10. August 2015

Gothic in der Schweiz

Sie stecken voller Sehnsucht für die Vergänglichkeit, hören düstere Musik und tragen mit Vorliebe dunkle Kleider. Dabei sind Gruftis viel lebensbejahender als ihr Ruf. Wir stellen einige Mitglieder der Gothic-Szene vor.

Pretty in Black: ­
Angela ­Laely 
in einer Kreation 
ihres Labels 
«Pinky Sevensins».

Goths, Gruftis oder Waver: Die Mitglieder der sogenannten Schwarzen Szene haben viele Namen. Und innerhalb ihrer Subkultur gibt es zahlreiche Strömungen wie Batcave, Cyber-Gruftis und Steampunks. Ihnen gemeinsam ist, dass sie sich meist schwarz kleiden, schaurige Musik hören und sich für Tod und Vergänglichkeit begeistern.

Tod und Vergänglichkeit sind zentral

Wie kommt es zu diesen morbiden Vorlieben? «Gruftis kultivieren eine Anti-Smalltalk-Kultur. Sie suchen Tiefgang und hinterfragen Tabus», sagt Regisseurin Mitra Devi (51), die sich im Rahmen ihres Dokumentarfilms «Gothic» (2014) mit der Schwarzen Szene auseinandergesetzt hat. Auch Janosch Tröhler (24), Redaktionsleiter des Online-Szenemagazins «negativewhite.ch», erkennt im Hang zu Schwarz und Schwere eine Protestreaktion zur gängigen Oberflächlichkeit, gleichzeitig aber auch eine Aufforderung, das Leben zu geniessen: «Indem man sich stets bewusst ist, dass das Leben endlich ist,erlebt man den Moment intensiver.» Gleichzeitig würde sich die Szene dem Konsum und Kommerz verschliessen und ihre Erfüllung eher im inneren Reichtum suchen.

Gothic-Styling benötigt viel Zeit

Obwohl Gruftis oft betonen, wie wichtig ihnen innere Werte sind, legen viele von ihnen äusserst grossen Wert auf Styling und Selbstinszenierung. «Das ist tatsächlich ein Widerspruch», sagt Szenekenner Tröhler. Aber mit dem Outfit kommuniziere man eben auch eine gewisse Haltung. «Gruftis wollen als starke Individuen wahrgenommen werden.» Zudem gehöre es für viele halt einfach dazu, in Schwarz und entsprechend gestylt auf den Partys auf­zutauchen – so wie andere mit dem Fantrikot an den Fussballmatch oder im Abendkleid zur Oper gehen.

Gruftis tragen aufwendiges Make up

Ein Element ist auch das Sichabgrenzen und Schockierenwollen: Die Gothickultur ist Anfang der 80er-Jahre aus der Punkbewegung entstanden. Damals wurde Gothic oft auch als «Positive Punk» bezeichnet. Anders, als man vielleicht vermuten könnte, geht der heute geläufige Szenename Gothic nicht auf die Epoche der Gotik im Mittelalter zurück, sondern lehnt sich am gleichnamigen Musikstil an, der sich vor rund 40 Jahren in England entwickelt hat. Bekannte Gruppen sind beispielsweise «The Cure» oder «Depeche Mode». Die Musik der Gruftis kennzeichnet sich durch dunkle und eher dumpfe Klänge. Diese Grundstimmung wird oft mit tiefer gestimmten Instrumenten und einer Vorliebe für Molltonarten erzeugt.

Die Zwillinge

Als Teenager hörten die Zwillingsschwestern Andrea Scheibmayr und Alexandra Rüegger (35) Punkmusik. Erst mit rund 20 Jahren wurden die Zugerinnen richtige Gruftis. Die beiden Subkulturen haben Berührungspunkte, aber es gibt auch klare Unterschiede: «Die Schwarze Szene ist sehr tolerant,fast völlig gewaltfrei, und Alkohol wird eher wenig getrunken. Unter anderem, weil die Ästhetik so ­wichtig ist – und wer betrunken ist, sieht einfach meistens nicht gut aus», erklärt Andrea Scheibmayr und lacht.

