10. April 2018

Abenteuer Hausboot

Savoir-vivre lernt man nirgends so rasch wie auf der Saône in Frankreich. Eine Hausbootfahrt bietet Genuss fürs Auge und die Seele, Entspannung und grenzenlose Freiheit zugleich.

Auf der Saône ist für Abwechlung gesorgt

Da ist es, unser Heim für die nächsten fünf Tage: Imposante 14,5 Meter lang und 4,5 Meter breit, schaukelt das Motorboot auf der Saône. Wir, eine Gruppe von vier Frauen und drei Männern, übernehmen das Gefährt an einer der Anlegestellen von Le Boat vor den Toren des schönen ostfranzösischen Städtchens Gray. Hübsch ist das Boot, wie aus dem Ei gepellt, und frei von irgendwelchen Kratzern - bis jetzt.

Die Bootsküche – Kombüse genannt – lässt keine Wünsche offen.

Ein Blick ins Innere des Boots lässt unser Herz höher schlagen: Die Kombüse ist gross und mit allem Nötigen ausgestattet. Daneben hat es vier Schlafkojen und drei Badezimmerchen, jedes mit WC, Dusche und Lavabo. Das Boot ist für zehn Personen ausgestattet. «Magnifique» heisst es, das Wunderschöne. Passender könnte der Name nicht sein. Doch eine Frage drängt sich spontan auf: Wer aus unserer Gruppe - um Himmels willen! - soll dieses Ding fahren?

Die freundliche Dame am Empfang des Bootsverleihs stellt eine Gegenfrage: «Wer von Ihnen ist am mutigsten?». Und erklärt, dass sich jemand von uns als offizieller Bootsführer registrieren lassen muss. Er oder sie braucht dafür keinen Bootsführerschein. Mit der Angabe ihrer Personalien und einer Unterschrift hat die Person allerdings die Verantwortung für das Gefährt und haftet im Fall von Schäden für die Kosten, die durch die Versicherung nicht gedeckt sind.

Nachdem uns die Dame von der Vermietung ein Bordbuch mit den Details zur Handhabung des Schiffs sowie einen Gewässerführer in die Hand gedrückt hat, lächelt sie uns beruhigend zu und sagt: «Keine Angst, es gibt selten Unfälle auf der Saône. Und wenn, dann sind sie meist harmlos.» Ihr Wort in Gottes Ohr.

Tischrunde auf dem Hausboot
Auf das Hausboot-Abenteuer!

Frankreich ist ein wahres Paradies für Fans von Flussfahrten: Unser westlicher Nachbar bietet das weltweit grösste Angebot an Hausbooten, die ohne Führerschein bedient werden dürfen. Sie sind bis zu 15 Meter lang und können insgesamt über 8000 Kilometer Kanäle und Flüsse befahren. Unsere Tour wird uns über einen der schönsten Abschnitte der Saône führen, des Flusses, der sich gemächlich durch die Region Burgund/Franche-Comté schlängelt: von Gray aus durch unberührte Landschaften und an kleinen Dörfchen vorbei bis nach Scey-sur-Saône und wieder zurück. Alles in allem eine Route von 70 Kilometern. Mit an Bord sind ein paar Fahrräder, die wir kurzerhand für sieben Euro pro Tag dazumieten.

Nach 20 Minuten Schulung gehts los


Die Mannschaft wird vor der Abfahrt auch noch praktisch in die Geheimnisse der Flussfahrt eingeführt: Der Bugstrahler – eine eingebaute Propelleranlage – ist das wichtigste Instrument an Bord. Damit kann man nahende Katastrophen abwehren, sprich in Windeseile den Kurs des Schiffs ändern. Eine Handbremse gibt es nämlich nicht. Die Instruktion umfasst alles Wichtige, vom Steuern des Schiffs bis hin zum Trockenkurs «So bezwinge ich Schleusen» und ist erstaunlich schnell absolviert. Bereits nach 20 Minuten ist es so weit: Leinen los, das Abenteuer kann beginnen!

Der erste Adrenalinschub ereilt uns bereits beim Verlassen des Hafens. Wir tuckern im Slalom die Saône hinauf, immer im Kampf mit dem Steuer, das nicht so will, wie wir wollen. Kaum haben wir das Ruder einigermassen im Griff, kündigt sich der zweite Nervenkitzel in Gestalt einer Schleuse an: Jetzt gilt es, das Seil zu erwischen, das von einer Leine über dem Fluss herunterhängt. Einmal kurz nach rechts gedreht, und schon beginnt sich die Schleuse zu öffnen. Sobald das Lichtsignal von Rot auf Grün springt, darf man in die Schleuse einfahren. Der Eingang wirkt aus der Distanz verdächtig eng. Auf der Saône braucht man zwar keinen Führerschein, dafür aber umso mehr Mut. Nach 15 Minuten schweisstreibender Arbeit werden wir auf der anderen Seite der Schleuse ausgespuckt.

Hausboot auf der Saône
Abseits der Schleusen ganz gemütlich: eine Bootsfahrt auf der Saône

Langsam beginnen wir uns zu entspannen. An den Flussufern wechseln sich saftige Weiden mit Gebüsch und grünen Wäldern ab. Grillen zirpen, Vögel zwitschern, Frösche quaken. Bereits nach ein paar Stunden Fahrt hat man sich dem gemächlichen Rhythmus des Flusses angepasst, geniesst die Natur und merkt, wie gut es ist, einfach mal nichts zu tun. Ausser vielleicht die grasenden Pferde und hellbraunen Kühe am Flussufer zu beobachten.

