29. Mai 2017

Im Reich der Götterwesen

Costa Rica, auch «Schweiz Zentralamerikas» genannt, ist ein Eldorado für Naturliebhaber. Im mystischen Nebelwald entdeckt man den selten gewordenen Quetzal, den die Ureinwohner einst als Gott verehrten. Zudem bieten wir Reisetipps für Costa Rica und erzählen die Geschichte des Dähler-Ananas-Clans.

Wer den Quetzal sehen möchte, muss früh aufstehen. Um 4.30 Uhr wollen wir aufbrechen, das Problem ist nur: Es regnet. In Strömen. Und der anspruchsvolle Vogel mag weder Sonne noch Regen. Den Maya, den Ureinwohnern Zentralamerikas, galt der Quetzal als Gott: Wenn er zu nisten begann, wussten sie, dass es an der Zeit war, den für sie lebenswichtigen Mais auszusäen, weil die Regenzeit nahte.

Bei Vogelfreunden geniesst das Tier mit dem farbenfroh schillernden Federkleid noch heute einen gottähnlichen Status, weil es so selten geworden ist. «Ich habe schon Leute begleitet, denen die Tränen kamen, als sie, nach jahrelanger Suche an anderen Orten, den Quetzal hier endlich zu sehen bekamen», erzählt Raúl Fernández Chacón (27), unser Birdwatching-Führer. Er arbeitet in San Gerardo de Dota, einem abgelegenen Gebirgstal südöstlich der Hauptstadt San José, mitten im Nebelwald. Hier leben relativ viele Quetzals – rund 200, so schätzt er, «weil sie perfekte Lebensbedingungen finden und seit Jahrzehnten streng geschützt sind». Andernorts in Zentralamerika wird der Vogel wegen seiner zwei ungewöhnlich langen Schwanzfedern immer noch gejagt, ist ausgerottet oder auf der Liste der gefährdeten Arten.

Aber wird es uns trotz des schlechten Wetters gelingen, den raren Vogel zu finden? Um 5.30 Uhr brechen wir schliesslich auf, mit Wanderschuhen, Regenschutz und dicken Pullovern, denn es ist nicht nur nass, sondern auf etwa 2200 Metern über Meer auch empfindlich kühl. Raúls Vater hält an einer anderen Stelle des Nebelwalds Ausschau, wird nach etwa einer Stunde fündig und gibt uns via Funk Bescheid, wo wir hinmüssen. Als wir dort sind, ist der Quetzal wieder weg – vertrieben von einem Tukan.

Begehrt, aber nicht leicht zu finden: ein Quetzal, der Göttervogel der alten Maya.

Immerhin: Der Regen lässt nach. Es ist eigentlich auch gar nicht üblich, dass es hier derart schüttet. Die dick bemoosten Bäume holen sich die notwendige Feuchtigkeit direkt aus den tief hängenden Wolken, daher der Name «Nebelwald». Nach einer weiteren halben Stunde wird unsere Geduld belohnt: Ein Quetzal sitzt entspannt und gut sichtbar auf dem Ast eines Baums und verdaut eine Zwergavocado, die er gerade vom Nachbarbaum gepflückt und sich als Ganzes einverleibt hat. Etwa eine Viertelstunde lang sitzt er da und lässt sich bewundern. Sogar zwei weitere Exemplare flattern herbei – ein seltenes Ereignis, schwärmt Raúl.

Fast noch bemerkenswerter ist die Tatsache, dass unser Grüppchen vollkommen allein ist. «Das Tal ist noch immer ein Geheimtipp», sagt der Vogelexperte. Entdeckt hat es sein Grossvater Efraín Chacón (92), der sich 1954 mit seinem Bruder auf der Jagd verirrt hatte, in der Dunkelheit campierte und am nächsten Tag mitten in dieser mystisch wolkenverhangenen, dicht bewaldeten Berglandschaft stand, die vom Flüsschen Savegre durchschnitten wird. Damals gehörte ein grosser Teil des Bodens niemandem, und der Staat überliess den Leuten Parzellen, die sie während einiger Jahre bewirtschafteten. Der bitterarme Landarbeiter, der auf einer Kaffeeplantage schuftete, machte sich ans Werk – erst entstand Landwirtschaft, später, als ein US-Biologe in den 80er-Jahren die Quetzals dort entdeckte, ein sorgsam entwickelter Ökotourismus.

