27. Juni 2011

Dert hindä bim Louensee

Weit weg vom Lärm der Stadt - wie von der Berner Mundartband Span besungen - ist er tatsächlich. Und trotzdem kennt die halbe Schweiz den Lauenensee oberhalb Gstaads. Span sei Dank.

Lauenensee
Der Lauenensee lädt zum Verweilen ein. Da können auch Reto, Katrin und Usé (von links) fast nicht weiterfahren.

Ich habe das Gefühl, ich hätte im Restaurant dort am See lebenslang eine warme Suppe zugut», sagt Georges Müller, oder Schöre, wie der 57-Jährige genannt wird. Schöre ist Gründungsmitglied, Gitarrist und Sänger der Berner Mundartband Span. Er hat 1981 das Lied «Louenesee» komponiert und getextet. «I gloube i gange no meh, a Louenesee» singt er in der Ballade, und tatsächlich habe ihn der Weg seither oft wieder dorthin geführt. Und nicht nur ihn, sagt er mit Blick auf den grossen Werbeeffekt, den der Song für diesen kleinen Fleck im Berner Oberland ausgelöst hat. Und auch wir haben uns schliesslich, vom Lied inspiriert, mit den Mountainbikes von Gstaad zum Lauenensee aufgemacht.

Höhi Wispile
Auf dem Umweg via Höhi Wispile zum See gehts stotzig hinauf.

Angeführt von der einheimischen Hobbybikerin Katrin Espiasse (40), müssen Reto (40) und ich (42) bereits kurz nach Gstaad schon tüchtig in die Pedalen treten. Denn wir fahren nicht auf direktem Weg zum See, sondern haben die schweisstreibende Variante über die Höhi Wispile gewählt – da sind bereits auf den ersten sieben Kilometern gut 800 Höhenmeter zu bewältigen. Erst gehts in diversen Schlaufen über steile Teerwege, dann einem leicht ansteigenden Alpweg entlang und die letzten Meter über einen sogenannten Singletrail, einen schmalen, stotzigen Weg. «Das ist das Pièce de résistance», kündigt uns Katrin an. Tatsächlich ist der Pfad so steil, dass zumindest wir weniger geübten Mountainbiker Mühe bekunden das Vorderrad am Boden zu halten und schliesslich unsere Bikes schieben. Oben auf der Vordere Höhi Wispile angekommen, brennen die Augen vom Schweiss, der sogar den Weg durch die Augenbrauen gefunden hat.

Ruhig ist es hier oben. Vereinzeltes Vogelgezwitscher und das Summen von Fliegen und Bienen ist alles, was wir hören. Das wird sich wohl ändern, sobald die Seilbahn ihren Saisonbetrieb zur zwei Kilometer entfernten Bergstation Höhi Wispile wieder aufnimmt. Doch heute sind wir die Einzigen hier und können entspannt das Panorama geniessen. Über eine Blumenwiese mit reichlich blauem Enzian schweift unser Blick zum schneebedeckten, pyramidenförmigen Oldehorn. Eine lange Rüttel-und-Schüttel-Partie.

Über Wiesenwege können wir es nun sausen lassen bis zum Punkt Chrinetritt. Von hier bis zur 150 Meter tiefer liegenden Senke wird der Mountainbike- Singletrail als «schwierig» eingestuft. Und tatsächlich: Auf dem schmalen Pfad hat gerade noch knapp das Bike neben uns Platz und danach gehts gleich gefährlich steil hinab. Wir getrauen uns nicht zu fahren und gehen zu Fuss. «Nehmt das Velo immer auf die Talseite des Weges», ermahnt uns Katrin. «Dann könnt ihr es im Notfall einfach loslassen.» Ein solcher Notfall tritt zum Glück nicht ein.

