07. September 2015

Die neuen Heimarbeiterinnen

Heimarbeit feiert derzeit dank des Internets eine Renaissance. Die Heimwerkerinnen der jüngsten Generation bringen ihre Produkte via Social Media an den Kunden. Zu Besuch bei drei Jungunternehmerinnen.

Autodidaktin Martina Betschart verkauft ihre Kreationen unter anderem via Facebook.
Autodidaktin Martina Betschart verkauft ihre Kreationen unter anderem via Facebook.

Sie war meist Mutter und Hausfrau, lebte auf einem Bauernhof und versuchte, in den kalten Wintermonaten das Haushaltsbudget mit Näharbeiten aufzustocken. Heute gibt es solche klassischen Heimarbeiterinnen praktisch nicht mehr.
Trotzdem stirbt die Heimarbeit nicht aus. Im Gegenteil. Dank des Internets feiert sie derzeit eine Renaissance. Auf Dawanda.de vertreiben insgesamt rund 2000 Schweizerinnen und ein paar Schweizer ihre Hand- und Werkarbeiten. Das Onlinewarenhaus ist spezialisiert auf Selbstgemachtes – auf Gestricktes, Genähtes, Gehäkeltes oder Gebasteltes.

Handarbeit als neues Statussymbol

Die Plattform existiert seit Ende 2006, hat inzwischen 5 Millionen registrierte User und über 20 Millionen Visits im Monat. Jede Minute geht bei Dawanda.de eine Tasche über den virtuellen Ladentisch, alle 30 Sekunden ein Produkt für Kinder und alle 20 Sekunden ein Schmuckstück. Noch beeindruckender sind die Zahlen bei Etsy.com , dem US-amerikanischen Vorbild von Dawanda.de, das im deutschsprachigen Raum allerdings weniger User hat.

Handarbeit gleich altbacken, gar peinlich – das war einmal: «Heute grenzt man sich mit Selbstgemachtem von uniformer Massenware ab», sagt Trendforscherin Martina Kühne (36) vom Gottlieb-Duttweiler-Institut. Selbst Luxuslabel hätten ihren Glanz verloren, seit es davon überall billige Kopien gebe. Mit dem selbst gestrickten Pullover könne man im Vergleich noch richtig punkten: «Das Kultivieren eines Handwerks kann man in unseren Tagen durchaus als Statussymbol betrachten.» Stricken erfordere Wissen und Zeit, und die koste bekanntlich Geld.

Das Internet als Inspiration

Die Renaissance des Selbstgemachten begann 1998 in den USA. Damals ging Jean Railla mit Getcrafty.com online und bot den bis anhin versprengten Fans von Handarbeit einen virtuellen Treffpunkt. In Anlehnung an den Begriff für Modeverrückte – «fashionistas» – nannten sich die neuen Handarbeiterinnen «Craftistas». Später entstanden Foren mit verwegenen Namen wie «Revolutionary Sewing Circle» oder «Church of Craft».

Das Internet ist für moderne Heimwerkerinnen wie Martina Betschart, Annika Wagner oder Sara Bull nicht nur ein möglicher Absatzmarkt, sondern immer auch eine Inspirationsquelle. Alle drei haben ursprünglich keinen gestalterischen Beruf erlernt und sich die meisten Fertigkeiten selbst beigebracht, am Computer.
Verdienen tun sie unterschiedlich gut mit ihren Arbeiten – Spass macht es allen.

Von Babyfinken zu E-Books

Annika Wagner mit ihrem jüngsten Sohn Florin (2), der immer wieder als Model dient.
Annika Wagner mit ihrem jüngsten Sohn Florin (2), der immer wieder als Model dient.

Annika Wagner (26) aus Wölflinswil AG ist derzeit Haupternährerin ihrer Familie. Sie hat drei Kinder und einen Mann, der noch studiert. Die gebürtige Deutsche wurde kurz nach dem Abitur schwanger. Damals begann Annika Wagner Babyfinken aus Bio-Rindsleder zu fertigen und entdeckte, dass sich mit Nähen Geld verdienen lässt. Heute erwirtschaftet sie mit ihren Handarbeiten rund 2000 Franken pro Monat. Wenn das Einkommen, das sie zusätzlich als Tagesmutter aufbessert, nicht reicht, helfen die Schwiegereltern aus, die der jungen Familie auch das Haus überlassen haben.

Annika Wagner
Annika Wagner (26)

«Alles, was ich kann, habe ich mir mit Internet-Tutorials beigebracht», sagt die junge Frau, die auf den ersten Blick wie
ein unbedarfter Teenager wirkt. Das jugendliche Aussehen täuscht: Im Gespräch entpuppt sich Annika Wagner als pragmatische Geschäftsfrau, die nicht etwa ein nettes Hobby, sondern ein echtes Business betreibt: «An einem Finkli nähe ich eine Stunde, nach Abzug der Materialkosten bleiben mir 25 Franken. Für eine Frau ohne Ausbildung ein guter Stundenlohn – und das ohne Chef, Anfahrtszeit und Stundenplan.»

