04. August 2014

1914 versus 2014

Historiker Jakob Tanner über Unterschiede und Parallelen von damals und heute. Am Ende des Artikels finden Sie eine Grafik mit einem Vergleich zwischen 1914 und 2014.

jakob Tanner
Jakob Tanner

Auch in diesem Sommer wartet das Schweizer Radio und Fernsehen mit einer «Scripted Living History»-Produktion auf. In den kommenden drei Wochen heisst es im Anschluss an die Sendung «Schweiz aktuell» jeweils «anno 1914 – Die Fabrik». Das Format beleuchtet den beruflichen und privaten Alltag von Menschen unterschiedlicher sozialer Milieus. Konkret handelt es sich dabei um eine Arbeiter- und eine Fabrikantenfamilie, deren Rollen von Laiendarstellern besetzt sind. Historiker Jakob Tanner sagt, wie das Leben damals war und welche Parallelen es zwischen 1914 und 2014 gibt.

Jakob Tanner, geht es uns heute besser als noch vor 100 Jahren?

1914 verfügt die arbeitende Bevölkerung über weit weniger Kaufkraft als heute. Bei unteren Einkommensschichten gehen bis zu 75 Prozent des Haushaltsbudgets für Nahrung weg. Wenn es knapp wird, muss man beim Essen sparen. Damals wie heute gibt es auch Begüterte, die sich alles leisten können.

Aber wir besitzen sicherlich mehr als früher.

Ja, aber gleichzeitig gibt es einen Konformitätsdruck und viele soziale Zwänge. Ein Teenager, der heute kein Smartphone besitzt, wird von Gleichaltrigen als komisch betrachtet. Manche fühlen sich arm, wenn sie sich keine Markenprodukte leisten oder nicht so weit wie andere in die Ferien fahren können. Wohlstand hat immer auch eine kulturelle Komponente und orientiert sich am vorherrschenden Lifestyle.

Wie muss man sich die Stimmung im Jahr 1914 vorstellen?

Es gab in allen Industrieländern Europas einen Zwiespalt: Zum einen ist da ein unglaublicher Zukunftsoptimismus, man glaubt an den Fortschritt und geht besseren Zeiten entgegen. Zum anderen breiten sich dumpfe Niedergangsängste aus. Viele haben das Gefühl, dass sich die gesellschaftliche Ordnung auflöst. Diese beiden gegenläufigen Stimmungslagen haben sich auch in den Bezeichnungen dieser Zeit niedergeschlagen. Man spricht von der hellen Belle Époque und vom dunklen Fin du Siècle.

Woher kommt die Euphorie der Belle Époque?

Es war eine unglaubliche Zeit des Aufbruchs und der Rekorde. Wissenschaft und Technik erschliessen neue Möglichkeiten. Es kommt zu beeindruckenden Entdeckungen und Entwicklungen – die wichtigsten Stichworte lauten hier Psychoanalyse, Atomforschung, Röntgenstrahlen, Starkstromübertragung, Motoren- und Turbinentechnik, Pharmazie und Aviatik. Der Reiseverkehr erschliesst neue Landschaften, Forschungsreisende beschriften die letzten «weissen Flecken» auf der Weltkarte. Neuerungen können auch in der Kommunikationstechnik und, mit dem Aufkommen des Films, in den Medien bestaunt werden.

Die Schweizer Wirtschaft ist zwischen 1870 und 1913 kräftiger und schneller gewachsen als in den meisten anderen westlichen Ländern. Warum war dem so?

Weil man in der Schweiz die Wachstumschancen, die sich in einer globalisierenden Wirtschaft boten, optimal wahrnahm. Als in den 1870er-Jahren die Getreideimporte aus Übersee auf die Preise drücken, wendet man sich hierzulande der Milch- und Viehwirtschaft zu. Auch Industrieunternehmen setzen auf arbeitsteilige Spezialisierung, sie rationalisieren die Produktion, platzieren attraktive Markenprodukte und behaupten sich in vielen neuen Nischen auf dem Weltmarkt. So nimmt auch der Wohlstand zu – wenn auch auf bescheidenem Niveau. Zwischen 1890 und 1914 steigen die Reallöhne um ein Drittel. Die Schweiz steht schon damals im europäischen Vergleich mit dem Pro-Kopf-Einkommen an der Spitze.

Aber warum gelang das gerade uns so gut?

Neben den wirtschaftlichen gilt es auch mentale Faktoren zu beachten. Da gibt es eine schöne Anekdote vom Staatsrechtler und Nationalrat Carl Hilty (1833–1909). Er hält in einem Ostschweizer Dorf eine Rede, und anschliessend kommt ein Bauer auf ihn zu und sagt: «Herr Hilty, ich kapiere zwar nicht, was Sie sagen, ich weiss aber, dass es für unser Land wichtig ist.» Das ist ein Unterschied zur heutigen Zeit, in der man Volksinitiativen durchbringt, wie etwa die Minarett- und die Verwahrungsinitiative, die in Konflikt mit dem Völkerrecht stehen.

Man hat also Vertrauen in die Elite, woher rührt dann das Unbehagen?

