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25 Jahre Kinderrechte

In der Schweiz sind Kinderrechte erst seit 1997 verbindlich, doch bei der Umsetzung hapert es. Wie sie im Alltag gelebt werden können, zeigt das Kinderbüro Basel. Die Reportage und alle Infos zu rechtlichen Ansprüchen («Diese zehn Rechte haben Kinder»).

Eine grosse Pfanne mit Penne an «Geheimsauce» steht auf dem Tisch, rundum sitzen sechs hellwache Mädchen. Sie alle gehören zur Projektgruppe «Saubere Stadt» und haben an diesem Freitagmittag im Kinderbüro Basel Wichtiges zu besprechen. Unzählige Fragen schweben über der kleinen Runde mit den dampfenden Tellern vor sich: Soll das Umwelt-Theater in die zweite Runde gehen? Falls ja, wie? Hat ihre erste Aufführung in diesem Frühjahr auf den Strassen Basels tatsächlich etwas gebracht?

«Man müsste kontrollieren, ob die Stadtgärten sauberer geworden sind», schlägt die zehnjährige Ella vor. Für die gleichaltrige Anna ist klar: «Doch, es hat genützt. Ich sehe viel mehr Abfall in den Kübeln und weniger auf der Strasse.» Jetzt meldet sich Zehra (8): «Also meine Cousins haben unser Theater gesehen und gar nichts verstanden. Wir müssen diesmal deutlicher sprechen.»

«Kinder sind ein Teil dieser Gesellschaft. Sie sind persönlich betroffen, wenn ihr Schulhaus umgebaut wird, ein Spielplatz fehlt oder der Schulweg gefährlich ist. Wir engagieren uns dafür, dass ihre Sicht einbezogen und ihre Stimme gehört wird.»

Mirjam Rotzler (36), Geschäftsführerin Kinderbüro Basel

Mirjam Rotzler (36), Geschäftsführerin des Kinderbüros Basel, sitzt mit am Tisch und hört zu. «Wir beeinflussen die Kinder nicht, wir begleiten sie durch den Prozess, arbeiten mit dem, was sie mitbringen, und übersetzen ihre Anliegen für die Behörden.» Die Gruppe «Saubere Stadt» bringt eine Menge mit. Vorschlag um Vorschlag erfüllt den Raum, die Stimmen werden lauter, die Augen blitzen, bald sind nur noch Wortfetzen auszumachen wie «Musik vorspielen», «eine richtige Bühne suchen», «eine Abfall-Geschichte erzählen». Zeit für Projektleiterin Cornelia Herrmann (49), dem Gespräch eine Struktur zu geben: «Nach dem Essen besprechen wir das neue Theater. Es gibt aber ein Problem: Wir haben noch nicht genug Geld dafür, wir müssen erst sammeln.» Am Esstisch kehrt Stille ein, dann sagt Zora (7) ernst: «Ich könnte 100 Franken geben.»

Erweiterter Blickwinkel dank Kindermitwirkung

Eine Strasse zum Spielen: In Basel gestalten Kinder ihren Spiel- und Lebensraum mit – das Kinderbüro unterstützt sie dabei. Solche und andere Diskussionen und Projekte finden im Kinderbüro Basel schon seit 14 Jahren statt. Es ist das einzige Kinderbüro in der Schweiz, das keiner Verwaltung unterstellt ist. Finanziert wird der Betrieb mit fünf Mitarbeiterinnen durch die Christoph-Merian-Stiftung sowie die Honorare für Schul-, Gemeinde- oder Vereinsprojekte. «Das gibt uns mehr Freiheit», sagt Mirjam Rotzler.

Erst 1989 wurde aus dem Objekt ein Kind mit Rechten

«Saubere Stadt» ist eines von vier Projekten, des Partizipationsforums «KinderMitWirkung», die aus den Ideen der Kinder entstanden sind. Departementsvorsteher Christoph Eymann (63) persönlich hat im Februar die Vorschläge der Mädchen und Buben entgegengenommen. Das Erziehungsdepartement Basel Stadt ist Partner von «KinderMitWirkung». Er schätzt die Zusammenarbeit mit dem Kinderbüro, das die «ungefilterten Wünsche der Kinder in die Politik transportiert». Und den Blick der jungen Baslerinnen und Basler auf ihre Stadt: «Er ergänzt den Horizont von Behörden und Verwaltung, das ist wertvoll. Denn mit jedem Projekt erweitert sich der Blickwinkel von uns Erwachsenen.»

Mit jedem Projekt lernen Ella, Zora, Anna und all die anderen Kinder ein Stück Demokratie. Sie lernen, ihre Meinung zu bilden und zu äussern; lernen zuzuhören und dass sie gehört werden. Partizipation heisst der Fachbegriff dafür – ein Kinderrecht. In der UN-Konvention über die Rechte des Kindes gibt es dafür einen Artikel: «Das Kind hat das Recht, seine Meinung zu allen seine Person betreffenden Fragen oder Verfahren zu äussern und gewiss zu sein, dass diese Meinung mitberücksichtigt wird.»

«Z Basel a mym Rhy, dört sölls suber sy!»: Im Frühling engagierten sich die Kinder lautstark mit ihrem Anti-Müll-Theater. Erst seit diesem Übereinkommen vom 20. November 1989 werden Kinder als Subjekte mit eigenen Rechten betrachtet, vorher galten sie als schutzbedürftige Objekte. Abgesehen von Somalia, dem Südsudan und den USA haben alle Länder die Konvention ratifiziert, die Schweiz machte diesen Schritt erst im Jahr 1997. Damit sind die Kinderrechte verbindlich. In der Praxis klaffen Lücken.

