05. Oktober 2018

Jonas Lüscher mobilisiert gegen den Nationalismus

Der Schweizer Schriftsteller plant am 13. Oktober in ganz Europa Kundgebungen. Er hofft auf 5 Millionen Teilnehmende.

Jonas Lüscher, wen möchten Sie auf die Strasse bringen?
Alle, die Probleme haben mit dem aufkeimenden Nationalismus in Europa. Alle, die denken, der Weg für Europa sei ein solidarischer, nicht Switzerland First, Germany First oder Poland First.

Wie viele sind das?
Viele. Der Rechtspopulismus ist wahnsinnig laut und erweckt den Eindruck, er werde von einer Mehrheit getragen. Das ist falsch. Die grosse Mehrheit fühlt sich der liberalen Demokratie verpflichtet und glaubt an ein solidarisches Europa. Die rechtspopulistische AfD (Alternative für Deutschland) hat laut neuesten Umfragen Zustimmungswerte von 17 Prozent. Das sind 17 Prozent zu viel, aber es ist eben doch eine Minderheit.

Was hat Sie dazu bewogen, gerade jetzt Leute zu mobilisieren, um gegen Nationalismus, Rassismus und Homophobie zu protestieren?
Die Lage ist dramatisch. In Italien, Polen und Ungarn sind Kräfte an der Macht, denen man jetzt entgegen­treten muss. In der Schweiz ist die Lage weniger dramatisch, aber es scheint mir, als hätten viele die Nase voll von der Isolationspolitik.

Angenommen, die Sache wird gross. Was bringen Demonstrationen in ganz Europa?
Sie können zeigen, dass wir viele sind, und unseren Nachbarn signalisieren, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. In den Ländern, in denen die Lage am prekärsten ist, ist der Widerhall auf unsere Aktion am grössten: In Polen sind acht Demonstrationen geplant, in Italien ziehen fast alle Grossstädte mit, und in Ungarn organisiert die 89-jährige Philosophin Ágnes Heller eine Kundgebung.

Wo liegt die grösste Herausforderung?
Es ist schwierig, Gruppierungen mit unterschiedlichen Haltungen zusammenzubringen. So wollen marktliberale Proeuropäer nicht gemeinsam mit den Linken auf die Strasse. Wir wollen aufzeigen, dass ihnen zwar ein unterschiedliches Europa vorschwebt, sie dieses aber beide in einem demokratischen Prozess aushandeln möchten. Auf diesen gemeinsamen Nenner sollten wir uns besinnen.

Was können die Demonstrationen tatsächlich bewirken?
Sie machen Mut. Ich bin in Deutschland mit Intellektuellen und Künstlern mit Migrationshintergrund befreundet. Darunter gibt es einige, die nicht mehr glauben, dass sich die Entwicklung aufhalten lässt, und ans Auswandern denken. Das finde ich beängstigend. Wir hoffen, dass die geplanten Kundgebungen Junge mobilisieren und politisieren. Das war bei mir so.

Erzählen Sie.
Ich habe Flugblätter verteilt für die Initiative für eine Schweiz ohne Armee, über die 1989 abgestimmt wurde. Und ich habe an Demonstrationen gegen den Fichenskandal oder für ökologische Anliegen teilgenommen. Das Gefühl, eine Stimme zu haben, politisierte und motivierte mich.

Sie leben in Deutschland. Für wie politisch halten Sie die Schweizerinnen und Schweizer im Vergleich?
Unser politisches System führt dazu, dass wir immer politisiert sind und es nur selten zu Aufwallungen kommt. In der Schweiz ist die aktuelle Lage vergleichsweise bequem. An die SVP haben wir uns gewöhnt, sie ist auch nicht vergleichbar mit der hochprob­lematischen AfD. Zudem verliert die SVP nun erstmals seit 25 Jahren Sitze und Rückhalt. Dennoch: Auch in Basel und Zürich werden am 13. Oktober Menschen auf die Strasse gehen.

Wie erklären Sie sich, dass nationalistische Ideen zurzeit einen Aufschwung erleben?
Die Ursachen sind vielfältig. Zum einen hat die Linke ihre Klientel vernachlässigt. Zum anderen machen die Rechtspopulisten ein verlockendes Angebot: Sie operieren mit der Angst, verweisen auf innere und äussere Feinde. Sie argumentieren gern mit mehr Sicherheit, obwohl die Kriminalität in der Schweiz und Deutschland auf einem Tiefstand ist.

Welches sind in Ihren Augen die wirklichen Probleme?
Soziale Ungerechtigkeit, die wachsenden Einkommensunterschiede, ungleiche Bildungschancen.

Sie sind Autor. Ist die Zeit der ­Worte vorbei, braucht es nun Taten?
Die Zeit der Worte ist nie vorbei. Literatur darf differenziert sein und kann Fragen aufwerfen, ohne sie beantworten zu müssen. Sie kann der Vielfalt der Welt mit einer Vielfalt von Meinungen begegnen: Das brauchen wir immer, gerade in diesen Zeiten.

Wie ist Ihr Gemütszustand angesichts der aktuellen Weltlage?
Das hängt von der Tagesform ab. An manchen Tagen sorge ich mich, an anderen bin ich zuversichtlich, weil zehn weitere Städte eine Demonstration angemeldet haben. Es wäre falsch, in Panik zu verfallen. Aber wir dürfen nicht glauben, dass die Errungenschaften der letzten 100 Jahre – wie Frauenrechte oder Mindestlöhne – für immer gegeben sind. Dafür müssen wir kämpfen. 

13.10. Kundgebung in Zürich, 19 Uhr Bürkliplatz; Demo in Basel um 14 Uhr beim Claraplatz. Mehr Infos: www.13-10.org

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