07. Oktober 2013

Ab ins Internat

Früher hiess es: «Wänn du nöd rächt tuesch, chunnsch is Internat!» Heute ist das anders. Den Schülern gefällt der Zusammenhalt untereinander. Geblieben sind die klaren, oft strengen Spielregeln, sei es in Beatenberg, Zuoz oder Engelberg.

Jennifer Jürgens vor der Wandtafel mit dem Tagesplan des Institut Beatenberg
«Im ersten Jahr fand ich es mega schön hier. Andere bezahlen viel für eine solche Lage»: Jennifer Jürgens (15) über das Institut Beatenberg.

Sie haben, was jedem Touristen viel Geld wert wäre: ein Logis im urchigen Fichtenholzhaus mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau; davor flattert eine Schweizer Fahne auf einer saftigen grünen Wiese. Für die 55 Jugendlichen des Instituts Beatenberg ist diese Postkartenidylle Internatsalltag. «Im ersten Jahr fand ich es mega schön hier. Andere bezahlen viel für eine solche Lage», bestätigt Jennifer Jürgens (15) aus Bern. «Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, und es ist nicht mehr speziell.»

Speziell bleibt die neuartige pädagogische Struktur, die schon nach dem obligatorischen Frühstück beginnt: Alle Schüler starten den Tag gleitend zwischen sieben und acht Uhr im Lernteam. Bis zu 30 Schüler arbeiten selbständig in einem Raum, Trennwände untermauern die Grossraumbüro-Atmosphäre. Einzig bei Fragen flüstern die Jugendlichen ihr Anliegen — auf Hochdeutsch. Für solche Lernkonzepte ist das Institut Beatenberg bis über die Landesgrenzen hinaus Modellschule.

Aussicht auf die Bergwelt von der Terasse des Instituts Beatenberg aus.
Eiger, Mönch und Jungfrau: Das Institut Beatenberg mit Postkarten-Panorama.

Der Stundenplan der 7.- bis 10.-Klässler besteht aus drei Blöcken, wobei jeder eine neue «Klasse» darstellt. Deren Einteilung geschieht nach Zufall, Leistung oder Interesse — nie nach Alter. «Das spielt sowieso nur beim Wein eine Rolle», sagt Andreas Müller. Der Direktor und Gründer dieses Lernkonzepts scherzt gerne. Auch Konflikte geht er humorvoll an. «Die Jugendlichen wollten mal die Bettzeit diskutieren, aber nur in eine Richtung.» Seine hellblauen, wachen Augen versprühen Schalk. «Doch Diskussion heisst, auch in die andere Richtung diskutieren — also früher ins Bett. Plötzlich war das Thema beendet.»

Im ersten Jahr fand ich es mega schön hier. Andere bezahlen viel für eine solche Lage.

Jennifer Jürgens (15)

So originell die Unterrichtsmethoden, so vielfältig sind die Schulbiografien der Jugendlichen hier. Schlechte Erfahrungen, unzureichende Strukturen zu Hause oder unfreiwillig ausgeschult — dies sind nur einige der Gründe, weshalb es junge Leute in die idyllische Bergwelt oberhalb Interlakens verschlägt. Jennifer wohnte früher aus familiären Gründen in einem Heim in Bern. Als die Familie vor zwei Jahren nach Interlaken zog, trat Jennifer ins Internat Beatenberg ein. «Das Schulsystem gefiel mir, da es anders ist als an der öffentlichen Schule. Und das Zusammenleben in Zweier- und Dreierzimmern mag ich auch.»

Jennifer spült die Teller ab, die anschliessend in die Abwaschmaschine geräumt werden.
Jennifer in der Küche: Jeder Schüler hat sein Ämtli.

Jennifer wohnt im über 200-jährigen Trakt, wo es nach Holz riecht. Alle Zimmer sind aufgeräumt, das ist Teil des Haushaltkonzepts, zu dem auch die Ämtlipflichten gehören. Als strikte Regeln gelten das Rauch- und das Handyverbot tagsüber. Für Jennifer ist der Rahmen nach zwei Jahren manchmal etwas eng: «Ich hätte gern mehr Freizeit und Freiheiten.» Trotzdem schätzt sie es, schulisch gefördert zu werden.

