Afrika hilft sich selber
Genossenschaften ermöglichen vielen Menschen in Afrika bessere Lebensbedingungen. Das zeigt ein Besuch bei Fischräucherinnen im westafrikanischen Togo und bei Bauern im ostafrikanischen Kenia.
Togos Küste mit den breiten Sandstränden und malerischen Kokospalmen ist nur knapp 100 Kilometer lang. Doch jeden Tag fahren Fischer mit Pirogen, langen, schmalen Holzschiffen, aufs Meer hinaus. Der grösste Fischmarkt befindet sich natürlich in der Hauptstadt Lomé, wo ein Fünftel der sechs Millionen Einwohner Togos leben. Dort feilschen die Fischverkäuferinnen hartnäckig mit den Fischern um den Preis und bringen die Fische dann in Körben auf den Markt. «Um den Absatz müssen wir uns eigentlich keine Sorgen machen», sagt Fischhändlerin Hélène Legbeze (35), «die Menschen hier mögen eine Mahlzeit mit Fisch sehr.» Aber die Fangmengen variieren, mal gibt es zu viel, mal zu wenig Fisch. Und jedes Jahr gibt es auch eine Periode von mehreren Wochen, wo fast gar nichts läuft.

Die Lösung für dieses Problem bietet eine alte Tradition, nämlich die Fische zu räuchern und dadurch haltbar zu machen. So lassen sich Überschüsse konservieren und zu kleine Fänge damit später kompensieren. «Für uns Fischhändlerinnen von Lomé ist das eine grosse Herausforderung», sagt Madame Legbeze, «denn das Räuchern lohnt sich nur für grössere Mengen Fisch.»
Wo aber soll eine einzelne Fischverkäuferin das Kapital für die Geräte und Einrichtungen zum Räuchern und Einlagern der Fische hernehmen? Sie muss ja oft schon einen Kleinkredit aufnehmen, um den Fischern Ware für den Weiterverkauf auf dem Markt abzukaufen. Kredite sind teuer, sie kosten bis zu zehn Prozent Zins pro Woche.
Dank der Genossenschaft können die Frauen Räuchergeräte kaufen
«Deshalb haben sich die Marktfrauen von Lomé zusammengetan», erklärt Jeanne-Chantale Amematsro. Sie ist 48 Jahre alt, verheiratet, Mutter von vier Kindern und Vorsitzende der ältesten Fischräucherinnen-Genossenschaft von Lomé. Rund 800 Frauen gehören ihr an. Sie halten regelmässig Gruppenversammlungen ab und sparen miteinander Geld an. Damit kaufen sie Fische zum Räuchern ein, die sie in fangschwachen Zeiten zum Verkauf anbieten. Immer mal wieder bringen Hélène Legbeze und ihre Kolleginnen frische Sardinen, Karpfen oder Capitaines ins «Dorf der Fischer», das Quartier, wo die Fischer wohnen und wo sie die Fische gemeinsam räuchern. Sie breiten diese auf einfachen Rosten aus Holzrahmen und Maschendraht aus und legen mehrere Roste übereinander auf einen grossen Ofen aus Tonerde. Diesen befeuern sie mit Holzscheiten. Von Zeit zu Zeit wenden sie die Fische mit einer Holzkelle. Nach acht Stunden im Rauch der glimmenden Holzscheite sind die Fische papiertrocken und können bis zu drei Monate im Schuppen gelagert werden, ohne an Qualität einzubüssen.
Selbsthilfe-Genossenschaften wie die der Fischräucherinnen sind in Togo keine Seltenheit. Die Genossenschaftsbewegung entstand parallel zu derjenigen der Gewerkschaften während des Wirtschaftsaufschwungs der 70er- und 80er-Jahre in Togo. Bemerkenswert ist der Umstand, dass sich die Fischräucherinnen von Lomé ohne Hilfe von aussen zusammengeschlossen haben. Ihr Erfolg beruht darauf, dass die Leute der Hauptstadt nicht nur frische, sondern auch geräucherte Fische sehr gerne essen. Das Rezept von Hélène Legbeze: «Man kocht Palmnüsse im siedenden Wasser weich, schält sie und zerdrückt das Fruchtfleisch im Mörser. Die Masse lässt man mit Palmöl und Wasser köcheln und gibt geräucherten Fisch dazu. Dazu isst man Mais oder Fufu, das ist ein Püree aus Jams.» Reich werde man nicht, meint die Frau, deren Mann Fischer ist, aber «ça va», es geht.