Mystisch wolkenverhangen: Der Nebelwald von Costa Rica auf etwa 3000 Metern über Meer.

Sicher, sozial und umweltbewusst

Dieser Ökotourismus ist das Markenzeichen von Costa Rica, dem sichersten und wohlhabendsten zentralamerikanischen Land, wo sich auf 0,03 Prozent der globalen Land­fläche 5 Prozent der Biodiversität des Planeten finden. Pflanzen- und Tierwelt sind streng geschützt – wer beim Jagen erwischt wird, riskiert eine Gefängnisstrafe. Sämtlicher Strom wird mittels Wasser, Wind und Sonne erzeugt, die Menschen erhalten Gratisbehandlung bei Ärzten und in Spitälern, die Kinder kostenlose Verpflegung in der Schule.

Die politische Lage ist seit Jahrzehnten stabil, weshalb Costa Rica auch als «Schweiz Zentralamerikas» bezeichnet wird: Das Land legt grossen Wert auf seine Neutralität und vermittelt immer wieder bei Konflikten in der Region. Der Drogenhandel, der in Mittelamerika zu Bandenkriegen und Morden führte, ist weitgehend unter Kontrolle, weil die Sicherheitsbehörden funktionieren und die Korruption gering ist. Bereits 1948 wurde die Armee abgeschafft – das frei gewordene Geld landet im Bildungs- und Sozialwesen.

Aus diesen Gründen hat es Johann Dähler (64) und seine Familie hierhergezogen. «Ich hasse Waffen und Gewalt, deshalb war mir Costa Rica immer sympathisch», sagt Dähler, der in den 70er- und 80er-Jahren in der Elfenbeinküste in Afrika ein Ananasimperium aufbaute – und es infolge der Bürgerkriege, des Klimawandels und eines verunglückten Finanzdeals mit der Schweizer Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) wieder verloren hat. Im Jahr 2000 kehrte das Ehepaar mit seinen vier halbwüchsigen Kindern fast mittellos in die Schweiz zurück, 2004 ergab sich die Chance, mit Unterstützung durch Investoren in Costa Rica ein Stück Land zu erwerben, das sich bestens für den Ananasanbau eignete.

Die Dählers mitten in ihrer Ananas-Plantage: Vater Dähler (3. von links) mit seinen Kindern Stéphane, Andrea und Johann. Letzterer leitet die Farm auf Costa Rica.

Heute produzieren die Dählers pro Jahr knapp 20 000 Tonnen Früchte, die sie in die ganze Welt exportieren – ein Teil davon geht auch in die Schweiz. Das Familienunternehmen beschäftigt auf seiner Farm nordöstlich von San José etwa 130 Leute und bietet Betriebsbesichtigungen an. Natürlich gibt es köstliche Kostproben direkt vom Feld, und die Gäste erfahren, dass es nicht vom gelben Äusseren abhängt, ob eine Ananas reif und süss ist. Denn die grünen schmecken genauso gut, vorausgesetzt, sie hatten ein Jahr lang Zeit, unter den richtigen Bedingungen zu reifen.

Es frustriert die Ananasfarmer denn auch, dass viele Grosshändler ihnen die grünen Früchte nicht abnehmen, mit der Begründung, die Konsumenten würden sie nicht akzeptieren. Die Früchte werden deshalb künstlich durch einen chemischen Prozess gelb gemacht, obwohl das gar nicht nötig wäre. Auch andere ästhetische Kriterien führen zur Ablehnung, etwa eine Krone, die grösser als die Frucht ist oder etas schief gewachsen. «So entsteht viel unnötiger Ausschuss, dabei hat all dies keinen Einfluss auf den Geschmack», sagt Dähler. Die unverkäuflichen Früchte werden entweder zu Saft verarbeitet, den Wasserbüffeln auf dem Gelände verfüttert oder nachts von den Affenfamilien geholt, die in den Wäldern rund um die Farm leben.