Die Lehrer, Coaches, sind gleichzeitig Betreuer in Beatenberg. Sie sind von frühmorgens bis 22 Uhr anwesend, denn Beziehung baut sich vor und nach der Schule auf. Ein Lehrerzimmer gibt es hier nicht. Der Umgang mit den Schülern ist sehr wohlwollend und herzlich, sogar das Küchenteam kennt alle mit Namen. Das Leben in der Abgeschiedenheit schweisst zusammen und öffnet Raum für Kreativität: Jede Woche organisieren die Mädchen eine «Girls Night» und die Jungs eine «Boys Night». Und täglich stehen Spaziergänge an. «Eigentlich bin ich ja ein Stadtkind», sagt Jennifer, «aber es gefällt mir in Beatenberg.»

In eine ganz andere Ecke der Schweiz zog es Matthias Steidle (17) aus Süddeutschland: ins bündnerische Zuoz. Am Hang über dem Engadiner Dorf wacht das mächtige, orange Gebäude des Lyceum Alpinum, umgeben von einer 13 Hektar grossen Anlage mit sechs Tennisplätzen, je einem Fussball- und einem Kugelstossplatz, einer Weitsprunganlage, Fivescourts (Fives ist eine Ballsportart, die 1920 in Zuoz erfunden wurde), einem Cricket- und einem Volleyballfeld sowie zwei Eisplätzen, die im Sommer zu Fussballfeldern umfunktioniert werden.

Das imposante Lyceum Alpinum in Zuoz
Das Internat hat fünf Wohnhäuser und beherbergt 200 Interne.

«Wegen des Sportangebots wollte ich hierher», sagt Wettkampfsegler Matthias. Im Sommer 2014 macht er das deutsche Abi sowie die Schweizer Matur — eine seltene Kombination. Der Grossgewachsene mit dem adretten Auftreten eines Gentleman zog vor zwei Jahren ins Internat. Seine Freunde reagierten geschockt: «Was hast du angestellt?» Matthias kam freiwillig und fand schnell Anschluss beim Uni- und Eishockeyspielen. Teamsport dient hier der Wertevermittlung und hat darum einen hohen Stellenwert: «Nicht jeder versteht unter Fairplay dasselbe», sagt Rektor Beat Sommer. Auffallend: Traditionell englische Sportarten wie Rugby, Cricket oder Fives haben hier Hochkonjunktur.

Wegen des Sportangebots wollte ich nach Zuoz. – Matthias Steidle (17)

Die fünf Wohnhäuser für die 200 Internen und die Schule sind alle unter einem Dach. Der Haupttrakt aus dem Jahr 1904 erinnert an ein Kloster: Dicke Wände, breite Steintreppen, hohe Fenster, Rundbögen oberhalb der Gänge. Nur die vergessenen Ordner und Lehrmittel auf den Holzbänken erinnern an die Gegenwart, die bis 20.30 Uhr von Lernen und Sport geprägt ist.

Tagsüber sind hier Jugendliche geschäftig mit grossen Ordnern und Laptops unter den Armen unterwegs, grüssen anständig und machen Small Talk im Vorbeigehen, um gleich wieder in den quirligen Teeniemodus zurückzufallen — kichernd mit dem Handy in der Hand und Musik im Ohr. Sie balancieren zwischen Selbständigkeit und knallharten Regeln: Abends werden die grossen Eisentore der geschlechtergetrennten Wohntrakte geschlossen. Gegenseitige Besuche sind dann verboten, Schulverweis gibt es beim vierten Raucherregelverstoss, und Drogenkonsum beugt das Internat durch Zufallsurintests vor. Frei nach dem Motto «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser».

Der Theaterraum im Lyceum Zuoz.
Der Theaterraum im Lyceum Zuoz.

Eltern aus über 30 Nationen schicken ihre Kinder hierher. Nebst der Hauptsprache Englisch dominieren in den Gängen Italienisch, Russisch und Spanisch; mit ein Grund, wieso das Lyceum als «Kaderschmiede» betitelt wird: Es ist ein Mikrokosmos im Dorf Zuoz. «Man lernt, mit Menschen umzugehen, weil man hier nicht ausweichen kann», sagt Matthias. Die Schüler werden weltoffen und sensibilisiert für kulturelle Eigenheiten. Perfekt, um sich später auf globalem Terrain zu bewegen. «Wer in der Schule einen guten Job macht, hat mehr Privilegien», so Ursula Sommer, PR-Verantwortliche. Das sei ähnlich wie in einer Firma.