Auch an anderen afrikanischen Orten bewährt sich das Genossenschaftsmodell: so etwa in Gatuto, einem Bauerndorf südlich des Mount Kenya. Die Gegend ist sehr fruchtbar und wirkt äusserst friedlich. Doch vor Jahren hatten die Bauern von Gatuto mit Problemen zu kämpfen, die nicht zur idyllischen Landschaft passen. «Uns wurden jede Nacht Bananen, Ziegen und Hühner gestohlen», sagt Bauer Jacob Mugo. «Wir konnten kein Geflügel mehr halten.» Die Bauern taten sich zusammen, patrouillierten nachts auf den Höfen und ertappten die Diebe: ihre eigenen Söhne! Sie zeigten diese aber nicht bei der Polizei an, sondern redeten ihnen so lange zu, bis die Jungen ein Einsehen hatten. Aber die Sorgen von Jacob und seinen Bauernkollegen blieben: Viele Junge haben kein Interesse mehr an der Landwirtschaft. Das kommt nicht von ungefähr. Die meisten Bauern in der Gegend haben wie früher fünf und mehr Kinder. «Zu viele für die heutigen Verhältnisse», sagt Bauer Mugo bestimmt. Traditionsgemäss teilen sie das Land zwischen ihren Söhnen auf, und am Schluss sind die Parzellen zu klein, um eine Familie mit Nahrung zu versorgen oder sogar noch etwas Überschuss für den Verkauf zu produzieren. Kein Wunder also, wenn die Jungen lieber in der Stadt Jobs suchen.
Die Kleinbauern kommen dank biologischen Anbaus weiter
Doch die Bauern von Gatuto gaben nicht klein bei, sie wollten wirtschaftlich vorankommen. Sie blieben als Selbsthilfegruppe zusammen und bildeten sich mit Hilfe des Landwirtschaftsministeriums weiter — in Milchwirtschaft und Gemüseanbau.
Das alles liegt einige Jahre zurück. Inzwischen hat das Beispiel Schule gemacht, viele Bauerngruppen haben sich gebildet. Und die Bauern von Gatuto sind weitergekommen, insbesondere durch biologischen Anbau. Fachmännisch unterstützt werden sie vom Landwirtschaftsberater der Bauernzeitschrift «The Organic Farmer», die von der Schweizer Stiftung Biovision finanziert wird. Besuchern führen die Bauern stolz ihr neustes Produkt vor: einen Bio-Flüssigdünger aus Pflanzen, den sie auf ihren Höfen selber herstellen. «Seine Wirkung ist einfach phänomenal», sagt Jacob Mugo. Und dessen Verkauf bringt den Bauern zudem einen finanziellen Zustupf.
Autor Ruedi Küng ist ehemaliger Afrikakorrespondent des Schweizer Radios.
Erschienen in MM-Ausgabe 30
23. Juli 2012
Wie sich der Hilfsfonds der Migros für Afrika engagiert
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Über ihren Hilfsfonds unterstützt die Migros seit 1979 soziale und ökologische Projekte im In- und Ausland, regelmässig auch in Afrika. Im Mittelpunkt des entwicklungspolitischen Engagements stehen Bildungsprojekte wie dasjenige von Interteam Luzern zur Verbesserung der öffentlichen Schulen in Namibia oder des Equal Education Fund zur Integration von Strassenkindern in Sambia. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf professionellen Gesundheits- und Hygieneprojekten, etwa in Mosambique (Leben für alle) oder Mali (Iamaneh Schweiz). Zudem werden innovative Projekte wie der Ausbau eines Solarhandwerknetzes in Äthiopien unterstützt (Stiftung Solarenergie). Jährlich vergibt der Hilfsfonds eine Million Franken.
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