Andrea Scheibmayr (links) und Alexandra Rüegger hat der Zusammenhalt unter den Gruftis über den Tod ihres Vaters hinweggeholfen.
Andrea Scheibmayr (links) und Alexandra Rüegger hat der Zusammenhalt unter den Gruftis über den Tod ihres Vaters hinweggeholfen.

Als es darum ging, sich für einen Beruf zu entscheiden, wählten beide «weiss»: Andrea wurde Krankenschwester, Alexandra Dentalassistentin. Heute arbeitet Andrea als Bodypiercerin, Alexandra als Sachbearbeiterin bei einer Krankenkasse. An Partys nehmen sie noch immer teil, Alexandra vielleicht etwas mehr als Andrea, die inzwischen zweifache Mutter ist. «Wenn ich an eine Party gehe, fühlt sich das an, wie nach Hause zu kommen», schwärmt Alexandra Rüegger. Der Zusammenhalt in der Szene sei enorm. Das habe ihr vor ­allem beim Tod des Vaters geholfen – «auch, weil Gruftis eben nicht oberflächlich sind und man auch über traurige Dinge reden kann».

Der Unternehmer

Martin Meier (41) ist auch im Geschäftsalltag stets schwarz gekleidet. Oft mit hohen Schnürstiefeln, immer mit blondierten Haaren. Und manchmal geht er sogar geschminkt an Meetings mit Kunden. Der Zürcher ist Architekt und Inhaber der Firma Raumgleiter, einer Agentur für Visualisierungen im Immobilienbereich.

Eine Szene wie aus einem Science-Fiction-Film: Martin Meier mit seinem futuristischen Tesla Roadster.
Eine Szene wie aus einem Science-Fiction-Film: Martin Meier mit seinem futuristischen Tesla Roadster.

«Zuweilen irritiere ich mein Gegenüber schon.» Das seien aber immer ganz spannende Momente, in denen er selber zum Beobachter werde und viel über seine Geschäftspartner erfahre. Sich anzupassen stehe nicht zur Diskussion: «Ohne Gothic wäre ich ein anderer Mensch – und wahrscheinlich nicht so erfolgreich.»

Als Martin Meier mit 17 an seine erste schwarze Party ging, fühlte sich das an wie eine Erlösung. Weg vom oberflächlichen Smalltalk, hinein in einen mehrdimensionalen Kosmos. Er lernte viele interessante Menschen kennen und fasste dabei den Mut, sich selber zu sein und seinen eigenen Weg zu gehen. Mit ein Grund, warum er den Job bei Stararchitekt Santiago Calatrava aufgab und eine eigene Firma gründete. Zudem ist Martin Meier, anders als viele Gruftis, nicht nur der Vergangenheit zugewandt, sondern auch sehr zukunftsorientiert. Er ist Science-Fiction-Fan und fährt einen elektrisch angetriebenen Tesla Roadster. Farbe? Schwarz, natürlich.

Die Fotografin

Dass Annie Bertram (39) in der Schwarzen Szene gelandet ist, hat viel mit ihrer Herkunft zu tun: Sie ist in Leipzig aufgewachsen, wo seit mehr als 20 Jahren das Wave-Gothic-Treffen stattfindet, der europaweit wichtigste Event der Szene, der mittlerweile jährlich rund 20 000 Besucher anlockt.

Szenefotografin Annie Bertram lässt sich nicht in Schubladen stecken. Darum darf es ruhig auch mal ganz in Rot sein.
Szenefotografin Annie Bertram lässt sich nicht in Schubladen stecken. Darum darf es ruhig auch mal ganz in Rot sein.