Privilegiert sind aber alle irgendwie: Keine Ämtli, hauseigener Confiseur, drei verschiedene Menüs zum Essen und weltweite Studienreisen. Doch es soll nicht mit Geld geprotzt werden: «Alle Schüler kriegen etwa 30 Franken Taschengeld von uns. Kreditkarten mit einer vernünftigen Monatslimite sind in Absprache mit den Eltern ab 16 Jahren erlaubt», sagt Rektor Beat Sommer. Den Jugendlichen hier wird dafür einiges abverlangt: Wer keine 4,75 im Schnitt hat, fährt freitags nicht heim, sondern büffelt am Samstagmorgen nach. Ein Wochenende pro Monat bleiben alle zum Gala Dinner mit Blazer und Krawatte. Da viele Internatsschüler nur in den Ferien heimfahren, ist die Präsenzzeit hoch und das Lyceum wird zur Familie. «Hier findet man Freunde fürs Leben», sagt Rektor Sommer, «nicht nur facebook-friends.»

Auch für Etienne Baumgartner (16) verloren virtuelle Freunde an Stellenwert, seit er im Engelberger Internat ist: «Der Gebrauch von Facebook ging bei mir stark zurück, man braucht das nicht mehr. Der zwischenmenschliche Kontakt ist sehr wichtig hier.»

In der Stiftsschule Engelberg vereinen sich zwei Welten: Das Benediktinerkloster und die Internatsschule. Eine dicke Klostermauer umringt das Areal, das nebst dem Kloster von anno 1120 eine Klosterkirche, einen Klostergarten und etliche Anbauten umfasst. Religion ist allgegenwärtig: Holzstiche berühmter Klöster zieren die Wände der langen, hohen Gänge, einige Lehrer sind Mönche, die Zimmer heissen «Zellen» — ursprünglich Mönchszellen — und in jedem hängt ein Kreuz an der Wand.

Pater Andri auf einer Bank vor dem Schulgebäude.
Pater Andri ist Internatsleiter und Religionslehrer.

«Die Religion spielt gar nicht so eine Rolle», sagt Etienne, der seit Januar hier wohnt. Der Gymnasiast wollte in ein menschliches Internat. «Das Gespräch mit dem Rektor gab mir das Gefühl, man interessiert sich hier für den Schüler als Person. Klar, hätte ich lieber keine Gottesdienste und an Feiertagen frei, aber im Grundsatz finde ich es gut hier.»

Klar, hätte ich lieber keine Gottesdienste und an Feiertagen frei, aber im Grundsatz finde ich es gut hier.

Etienne Baumgartner (16)

Die Feiertage mit Anwesenheitspflicht «machen nicht nur Freude», das weiss auch Pater Andri, Internatsleiter und Religionslehrer. Er ist der Beweis, dass es an der Zeit ist, das verstaubte Klosterimage zu revidieren. Der «Hardcore-Christ», wie er sich selbst nennt, treibt auch mal Schabernack mit den Jugendlichen: «Manchmal rufe ich falsche Namen aus oder lasse andere Musik zum Wecken laufen — um ein bisschen aufzumischen.»

Etienne Baumgartners «Zelle» in der Stiftsschule Engelberg.
Etienne Baumgartners «Zelle» in der Stiftsschule Engelberg.

Sein Umgang ist locker, ungezwungen, und aufgeschlossen sind auch die Schüler. «Die Menschen hier oben haben es mir wirklich leicht gemacht, mich einzugliedern», sagt Etienne. «Man kommt schneller in Kontakt mit anderen als an öffentlichen Schulen. Man lebt ja miteinander und hat so seine Freunde die ganze Zeit um sich. Daneben ver­geude ich weniger Zeit mit dem Schulweg: Ich bin in 30 Sekunden von meinem Zimmer im Schulzimmer.»

Da die Stiftsschule sowohl Sekundarschule als auch Gymnasium anbietet und dort sogar den kombinierten Abschluss des IB (International Baccalaureate) und der Schweizer Matura, ist die Klientel sehr durchmischt: «Von Diplomaten- und Adelskindern bis zum Bauernsohn finden sich alle Gesellschaftsschichten», sagt Pater Andri. Offen ist das Internat Engelberg auch gegenüber anderen Kulturen und Religionen. So wohnten schon muslimische und jüdische Kinder hier. «Zum Katholischen gehört Offenheit», sagt der Internatsleiter. Genauso liberal läuft das Tischgebet morgens und abends ab: Die Internatsschüler stehen hinter ihren Stühlen, blicken zu Pater Andri, der das Abendgebet spricht. Alle sind still und geniessen den Vorteil des Internats: Die Freunde sind immer da.

Bilder: Samuel Trümpy

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