Für die unzähligen Spitzkehren, die es auf dem Weg nach unten hat, braucht es eine anständige Portion Technik: Mit etwas Schwung das Bike aufs Hinterrad stellen, Hinterbremse ziehen, das Bike um 180 Grad drehen, bergwärts zum Velo stehen, runterlassen und weiter stossen, zur nächsten Spitzkehre. Endlich unten angekommen, sind gleich wieder 100 Höhenmeter hinauf zu bewältigen. Von oben haben wir immerhin einen wunderbaren Blick hinüber zum Tungelschuss-Wasserfall, der zwischen Tannen über diverse Felsstufen hinunterstürzt. Nun liegt eine lange Abfahrt über ein bekiestes Bergsträsschen vor uns. Das rattert und knallt, schüttelt und holpert – im Sattel sitzen zu bleiben ist nicht empfehlenswert. Trotz gut gefederter Bikes gehen die Vibrationen in die Handgelenke, den Nacken, die Beine, und dann taucht der Lauenensee vor uns auf. Wir stoppen, Ruhe kehrt ein, nur im Hintergrund rauscht der Tungelschuss.

Der Span-Sänger hatte Knatsch mit seiner Freundin

Kettenriss
Kettenriss: Zum Glück hatten wir eine Ersatzkette im Gepäck.

«Wit äwäg vom Lärm vo dr Stadt. I weiss no guet, wie i ha chönne vergässe, dert hindä bim Louenesee. » Aber was wollte der Span- Sänger vergessen? «Ich hatte ziemlich Knatsch mit meiner damaligen Freundin», erzählt Schöre. «Mir reichts, ich haue ab, sagte ich zu mir und bin mit Hund und Gitarre an den Lauenensee. Und dann sind mir die Melodie und der Text des Liedes förmlich zugeflogen. » Der See da am Ende des Tals sei für ihn ein mystischer Ort, vor allem abends, wenn die Touristen wieder weg seien, erzählt der 57-jährige Ex-Hippie. Und irgendwie bilden wir uns ein, hier am Seeufer sitzend, dieses Gefühl auch zu spüren. Nur wenige Menschen sind unterwegs, von einer Feuerstelle steigt Rauch auf in den Spätnachmittagshimmel und ein einsames Blässhuhn taucht im Wasser ab. Unser Ruhepuls wird nochmals einen Tick langsamer, und der Atem geht nun tief in den Bauch.

«Immer wenn i wider dra dänkä, a das Gfüeu denn am Ufer vom See. De merki, wie guet dass mir ta het, i gloube i gangä no meh…» Heute auf «dieses Gefühl» angesprochen kommt der gesprächige Rockoldie ins Schwärmen, wie wenn es nach wie vor 1981 wäre und er den Text erst gestern verfasst hätte. «Da sitzend auf diesem Stein am Ende des Sees… das war fast schon meditativ. Das war jenseits von Gut und Böse. Ja, das gab mir ein Gefühl der absoluten Befreiung. »

ÜBER STOCK UND STEIN ZUM SEE

An- und Rückreise: Mit Bahn via Spiez und Zweisimmen nach Gstaad. Tour: Gstaad (1041 m)-Moosfang-Vordere Höhi Wispile (1838 m)-Chrine- Lauenensee-Lauenen-Gstaad
Länge/Höhenmeter: zirka 32 km / zirka 950 m Höhendifferenz
Dauer: gut 4 Stunden
Anforderung: Gute Kondition, gutes Beherrschen des Velos. Für Kinder weniger geeignet
Saison: Frühsommer bis Herbst
Ausrüstung: Mountainbike, Velohelm
Alternativen: Vom 2.7. bis 9.10. fährt die Seilbahn von Gstaad bis Höhi Wispile - damit spart man sich die 800 Höhenmeter am Anfang. / Für weniger Geübte und Kinder: Der direkte Weg von Gstaad über Lauenen zum See und retour (zirka 3 Stunden)
Velomiete: www.bikewaelt.ch (Gstaad) und www.bikesport-reuteler.ch (Saanen), Preise für Mountainbike-Miete/Tag zirka 50, Helm zirka 5 Franken
Allgemeine Infos/Übernachtung: Gstaad Saanenland Tourismus, www.gstaad.ch Karte: Swiss Singletrail Map «Simme/Saane», 1 : 50'000

Bilder: Valeriano Di Domenico

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