08. Oktober 2018

Wenn Vater «männixte»

Bänz Friedli führte Tagebuch. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Tagebuch
Ein Wink aus der Vergangenheit: Tagebücher.

Vater muss gerast sein wie ein Irrer. Für die Fahrt von unserem Elternhaus zur Verladestation für den Lötschbergtunnel in Kandersteg gibt Google Maps heute eine Stunde und zwei Minuten an. Und er hat es am 5. Oktober 1977 in weit weniger als einer Stunde geschafft? So steht es in dem Ferientagebuch, das mir beim Räumen in die Hände fiel. Es beginnt damit, dass wir – Vater, Bruder und ich – zu spät aufgebrochen seien und den anvisierten Zug dann doch noch erwischt hätten, trotz Hindernissen: «In Spiez geriet uns ein lahmer Papi vor den Wagen, den wir erst bei Emdthal austricksen konnten. Wir hatten ihn eben überholt, da kam eine Kuhherde im Gänsemarsch bedächtig gewatschelt», steht da in meiner Schülerschrift. (Eine Kuhherde im Gänsemarsch? Das Sprachbild könnte verquerer nicht sein. Aber aus dem Verfasser ist ja dann doch noch ein ganz ordentlicher Kolumnist geworden.)

«Aber ‹Vitsch› alias Mannix entpuppte sich als Strassenhai, so erreichten wir Kandersteg nach fünfzig Minuten.» Gewiss, man durfte noch schneller fahren. Aber Vater, den wir Vitsch nannten, tat nicht nur das Erlaubte. Dem Tagebuch ist ebenso zu entnehmen, dass er meinen sechzehnjährigen Bruder später, in Italien, das Auto steuern liess. Also nehme ich an, dass Vater zu schnell fuhr. Und bin etwas beschämt, wie sehr es mich offenbar beeindruckte. Seiner Fahrweise wegen hatten wir ihm den Übernamen Mannix gegeben, nach­ ­einem TV-Detektiv jener Zeit, der mit seinem Dodge Dart stets halsbrecherisch unterwegs war und schneller, als die Polizei es erlaubte. Daraus leiteten wir fürs Schlängeln und Drängeln das Verb «männixen» ab. Vater männixte.

Von jenen Ferien hatte ich nur noch ein äusserst vages Bild. Ich hatte nicht mehr gewusst, je im Hotel «Hirschen» in Samedan genächtigt, je in Gravedona am Comersee rote Lederstiefel gekauft, geschweige, darüber Tagebuch geführt zu haben. Doch mit einem Mal ist alles wieder da: die Flipperkästen – Einsatz: hundert Lire –, die Pizza mit Artischocken … Ich sehe sie vor mir! Die Papierserviette des Ristorante «Da Luigi» klebten wir samt Tomatenflecken ins Buch, dazu Postkarten, Zuckersäckchen und die Comiczeichnungen meines grossen Bruders. Und ich hatte nicht einmal mehr gewusst, dass ein solches Tagebuch existierte.

Nun aber bin ich froh darüber, später auch mit meiner Frau und unseren Kindern stets Reisetagebuch geführt zu haben, alle verfassten jeden vierten Tag einen Eintrag. Kalifornien, Nepal, Hamburg … Da kam einiges zusammen. Ich werde sie gut aufbewahren, die Tagebücher. Damit die Kinder, die dann längst keine mehr sind, später einmal Erinnerungen wecken können, Bilder, Stimmungen und, wer weiss, dieses seltene Gefühl von Geborgenheit.  

Die Hörkolumne

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