09. Mai 2019

50 Jahre Kampf für gleiche Rechte

Im Juni 1969 rebellierten Lesben und Schwule in New York erstmals gegen Polizeigewalt. Wie viel sich seither für sie verändert hat, zeigen die Lebensgeschichten des Rentners Werner Neth (68) und des Lehrlings Carlos Schönhärl (18). Beide engagieren sich beim Zürcher Pride-Festival, an dem dieses Jahr gleich zwei Jubiläen gefeiert werden.

Carlos Schönhärl und Werner Neth
Carlos Schönhärl und Werner Neth trennen 50 Altersjahre – wichtige Wegmarken beim Coming-out und im Beziehungsleben haben für den Jüngeren deutlich früher stattgefunden.
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Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam: Werner Neth, der pensionierte Bankangestellte aus Zürich, und Carlos Schönhärl, der Konstrukteurslehrling aus Freienbach SZ. Doch es gibt etwas Verbindendes: Beide sind schwul und beide waren etwa 13 Jahre alt, als sie das zu ahnen begannen. In den 50 Jahren, die die Männer altersmässig trennen, hat sich vieles getan, was dem Jüngeren den Umgang damit enorm erleichtert hat.

Im Jahr 1969 nämlich begann vor einer unscheinbaren Bar in New York der Kampf von Lesben, Schwulen und Transmenschen um Akzeptanz und Gleichberechtigung: Als in der Nacht auf den 28. Juni wieder einmal eine Polizeirazzia im «Stonewall Inn» an der Christopher Street stattfinden sollte, wehrten sich die Gäste erstmals physisch und lieferten sich stundenlange Strassenschlachten mit den Cops. Dieses Jahr feiern Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intermenschen, kurz: LGBTI, weltweit das Jubiläum der Geburtsstunde dieses Kampfs – auch in der Schweiz

Werner Neth (68) und Carlos Schönhärl (18) werden dabei sein. Beide engagieren sich beim Zurich Pride Festival, dem jährlichen Event zur Feier des «Stonewall»-Aufstands; sie helfen mit, die Jubiläumsveranstaltungen im Juni auf die Beine zu stellen. Was sich für Lesben und Schwule seit jener Nacht in New York alles verändert hat, lässt sich anhand ihrer Lebensgeschichten gut nachzeichnen.

Zwar hat auch Carlos Schönhärl zunächst etwas gerungen mit seiner sexuellen Orientierung. «Ich wollte es erst nicht wahrhaben und versuchte, mich für Mädchen zu interessieren», erzählt er. «Aber es funktionierte einfach nicht.» Als er mit 16 Grindr entdeckte, eine Online-Kontaktbörse für Schwule, gestand er sich jedoch ein, dass er wohl wirklich auf Männer steht.

Warum das so lange dauerte, kann er nicht wirklich erklären. «Meine Familie stammt ursprünglich aus einer katholischen Ecke in Bayern, aber mein Vater ist früh weggezogen, und meine Mutter ist eh liberal aufgewachsen.» Dennoch hatte er etwas Angst, es seinen Eltern zu erzählen. Das tat 2017 schliesslich der Vater eines Freundes, dem er sich anvertraut hatte und der zu Recht davon ausging, dass seine Eltern dies sehr entspannt aufnehmen würden. Sie werden nun am 15. Juni sogar am Zürcher Pride-Umzug teilnehmen.

Homosexualität war damals einfach kein Thema, und so habe ich es so lange wie möglich verdrängt.

Werner Neth

Anders als Schönhärl offenbarte sich Werner Neth den Eltern erst mit 27 Jahren. Weil er selbst erst seit kurzem und nach einer zweijährigen Psychoanalyse akzeptieren konnte, dass er auf Männer steht. Obwohl es ihm eigentlich längst klar war und es im Teenageralter in Ski- und Pfadfinderlagern auch schon zu ersten sexuellen Spielereien mit Jungs gekommen war. «Aber Homosexualität war damals einfach kein Thema, und so habe ich es so lange wie möglich verdrängt.»

Auch Neths Eltern nahmen das Coming-out ihres Sohns 1977 locker auf, womit nicht unbedingt zu rechnen war. «Ich dachte mir damals: Wenn sie mich rausschmeissen und mich nie wiedersehen wollen, ist es halt so. Aber meine Mutter sagte nur, dass sie es bereits geahnt hätte.»

