nach dem steilen Wanderabstieg schmerzende linke Knie erholte sich mit dem Gel de facto über Nacht – sonst dauert dies immer mehrere Tage.

Cannabis-Produkte bei Dank in Denver
Die Qual der Wahl – und alles legal: Cannabis-Produkte bei Dank in Denver.

«Die medizinischen Anwendungsmöglichkeiten sind endlos und noch nicht mal im Ansatz abschliessend erforscht», erklärt Solodar. «Das liegt daran, dass Cannabis fast überall noch immer illegal ist und die mächtige Pharmaindustrie alles daransetzt, damit es so bleibt.» Deren teure Medikamente seien nämlich in Gefahr, wenn sie dank der vielfältigen Wirkstoffe der Cannabis-Pflanze nicht mehr so häufig gebraucht würden, glaubt Solodar und erzählt von einst medikamentensüchtigen Menschen, die nach Colorado gezogen sind und dank Cannabis heute schmerz- und suchtfrei leben.

Mit Cannabis-Schokolade ist auch das Naturerlebnis noch eindrücklicher, etwa die majestätischen Dünen des Grand Sand Dunes National Park bei Sonnenuntergang. Umgeben von teils schneebedeckten Bergen kann man etwa 370 Kilometer südlich von Denver stundenlang durch die Dünenlandschaft wandern und Teenagern zusehen, wie sie mit Snowboards die steilen Sandhänge hinunter kurven.

Sanddünen und Gebirge des Grand Sand Dunes National Park
Sanddünen und Gebirge des Grand Sand Dunes National Park bei Sonnenuntergang.

Auf dem Pferderücken zu Bisonherden

Die nahe gelegene und weitgehend von Frauen geführte Zapata Ranch bietet in ihrem Naturreservat nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten, sondern auch diverse Aktivitäten auf dem Pferderücken, etwa eine Tour zu einer lokalen Bisonherde. Rudy wird mir blutigem Anfänger von Cowgirl Anna als gemütliches Farmpferd vorgestellt und erweist sich zunächst auch als wenig motiviert, sich überhaupt vorwärtszubewegen. Doch er neigt dazu, das zu tun, was die anderen Pferde auch tun und läuft diesen somit jeweils recht friedlich hinterher.

«Auf keinen Fall fressen lassen», gibt Anna mir noch mit auf den Weg, was ich dann auch redlich versuche. Aber Rudy ist hungrig und hat einen starken Nacken. Dennoch lässt er sich überraschend gut steuern, und so schaffen wir es tatsächlich zu einer Gruppe von etwa 40 Bisons, darunter auch ein paar Jungtiere. Insgesamt sind es 2000 Büffel, die sich auf einer riesigen Fläche von etwa 20 000 Hektaren bewegen und deshalb nicht immer leicht zu finden sind. Die bis zu 550 Kilo schweren Tiere werden von der Zapata Ranch alljährlich ein Mal durchgecheckt, ansonsten jedoch so wild wie möglich gehalten.

Eine Bisonherde auf dem Gelände der Zapata Ranch
Eine Bisonherde auf dem Gelände der Zapata Ranch.

Allzu nahe dürfen wir an die riesigen Viecher allerdings nicht ran – und als wir nur noch etwa 20 Meter Abstand haben, kommen prompt ein paar in unsere Richtung getrottet, ob neugierig oder warnend, ist schwer einzuschätzen. Schnell treten wir den Rückzug an und machen unsere Fotos aus grösserer Distanz. Was vom sich stets bewegenden Pferderücken aus gar nicht so leicht ist. Ausserdem fängt nach einer Stunde erst der Hintern an zu schmerzen, dann bald schon der Rücken. Ein Cowboy wird wohl nicht mehr aus mir. So bin ich dann ganz froh, als wir uns wieder den Ställen nähern. Und Rudy sicherlich auch, denn nun kann er endlich wieder ungestört futtern.

Die Reise wurde unterstützt von Edelweiss, Aspire Tours und Visit Denver.

Benutzer-Kommentare

Mehr zum Thema

Colorado beim Grand Sand Dunes Nationalpark