Zwei Schweizer und ihre grenzenlose Freiheit

Doris und Jean-Pierre Zbinden haben an der Saône ihren Lebenstraum vom eigenen Hafen verwirklicht.


Den Reiz der Flussfahrt hat der Schweizer Jean-Pierre Zbinden (62) bereits vor 20 Jahren entdeckt. Damals waren Familienferien auf dem Hausboot für den engagierten Geschäftsmann die beste Gelegenheit, abzuschalten und Frau und Kinder zu geniessen. «Auf einem Hausboot hat man viel Zeit füreinander», schwärmt der ehemalige Spengler, «viel mehr als im Alltag.» Zudem sei die Freiheit auf einem Hausboot praktisch grenzenlos, weil man – gerade auf der Saône – fast überall wild anlegen könne.

Inzwischen lebt der Berner mit seiner Frau Doris (59) den gemeinsamen Traum: 2009 hat das Ehepaar einen privaten Hafen im 600-Seelen-Dorf Corre an der Saône gekauft. Hier leben sie seither, umgeben von Schiffen im obersten Stock der «Capitainerie», des Verwaltungsgebäudes ihres Hafens «Marina de Corre». Dieser stand 2009 kurz vor dem Bankrott, ist aber heute dank des Engagements des Berner Ehepaars wieder ein lebendiger Ort mit einem beliebten Restaurant.

Karpfenfischen: beliebte Beschäftigung an der Saône

Und plötzlich im Regenwald

Restaurants in Flussnähe sind auch auf unserer Reise regelmässig anzutreffen. Dort nehmen wir einen guten Teil unserer Mahlzeiten ein, gern mit einem feinen Tropfen aus der Region. Oder wir speisen unter freiem Himmel auf dem Deck. Das süsse Nichtstun auf dem Boot könnte dank der Kulisse schöner kaum sein. Die Schleusen, die immer mal wieder zu passieren sind, werden bald zur gewohnten Nebensache. Am Hafen von Seveux steigt ein Teil der Gruppe auf die Fahrräder und radelt nach Ray-sur-Saône, ins schönste Dorf an unserer Strecke. Der Weg dorthin führt entlang dem grünen Flussufer, vorbei an Fischern, die auf einen Karpfen hoffen. Es duftet nach Blumen und nach Fluss.

Mit dem Velo der Saône entlang
Kleiner Abstecher auf dem Velo: idyllisch der Saône entlang

Ab Ray-sur-Saône wird die Landschaft noch üppiger. Der Strom ist nicht mehr in einem Kanal gebändigt, sondern verläuft frei zu den Ufern hin, die von dichtem Wald gesäumt sind. Moosbesetzte Baumzweige hängen ins Wasser, man fühlt sich wie im Regenwald. Am letzten Ort unserer Etappe - Scey-sur-Saône - trällert uns gar eine Nachtigall in den Schlaf.

Über Ray-sur-Saone thront eine Burg, die um 1700 im Louis-XIV-Stil wiederaufgebaut wurde. Sie ist von einem englischen Park umgeben und beherbergt ein Museum.

Kein Wunder, haben sich die Zbindens in diesen Teil von Frankreich verliebt, der so anders ist als die Heimat und doch so nah: Bereits nach einer knapp zweistündigen Autofahrt sind sie, wenn die Sehnsucht ruft, zurück in ihrem ehemaligen Wohnort Moutier BE. Dort leben ihre Töchter und Enkelkinder.

Vom Paradies in die Vorhölle


Was Jean-Pierre Zbinden in seiner neuen Heimat rasch herausgefunden hat: «Man weiss nie genau, wann und wo im Burgund es regnet.» Eine wasserfeste Ausrüstung gehöre deshalb in jede Reisetasche. Und tatsächlich: Uns überrascht ein heftiges Gewitter auf der achtstündigen Rückfahrt von Scey-sur-Saône nach Gray. Plötzlich sieht der Himmel aus wie das Tor zur Hölle. Blitze zucken, und just in dem Moment, als wir eine Schleuse passieren, prasselt der Regen in Strömen auf uns nieder. Zwei Crewmitglieder müssen dennoch raus ins Unwetter, um die Taue am Ufer festzumachen. Damit wird verhindert, dass das Schiff durch die Strömung in der Schleuse weggespült wird. Nach der Passage grollt der Donner immer lauter. Und wir wissen dank des Gewässerführers: In ungefähr 15 Minuten müssen wir wieder raus ins Unwetter, denn da lauert die nächste Schleuse.

Mit dem Hausboot in der Schleuse
Schleusen müssen regelmässig passiert werden, egal, wie das Wetter ist. Zum Glück gewinnt man bald an Routine.

Zugegeben, so ein bisschen Action tut ganz gut nach all der Ruhe. Das Gewitter hat uns zumindest einen kleinen Schritt in die Realität zurückgeholt.
Gut so. Schliesslich müssen wir uns wieder ans Tempo gewöhnen, das zu Hause üblich ist.

Typisch für die Saône-Region: Die Schleusenwärter wohnen meist in einfachen Häuschen direkt am Flussufer

Die Recherche zu dieser Reise wurde unterstützt von Atout France www.france.fr und Le Boat www.leboat.ch

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