«Beim Theater mache ich mit, weil es mir sehr viel Spass macht. Und weil ich will, dass die Stadt sauberer wird.»

Liv (7), Projektgruppe Saubere Stadt, Kinderbüro Basel

So stellt das Netzwerk Kinderrechte Schweiz mit seinen 43 Mitgliedorganisationen «eklatante Unterschiede bei der Umsetzung der Kinderrechte» in den Kantonen fest. Das habe zur Folge, dass besonders verletzliche Kinder wie unbegleitete Asylbewerber, Flüchtlinge oder Sans-Papiers je nach Kanton unterschiedliche Rechte geniessen und die Chancengleichheit unter Kindern in der Schweiz generell nicht gegeben sei. Gefragt sei eine nationale Strategie: einerseits für die Umsetzung, andererseits für die Bekanntmachung der Kinderrechte.

«Im Kinderbüro kann ich mit anderen Kindern zusammen Sachen für unsere Stadt machen und eigene Ideen bringen, das finde ich toll.»

Zehra (8), Projektgruppe Saubere Stadt, Kinderbüro Basel

Das nächste Theater ist aufgegleist, nach der engagierten Diskussion bleibt Zeit für eine kleine Pause: Ella (links) und Zora im Kinderbüro Basel. Handlungsbedarf sieht auch Unicef Schweiz: «Nach wie vor werden hierzulande Kinderrechte verletzt», sagt Fleur Jaccard (40), Leiterin Public Affairs. Zwar zeige sich zum Beispiel bei der Partizipation eine Veränderung, aber noch sei sie nicht in allen Bereichen zufriedenstellend umgesetzt. Gemäss der druckfrischen Unicef-Studie «Von der Stimme zur Wirkung», in Zusammenarbeit mit dem Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich erstellt, schätzen Kinder und Jugendliche ihre Möglichkeiten zur Partizipation höher ein als noch vor zehn Jahren.

Am meisten Mitwirkung bietet die Familie (2013: 88 Prozent, 2003: 50 Prozent), gefolgt von Schule (2013: 52 Prozent, 2003: 40 Prozent) und Gemeinde (2013: 18 Prozent, 2003: 7 Prozent). «In der Schule sehen die Kinder wenig Gestaltungsfreiraum, und auf Ebene der Gemeinde fällt die Partizipation gering aus, vor allem, wenn es um Bau und Planung von Pausenplätzen oder um kinderfreundliches Wohnumfeld geht», so Jaccard.

Auch Kinder sind Experten – sie liefern oft die Lösung

Mirjam Rotzler kennt die Vorbehalte: «Manche Behörden befürchten, der Prozess ziehe sich unnötig in die Länge, wenn Kinder mitreden.» Doch das Gegenteil sei der Fall: «Wenn Kinder von Anfang an einbezogen werden, entfallen nachher mühsame und kostspielige Anpassungen.» Sie hat schon mehrmals erlebt, dass der entscheidende Input für eine Lösung von einem Kind kam. Wie die Idee, dass jedes Schulkind einen Garderobenschrank erhält.

Unser erstes Umwelt-Theater hat ganz sicher schon genützt. Ich sehe jetzt weniger Abfall auf der Strasse als vorher.»

Anna (10), Projektgruppe Saubere Stadt, Kinderbüro Basel

Auch Irène Inderbitzin (46), Geschäftsführerin der Kinderanwaltschaft Schweiz, plädiert für die Partizipation, ob es nun um Pausenplätze oder um Gerichtsverfahren gehe: «Nicht nur, weil es im Gesetz steht. Sondern weil die ganze Gesellschaft davon profitiert.» Ein Umdenken sei nötig: «Ein Kind, das etwas bewirken kann, fühlt sich gestärkt statt ohnmächtig und kann mit schwierigen Situationen besser umgehen.»

Die kindgerechte Anhörung durch ausgebildete Richterinnen, Richter und Behördenmitglieder soll Standard in jedem Verfahren, das sich auf ihr Leben auswirkt, werden und Fehlentscheide verringern. Bis zum Jahr 2020 will die Kinderanwaltschaft Schweiz ein kindgerechtes Rechtssystem realisiert haben.

So weit schauen die Mädchen im Kinderbüro Basel nicht voraus. Soeben haben sie zusammen mit Choreografin und Tänzerin Regula Wyser (42) ihr zweites Umwelt-Theater aufgegleist und einstimmig verabschiedet – sie hoffen auf eine Umsetzung im Frühling. Am «KinderMitWirkung»-Fest am 21. November werden sie mit den drei anderen Projektgruppen und Christoph Eymann Rückschau halten. Der Erziehungsdirektor hat seine Bilanz bereits gezogen: «Basel ist kinderfreundlicher geworden.»

 

Erschienen in MM-Ausgabe 47
17. November 2014

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1 Kommentar

Cruella de Vil [Gast]

Geschrieben am
17. November 2014

Ich höre immer nur von Kinderrechten - wo sind eigentlich die Rechte der Eltern. Ausser Pflichten haben wir wohl nichts. Wir dürfen immer nur zahlen und schweigen

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