Dem Land etwas zurückgeben

Den Laden schmeissen heute die drei Söhne; Johann Dähler ist mit seiner Frau und der Tochter seit ein paar Jahren wieder in der Elfenbeinküste aktiv, nachdem er seine Ländereien zurückgekauft hat. Er baut dort Kautschuk und Kakao an, hat auch eine mobile Klinik, eine Schule und ein Gotteshaus finanziert, in dem Christen und Muslime gemeinsam beten, wie er erzählt.

Doch so gut die Geschäfte in Costa Rica zurzeit laufen, nach den Erfahrungen in Afrika haben die Brüder Dähler entschieden, neben der Ananasfarm ein zweites Standbein aufzubauen: Seit einigen Jahren bieten sie auch Reisen an. «Zu Beginn wussten wir kaum etwas über dieses Geschäft», sagt Stéphane Dähler (31), der sich inzwischen fast nur noch um den Tourismus kümmert. «Aber wir haben durch unsere Arbeit hier ein Netzwerk aufgebaut, Partner und Freunde gefunden, die uns unterstützen. Mit ihrer Hilfe können wir eine andere, ursprünglichere Seite von Costa Rica präsentieren als die meisten grösseren Reiseanbieter.»

Reiche Unterwasserwelt bei der Isla del Caño: ein Schwarm Grossaugen-Stachelmakrelen, der sich stetig um sich selbst dreht.

Das ist ihm sogar ein besonderes Anliegen: «Die Menschen hier sind ungemein herzlich, offen und gastfreundlich, sie haben uns zum Beispiel nie spüren lassen, dass wir Ausländer sind. Wer hier gute Arbeit leistet und sich integriert, gehört sofort dazu, wird zum Tico oder zur Tica.» So nennen sich die Einheimischen in Costa Rica. «Mit unseren Reisen möchten wir auch solchen Regionen des Landes finanzielle Unterstützung zukommen lassen, die von den Touristen oft übersehen werden.»

Pionierarbeit für den Ökotourismus

Zu diesen Gebieten gehört die Drake Bay ganz im Süden bei der Osa-Halbinsel mit der vorgelagerten Isla del Caño und ihrer reichen Unterwasserwelt. Auf dem Weg dorthin entdecken wir vom Boot aus, wie sich Möwen an einer Stelle immer wieder steil ins Meer stürzen. «Dort muss sich ein Fischschwarm befinden, vermutlich sehen wir jetzt gleich auch Delfine», sagt unser Schnorchelführer. «Die Möwen holen die Fische von oben, die Delfine von unten.» Und tatsächlich tauchen nun auch die unverkennbaren Rückenflossen auf, wenig später hüpft ein ganzer Trupp Delfine in den Heckwellen unseres Bootes. In den Riffen um die Isla del Caño entdecken wir anschliessend beim Schnorcheln Wasserschildkröten, Weissspitzen-Riffhaie, Langusten, Mantas und ungeheure Mengen von Fischen, darunter einen riesigen Schwarm von Grossaugen-Stachelmakrelen, der sich stetig um sich selbst im Kreis dreht.

«2,5 Prozent der globalen Biodiversität befinden sich hier auf der Osa-Halbinsel», erklärt später Bradd Johnson (66), der seit 1992 seine Lodge Aguila de Osa in der Drake Bay betreibt, die nur per Boot erreichbar und ganz auf Nachhaltigkeit getrimmt ist. Johnson gehört zu den Pionieren der Ökohotelindustrie in Costa Rica. Er ist Mitbegründer der Greentique Hotels und der Corcovado Foundation , die diverse Umweltinitiativen in der Region lanciert hat. Ihr ist es zu verdanken, dass heute weite Teile der Halbinsel unter Naturschutz stehen.

Bradd Johnson betreibt eine Lodge in der Drake Bay und engagiert sich für den Umweltschutz in der Region.

Der weitgereiste Amerikaner aus Boston kam zum Tauchen und Fischen in diese Gegend und verliebte sich in die noch weitgehend unberührte Natur. «Die Einsicht, dass wir hier eine ökologische und nachhaltige Entwicklung brauchen, kam erst ein paar Jahre später», sagt er. Umso intensiver engagiert er sich heute. «Das ist einer der schönsten ­Flecken der Erde – wir müssen alles dafür tun, damit das so bleibt.»

Bilder: Paolo Dutto


Diese Reise wurde unterstützt von Edelweiss und Swiss Tropical Tourism in Costa Rica.

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