Wenn es etwas besser geht, steigen auch die Erwartungen. Und es profitieren ja nicht alle gleich stark vom Aufschwung vor dem Ersten Weltkrieg. Die Einkommens- und vor allem die Vermögensverteilung bleiben sehr ungleich. In den Städten verdichten sich Wohnungs- und Versorgungsprobleme. Die Arbeiterbewegung macht die «soziale Frage» zum Politikum. Die Gewerkschaften haben einen starken Zulauf. Die Schweiz ist damals ein sehr streikintensives Land, ab 1900 kommt es auch verstärkt zu Generalstreiks.

Wie reagieren Politik und Gesellschaft auf diese Spannungen?

Das Bürgertum ist verunsichert und setzt in den Arbeitskämpfen immer häufiger Militär ein. Es lässt sich eine Krise des Liberalismus beobachten. Gleichzeitig vertritt die Linke immer kämpferischere Positionen. Die Schweiz wird in dieser Zeit ein gespaltenes Land mit starken Klassengegensätzen.

Was sind die Folgen?

Anfänglich schlägt der staatstragende Freisinn noch Reformen vor, wie etwa eine obligatorische Kranken- und Unfallversicherung, die dann aber 1900 an der Urne abgelehnt wird. Damals schwenken die Bürgerlichen auf einen Klassenkampf von oben ein. Bei Kriegsausbruch wird sogar das Fabrikgesetz sistiert. Es kommt während der Kriegsjahre zu Kinderarbeit, zur Verlängerung der Arbeitszeit und zu einem prekären Lohnabbau.

Welchen Einfluss hat der Kriegsbeginn auf die einfachen Leute?

Vor allem auf die daheim gebliebenen Frauen wirkte sich die Generalmobilmachung der Armee belastend aus. 220 000 Männer treten den Aktivdienst an. Die Frauen müssen nun die Arbeit erledigen, in Landwirtschaft und Gewerbe häufig ohne Pferde, die ebenfalls zu einem Grossteil eingezogen werden. Die Soldaten an der Grenze werden mit Festungsbau und Grabenausheben beschäftigt. Sie trinken oft zu viel. Hier versucht der damals gegründete Schweizer Verband Volksdienst (SVV) Abhilfe zu schaffen. Nach Kriegsende betreibt der SVV dann alkoholfreie Arbeiterstuben in Industrieunternehmen – und bis heute ist er als SV Group in der Personalgastronomie führend.

Wie ist die Stellung der Frau?

Von einer Geschlechtergleichstellung ist man weit entfernt – wie in allen anderen Ländern auch. Die Sozialreformer betrachten die Frauen jedoch als ­«Finanzministerinnen des Haushalts» als Ansprechpartnerin für Programme einer rationellen Ernährung oder einer modernen Hygiene. Diese Aufwertung ist zweischneidig, weil die Frauen damit auch auf ihre traditionelle Rolle fixiert werden. Die Schweiz wird ja dann zum europäischen Schlusslicht auf dem Weg zur politischen Gleichberechtigung.

Wie war das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeitern: Hatte man noch Respekt vor dem Patron?

Gerade auf dem Land, wo Gewerkschaften einen schweren Stand gehabt und persönliche Beziehungen gespielt haben, können sich Patrons als lokale Autoritäten profilieren. Man darf aber annehmen, dass in den Wirtshäusern, am Stammtisch, ganz anders geredet worden ist. Die Sozialdemokraten haben in den Unternehmern immer stärker einen Klassenfeind gesehen.

Heute ist der Begriff Patron positiv besetzt und wird oft als Gegensatz zum raffgierigen Manager benutzt.

Die damaligen Unternehmen haben in der Regel in ihre Firma reinvestiert, sie haben stille Reserven gebildet und sich in schlechten Zeiten nicht einfach mit einem goldenen Fallschirm abgesetzt. Risiko, Haftung und Gewinn sind noch in einer Linie. Heute haben wir da eine Entkopplung. Mit bürgerlichen Wertvorstellungen und mit Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun.

Auch heute gibt es wegen Bankenkrise und schrumpfendem Mittelstand Rufe nach mehr Regulierung und Umverteilung.

Es gibt tatsächlich historische Analogien. Damals wie heute hat man einen Krieg für unwahrscheinlich gehalten. Es lässt sich 1914 und auch wieder 2014 eine rasche Globalisierung beobachten – was damals der Telegraf war, ist heute das Internet. Gleichzeitig macht sich allenthalben ein intoleranter Nationalismus bemerkbar. Die Schweiz ist diesbezüglich heute ein Normalfall. Die Verengung des Horizonts durch nationale Abgrenzungen und Diskriminierungen stellen eine Gefahr dar. Damit wird es in der Politik schwieriger, Probleme konstruktiv zu lösen.

«anno 1914 – Die Fabrik»: 4. bis 22. August, jeweils um 19 Uhr auf SRF 1.

1914 und 2014 im Vergleich

Mit dem Klick aufs Bild öffnet sich die Gesamtansicht der Infografik.
Sie können Sie aber auch im PDF-Format öffnen und ausdrucken.

Benutzer-Kommentare