Nach dem Studium zog er 1977 von St. Gallen nach Zürich, trat dort seine erste Arbeitsstelle an und begann, die aufblühende Schwulen-Subkultur der Stadt zu geniessen. Es folgte ein gut einjähriger Einsatz als Oberleutnant an der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea, dann fing er 1981 bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (heute UBS) im Rechnungswesen an. Nach und nach erfuhr sein ganzes Umfeld, dass er schwul ist. «Es gab nie Probleme, auch bei der Arbeit nicht.» Neth gehört zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgruppe «Pride@UBS» , mit der die Bank sich früher als viele andere Unternehmen auch öffentlich exponierte.

Wir Jungen profitieren heute vom Kampf, den Werners Generation begonnen hat.

Carlos Schönhärl

Auch Carlos Schönhärls gesamtes Umfeld erfuhr es nach und nach. «Ein Kollege aus der Sekundarschule brach den Kontakt ab, ansonsten lief alles recht locker, sogar bei Oma und Opa.» Nicht nur sein Coming-out fand deutlich früher statt als bei Werner Neth, sondern auch der erste Kontakt mit anderen Schwulen, die erste Beziehung, der erste Besuch eines Schwulenlokals, die erste Pride. «Wir Jungen profitieren heute vom Kampf, den Werners Generation begonnen hat», sagt der Teenager.

Neth aber konnte sich nur kurz an der neuen Freiheit in den 1980er-Jahren erfreuen. Denn um ihn herum begannen Freunde und Bekannte an einer neuen Krankheit zu sterben – 1986 erhielt auch er die Diagnose: HIV-positiv. «Das war damals de facto ein Todesurteil», sagt Neth. «Es gab noch keine wirksamen Medikamente, die meisten Betroffenen starben innert eines Jahrs nach Ausbruch der Krankheit.» Sein damaliger Lebenspartner hatte sich ebenfalls angesteckt.

Doch Neth liess sich nicht unterkriegen, machte weiter, als wäre nichts geschehen. Und als 1995 eine Lungenkrankheit bei ihm ausbrach, gab es neue Medikamente, die ihn wieder heilten und das HI-Virus seither in Schach halten. «Die Ärzte sagten mir, dass ich nicht überlebt hätte, wenn die Krankheit zwei Jahre früher ausgebrochen wäre.» Auch sein Partner hatte Glück.

Fünf BeziehungenNeth hatte Neth bisher, mit seiner aktuellen lebt er in eingetragener Partnerschaft. Carlos Schönhärl erlebt gerade seine erste richtige Liebe. Kennengelernt hat er den 19-jährigen Yannik 2017 in den Ferien in Italien, seit Anfang 2018 führt er eine Fernbeziehung mit dem Studenten aus Hamburg. «Wir sehen uns täglich über Facetime und Whatsapp und besuchen einander jedes zweites Wochenende.» Ob daraus die Beziehung seines Lebens wird oder nur der erste Freund, an den er sich immer erinnern wird, ist noch offen.

Fortschritt ist nicht einfach so garantiert

Aber im Gegensatz zu vielen anderen seiner Generation ist es ihm wichtig, sich zu engagieren. «Ich habe von der ‹Pride› enorm profitiert und möchte etwas davon zurückgeben», sagt er. Ausserdem gebe es trotz der positiven Entwicklungen in den vergangenen Jahren auch in der Schweiz noch immer Baustellen: «Die Ehe für alle inklusive Adoptionsrecht, Zugang zur Fortpflanzungsmedizin, Antidiskriminierungsregelungen für alle», zählt er auf. Insgesamt seien LGBTI-Menschen in der Schweiz jedoch gesellschaftlich vergleichsweise gut akzeptiert.

«Dennoch müssen wir uns bewusst sein, dass der Fortschritt nicht einfach so erhalten bleibt», ergänzt Neth. «Der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien und Regierungschefs in unseren Nachbarländern oder in den USA und in Brasilien zeigt, wie fragil diese Erfolge sind. Auch darum braucht es Veranstaltungen wie die ‹Pride› weiterhin.»

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