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Die Zukunft der AHV: Rentenkürzung für Reiche?

Jedes Jahr veröffentlicht der politisch neutrale Verein Vimentis im Migros-Magazin die Resultate seiner vielbeachteten Umfrage. Im Zentrum stand diesmal die Zukunft der AHV. Über 60 Prozent der Befragten wollen eine Kürzung der Rente von Vermögenden. Drei Porträts von arbeitstätigen Rentnern, das Experteninterview und alle Resultate der Umfrage.

«HÜRDEN ABBAUEN»
Das Interview mit der St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter über die Zukunft der Altersvorsorge. Zum Artikel

ALLE VIMENTIS-ERGEBNISSE ZUR AHV
Alle Antworten der Umfrage rund um das Thema Altersvorsorge (ausschliesslich 1. Säule) mit je einem Fazit zur AHV-Sicherheit, dem Rentenalter, der Finanzierung und der Rentenhöhe. Zum Artikel


Mit 64 beziehungsweise 65 den Arbeitsplatz räumen und zu Hause die Beine hochlagern oder endlich Zeit fürs Hobby haben.Das könnte für alle, die heute noch keine 60 sind, eine Utopie bleiben. Das Problem: Wir leben immer länger und haben immer weniger Kinder. 1960 zahlten für jeden Rentner sechs Erwerbstätige in die AHV ein, derzeit sind es noch vier – und für 2040 rechnen Experten mit noch zwei.

Mit der Zukunft der AHV hat sich auch Vimentis auseinandergesetzt. Der politisch neutrale Verein, der hauptsächlich aus Studierenden der Universität St. Gallen besteht, hat in einer repräsentativen Internetumfrage nach mehrheitsfähigen Reformen geforscht: 69 Prozent der 23 000 Teilnehmer möchten die Finanzierung der AHV durch Mehreinnahmen sichern. Nur rund ein Viertel befürwortet die Erhöhung des Rentenalters. Die Löcher stopfen sollen vor allem die Reichen: 53 Prozent sprechen sich dafür aus, dass die AHV durch eine Anhebung der Vermögenssteuer finanziert wird, und sogar 61 Prozent der Befragten wünschen sich, dass die AHV-Rente für Personen mit grossem Vermögen gekürzt wird.

In keiner Altersgruppe sind Einkommen und Vermögen ungleicher verteilt als bei den über 60-Jährigen: Im Kanton Zürich etwa zählen ein Fünftel aller Pensionierten zu den Vermögensmillionären, gleichzeitig verfügt jeder zehnte Rentnerhaushalt in der Schweiz über weniger als 10 000 Franken an Rücklagen.

Menschen, die nach ihrem 65. Lebensjahr aus finanziellen Gründen weiterarbeiten müssen, haben es auf dem Arbeitsmarkt nicht einfach. Sie brauchen Ausdauer sowie Einfallsreichtum, um einen Job zu finden, und müssen sich oft mit tiefen Löhnen zufriedengeben – wie die Beispiele von Dennis Vollenweider, Peter Klaiber und Denise Kiefer weiter unten zeigen.

Eine Idee, wie Unternehmen dazu motiviert werden könnten, ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen, präsentiert FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter im Online-Interview.
Die Rentenreform «Altersvorsorge 2020», die Bundesrat Alain Berset Ende 2013 in die Vernehmlassung geschickt hat, macht hingegen keine Vorschläge zu diesem Thema.

Wenn die AHV nicht reicht

Viele würden nach der Pensionierung gerne weiterarbeiten und können nicht. Andere müssen, weil die Rente nicht reicht. Drei Beispiele.

«Es haben sich viele beworben. Ich hatte Glück.» Dennis Vollenweider zu Hause in seiner Butleruniform. (Bild: Tanja Demarmels)

Der Butler

Dennis Vollenweider jobbt in einem Hotel, um ohne Unterstützung leben zu können.

Er war während 20 Jahren selbständiger IT-Berater. Zahlte deshalb nie in die zweite Säule ein – und irgendwann ging die Firma hops. Deshalb lebt Dennis Vollenweider (68) heute von 2160 Franken AHV. Da ihm die Wohnung in der Stadt Zürich zu teuer wurde, zog er nach Küsnacht ZH in die Alterssiedlung einer Genossenschaft: ein Zimmer mit Küche und Bad für 560 Franken.

Dennis Vollenweider lebt unter dem Existenzminimum und könnte deshalb Ergänzungsleistungen beantragen. Doch er zieht es vor, sich mit Nebenjobs durchzuschlagen: «Ich will mich nicht abhängig machen.»

An sechs bis zehn Abenden pro ­Monat arbeitet er für 20 Franken pro ­Stunde als Butler im Hotel Schweizerhof in Zürich. «Es haben sich viele beworben. Ich ­hatte Glück. Wahrscheinlich habe ich wegen meiner Körpergrösse und meiner Fremdsprachenkenntnisse den ­Zuschlag erhalten.»

Mit dem Job nimmt er 500 Franken pro Monat ein. «Natürlich hatte ich früher viel höhere Ansätze, aber in der Hotellerie funktioniert das halt anders. ­Zudem mache ich den Job wirklich ­gerne.»

Via das Onlineportal «Rent a Rentner» nimmt Dennis Vollenweider zusätzlich Aufträge als Chauffeur, Housesitter oder Kellner an. Daneben bleibt ihm noch Zeit, sich ehrenamtlich als Mechaniker der «Tante Ju», des Transportflugzeugs aus dem Jahr 1932, zu ­betätigen.