Vor einem halben Jahr hat Annika Wagner eine zusätzliche Einnahmequelle entdeckt: digitale Schnittmuster, die sie als E-Books auf ihrem «Mama Nähblog» für plus/minus 7 Euro verkauft: «Die Schnittmuster in den Printmagazinen versteht niemand. Weil Papier kostet, müssen die alles auf kleinstem Raum erklären. Im E-Book kann ich jeden Arbeitsschritt mit einem Foto illustrieren», erklärt sie ihren Erfolg.

Die Idee kam mit den Likes

Autodidaktin Martina Betschart: Die gelernte Bäckerin hat im Nähen eine neue Leidenschaft entdeckt.
Autodidaktin Martina Betschart: Die gelernte Bäckerin hat im Nähen eine neue Leidenschaft entdeckt.

Martina Betschart (29) wohnt auf einem Bauernhof im Emmental BE. Wer nun eine Heimarbeiterin wie anno dazumal erwartet, liegt falsch. Die gelernte Konditor-Confiseurin trägt hüftlange Rastalocken, hat zahlreiche Tattoos und teilt das Haus nicht mit Mann und Kindern, sondern mit ihrem WG-Kollegen.

Martina Betschart (29)
Martina Betschart (29) im Nähatelier.

Auf die Idee, mit ihren Näharbeiten Geld zu verdienen, kam sie dank Facebook: «Als ich vor vier Jahren damit begann, war das nur für den Eigengebrauch. Wenn ich was fertig hatte, postete ich oft ein Bild und erhielt dafür immer viele Likes – und auch Kommentare wie: ‹Das wott ig au!›»

Die Kreationen von Martina Betschart haben etwas feenhaft Verträumtes. Sie verwendet häufig Spitzen und natürliche Fasern. Oft färbt sie die Stoffe selber mit Tee, Wurzeln oder Kräutern. Und während sie über ihre Kleider spricht, benützt sie keine gestelzten Begriffe aus der Welt der Mode, sondern spricht bloss von ihrer Motivation, etwas Schönes und Magisches zu schaffen.

Ihr Label «Swamp Nymph» hat rund 2000 Followers auf Facebook. Zudem betreibt die Autodidaktin einen virtuellen Shop auf Etsy.com und verkauft ihre Waren an Goa-Partys. Seit Kurzem betreibt sie einen Laden an der Kramgasse 68 in Bern. Sie nimmt pro Monat rund 1500 Franken ein.

Ihren Schmuck verkauft sie bis nach China

Fimo-Künstlerin Sara Bull: «Wenn du Likes und damit Kunden willst, musst du etwas dafür tun.»
Fimo-Künstlerin Sara Bull: «Wenn du Likes und damit Kunden willst, musst du etwas dafür tun.»


Bis zu acht Stunden sitzt Sara Bull (43) am Wochenende jeweils an ihrem Computer und betreut den Facebook-Auftritt ihres Schmucklabels «ChaNoJa» : «Wenn du Likes und damit Kunden und Kundinnen willst, musst du was dafür tun», sagt die Büroangestellte aus Zürich-Oerlikon, die 90 Prozent bei einem international tätigen Transportunternehmen arbeitet.

Sara Bull hat sich auf die Modelliermasse Fimo spezialisiert, mit der sie Halbedelsteine wie Bergkristall, Mondstein oder Labradorit ornamental umfasst und Gesichter von Gnomen, Göttinnen oder anderen Charakterköpfen kreiert.

Sara Bull fotografiert
Sara Bull fotografiert ein eigenes Werk.

Die Fimo-Künstlerin ist in über 100 Facebook-Gruppen präsent. Die Mitgliedschaft hat sie konsequent nach Zielgruppe ausgewählt: «Ich bin nur dort dabei, wo auch meine Kunden sein könnten.» Hat sie wieder ein paar Stücke fertig, postet sie in diesen Gruppen ein Bild der neu erschaffenen Anhänger und verweist jeweils auf ihren Etsy-Shop und die Facebook-Seite. Gibt es Kommentare, beantwortet sie diese oder reagiert zumindest mit einem Like: «Das braucht alles unheimlich Zeit, fördert aber die Verbreitung im Netz und ist kundenfreundlich.» Ihre Facebook-Seite hat inzwischen rund 4500 Fans.

Sara Bull führt keine Buchhaltung über ihren Nebenverdienst und betrachtet das Ganze eher als Hobby: «Ich hatte mit der Zeit einfach sehr viele Schmuckstücke zu Hause und hätte wohl mit dem Modellieren aufgehört, wenn ich keinen Absatz gefunden hätte.» So aber inspiriere sie jeder Verkauf, mit Freude weiterzumachen. Kürzlich hat sie an einem Tag gleich fünf Bestellungen erhalten – unter anderem aus den USA und China.

Die Zürcherin ist eine aufmerksame Beobachterin der Fimo-Szene und weiss, dass es Kolleginnen im Ausland gibt, die tatsächlich von ihrer Kunst leben. Sie selber würde ihre Festanstellung dafür nicht kündigen, kann sich aber durchaus vorstellen, eines Tages ihrer Kreativität noch mehr Raum zu geben.

Fotograf: Sonja Ruckstuhl

Benutzer-Kommentare