«Diese Leute, die da jedes Jahr am Pfingstwochenende auftauchen, haben mich wie magisch angezogen.» Ihr Start als Grufti sei dann aber etwas schwierig gewesen, weil ihr Umfeld gemeint hat, sie sei vom rechten Weg abgekommen. Entgegen der Befürchtungen führt Annie Bertram, die in Zürich wohnt, heute ein «ordentliches» Leben als Chefsekretärin in einer Consultingfirma. In ihrer Freizeit hat sie sich einen Namen als Szenefotografin gemacht. Mit eigenen Ausstellungen und Bild­bänden, aber auch mit Aufträgen – etwa von namhaften Bands wie Unheilig oder Blutengel sowie für das Szeneblatt «Gothic-Magazin», bei dem sie es mit ihren Bildern wiederholt aufs Cover geschafft hat.

Als Fotografin mag Annie Bertram krasse Gegensätze und absolute Perfektion. So inszeniert sie etwa bildhübsche Frauen an verlassenen Orten. Ihre Models tragen stets opulente Kleider, sind aufwendig gestylt und kontrastieren so stark mit der morbiden Umgebung.

Das Szenepaar

Gothic beschränkt sich bei Dani Hirschsteiner (30) und Colette Wyss (29) nicht auf die Kleidung. Sie wohnen auch szenegerecht. Im Entree steht ein Fledermaus-Schlüsselbrett, im Wohnzimmer ein Vitrinensarg, an den Wänden hängt ein Gemälde von H.R. Giger. Die beiden waren schon vor ihrer Beziehung Gruftis. «Fürmich muss es jemand aus der Szene sein.Sonst komme ich nicht klar», sagt Dani, ein Deutscher, der aus Liebe zu Colette nach Schöftland AG gezogen ist.

Colette Wyss und Dani Hirschsteiner wohnen mit Fledermäusen und Totenköpfen zusammen.
Colette Wyss und Dani Hirschsteiner wohnen mit Fledermäusen und Totenköpfen zusammen.

Für beide hat die Musik grosse Bedeutung: «Ich ziehe Kraft daraus», so Dani, der seinen Lebensunterhalt als Dachdecker verdient. Für Colette, Stationsleiterin in einem Alters- und Pflegezentrum, ist zudem wichtig, dass der Tod in ihrer Szene kein Tabu ist: «In meinem Beruf bin ich oft mit dem Sterben konfrontiert.» Sie müsse offen darüber reden können, ohne Hemmungen.

Die Designerin

Angela Laely (31) hatte sich im Aarauer Kulturzentrum Kiff mit dem schwarzen Virus infiziert. Sie war damals 18 Jahre alt und arbeitete ehrenamtlich hinter der Bar der ehemaligen Futterfabrik. In jener Zeit fand im «Kiff» regelmässig ein Schwarzer Ball statt: «Die Musik und die Lebenseinstellung der Gruftis haben mich weniger interessiert. Dafür das Styling umso mehr.» Sie sei beeindruckt gewesen vom Aufwand, den diese düsteren Gestalten betrieben. Bald begann auch sie, sich Haarteile anzustecken und ihre Kleider aufzupeppen.

Pretty in Black: Angela Laely in einer Kreation 
ihres Labels «Pinky Sevensins».
Pretty in Black: Angela Laely in einer Kreation 
ihres Labels «Pinky Sevensins».

Das Schneidern machte Angela Lealy so viel Spass, dass sie noch während ihrer Ausbildung als Polygrafin das Kleiderlabel «Pinky Sevensins» gründete. Ihr Ding: eine Mischung aus Manga-Style und Gothic-Chick. Das heisst: sexy Roben mit viel Rüschen, Tüll, Brokat und grosser Liebe zum Detail. Natürlich meist in Schwarz.

Ihre Kreationensetzte sie im Freundeskreis oder über Foren im Internet ab. Während fünf Jahren betrieb sie einen eigenen Laden in der Altstadt von Aarau. Heute führt sie einen Onlineshop, den sie hauptsächlich über Facebook bewirbt, und arbeitet Teilzeit im Szeneladen Wallhalla in Olten SO.

Fotograf: Vera Hartmann

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