Dennis Vollenweider hadert nicht mit seinem Schicksal. «Rückblickend muss ich natürlich sagen, dass die Selb­ständigkeit ein Risiko ist.» Gleichzeitig käme ihm diese Erfahrung jetzt zugute. «Wenn man einfach dasitzt und wartet, bis etwas passiert, geschieht nichts.» Als Selbständiger habe er gelernt, nach Lösungen zu suchen und stets flexibel zu bleiben.

Der 69-jährige Peter Klaiber sagt: «In der Schweiz muss niemand unter der Brücke schlafen.» (Bild: Tanja Demarmels)

Der Seebär

Peter Klaiber wohnt in einem Camper und arbeitet als Segellehrer.

Mit 22 wanderte Peter Klaiber (69) nach Australien aus. In seiner Wahlheimat bildete er sich zum Buchhalter weiter und gründete eine Familie. 1995, rund 30 Jahre später, kam er allein in die Schweiz zurück und schlug sich bis zur Pension mit diversen Jobs durch.

Heute erhält Peter Klaiber eine Rente von 1680 Franken und bezieht 1100 Franken Ergänzungsleistungen. Er lebt in einem gemieteten Camper auf dem See Camping bei Walenstadt SG.

Seit dem vergangenen Sommer ist Peter Klaiber für die Swiss Sailing School als Instruktor tätig. Er unterrichtet auf dem Bodensee, dem Zürichsee sowie dem Hallwilersee und stationiert sich je nach Einsatzgebiet auf einem anderen Campingplatz. In Australien war Segeln eines seiner Hobbys.

Peter Klaiber beklagt sich nicht. «Ich habe immer gut gelebt und mache meine Arbeit gerne.» Falls er bereits im Frühling erste Aufträge bekomme, werde er wohl so viel verdienen, dass er keine Unterstützung mehr erhalte.

Sorgen um seine Zukunft macht sich der Doppelbürger keine. «Selbst wenn ich einst nicht mehr arbeiten kann, in der Schweiz muss niemand unter der Brücke schlafen – das Auffangnetz ist sensationell.»

Denise Kiefer: «Ich habe immer eine Lösung gefunden.»

Die Kämpferin

Denise Kiefer ist eben pensioniert worden und sucht jetzt einen neuen Job.

 Als Denise Kiefer (64) 1990 nach Frankreich zog, war ihre Welt noch völlig in Ordnung. Ihr Mann, in der Finanzbranche tätig, hatte einen Job in Paris angenommen. Die Familie wohnte in einem schönen Vorort, und die Tochter im Primarschulalter lebte sich gut ein. Doch dann verlor ihr Ehemann die Stelle und fand danach nie mehr richtig ins Arbeitsleben zurück. Denise Kiefer nahm Gelegenheitsjobs an, ihr Mann liess sich die zweite Säule auszahlen. Später trennte sich das Paar.

Heute ist Denise Kiefer frisch pensioniert und lebt von 1700 Franken AHV, wobei ihr nach Abzug der Miete für die 2-Zimmer-Wohnung in Zürich nur noch 400 Franken bleiben. Die letzten zehn Jahre hat sie in der Schweiz als Serviceangestellte und Office-Managerin gearbeitet. Bis Ende 2013 war sie in einem Treuhandbüro angestellt, wo sie eigentlich gerne zu 60 Prozent weitergearbeitet hätte. «Ich habe das klar kommuniziert, mein Chef drückte sich hingegen lange vor einem Entscheid. Schliesslich hat er dann doch jemand anders eingestellt.»

Denise Kiefer hat nun Ergänzungsleistungen beantragt. Ihre Tochter habe ihr zwar gesagt, sie müsse kein schlechtes Gewissen haben, schliesslich habe sie ihr ganzes Leben geschuftet; doch eigentlich würde sie viel lieber arbeiten, auch wegen der sozialen Kontakte: «Ohne Geld und ohne Arbeit habe ich Angst zu vereinsamen.»

Trotz allem blickt Denise Kiefer zuversichtlich in die Zukunft. «Mit einem schmalen Budget zu leben, habe ich schon vor Jahren gelernt. Ich bin eine Kämpferin und habe noch immer irgendwie eine Lösung gefunden.»

 

Erschienen in MM-Ausgabe 8
17. Februar 2014

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5 Kommentare

Urs Fries [Gast]

Geschrieben am
23. Februar 2014

Es ist für unsere Gesellschaft, insbesondere in der Schweiz, deren Wohlstand sich wesentlich auf der besonderen Leistungsbereitschaft der arbeitenden Bevölkerung beruht, sehr gefährlich, wenn Leistung nicht mehr honoriert wird, wenn Leute die ein Leben hart und lang gearbeitet haben, die dazu vielleicht noch erfolgreich waren, am Lebensabend dafür bestraft werden. Für Leute, die nicht arbeiten können ist in unserer Gesellschaft gesorgt. Es darf nicht sein, dass nach immer neuen Möglichkeiten gesucht und diese auch umgesetzt werden, welche die Arbeitswilligen belastet zu Gunsten derjenigen, welche nicht arbeiten wollen!

Paula Suri [Gast]

Geschrieben am
23. Februar 2014

Wir haben ein Leben lang zu Zweit geschuftet und uns keine Ferien gegönnt. Wir haben auch immer alles voll einbezahlt. Deshalb geht es uns heute relativ gut und haben etwas auf der hohen Kante. Dies sollte man auch einmal berücksichtigen. Auch Steuern haben wir Dank dem kleinen Vermögen immer mehr bezahlt. Wegen dem ist der Mittelstand nicht noch mehr zu rupfen.

Ursula Häni [Gast]

Geschrieben am
23. Februar 2014

Die AHV finde ich sowieso zu niedrig, auch sollten die Ergänzungsleistungen schon in der AHV enthalten sein, damit wir dann tatsächlich unabhängig sind und den Lebensabend auch geniessen können. Meist hat der Mensch sonst schon genug Probleme.

 

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