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Von einem, der auszog, den inneren Frieden zu finden

Einst machte Benno Zünd Karriere bei der Swissair. Kurz vor dem Grounding verliess er die Firma. Heute lebt er als Mönch geerdet und glücklich im Luzerner Kloster Wesemlin.

Früher stand ein luxuriöser BMW 535i in Benno Zünds Garage. Als Finanzcontroller der Swissair verdiente er über 120'000 Franken im Jahr und lebte mit seiner Freundin in einer hübschen Wohnung. Aber glücklich war er nicht. Heute haust Bruder Benno (49) alleine in einer 15-Quadratmeter-Zelle im Luzerner Kapuzinerkloster Wesemlin, hat Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam geschworen, und sein Glück und inneren Frieden gefunden.

Leute zu entlassen, schlug mir auf die Gesundheit.

«Als wir zum ersten Mal in der Firmengeschichte Leute entlassen mussten, ging mir das nahe», erinnert sich Bruder Benno an seine Zeit bei der Airline. Er war direkt nach dem Studium an der Hochschule St. Gallen bei der Swissair ins Kader eingestiegen. Dann gings mit seiner Karriere aufwärts, obwohl sich die Fluggesellschaft schon im Sinkflug befand. Der Spar- und Arbeitsdruck stieg. Und Benno Zünd musste Leute entlassen, viele Leute. Er hatte Mühe, sich zu konzentrieren, verlor die Freude und ging nicht mehr gerne zur Arbeit. «Letztlich schlug es mir sogar auf die Gesundheit.»

Benno Zünd begann sich existenzielle Fragen zu stellen

Bruder Benno hat im Kloster seinen inneren Frieden gefunden.

In seiner Not erlebte er die zufällige Begegnung mit Pater Meinrad Manser vom Kapuzinerkloster Mels als Himmelsgeschenk. «Pater Meinrad hatte die spezielle Gabe zu erkennen, wo der Schuh drückt», sagt Bruder Benno, die Arme auf den Tisch im hohen Klosterbesucherraum gestützt, die Hände gefaltet wie zur Fürbitte, den Blick nach oben gerichtet, als suchte er Hinweise, das Schwierige in Worte zu fassen. Denn Benno Zünd hatte die Orientierung verloren. Seine Krise war existenziell und die Fragen, die sich ihm stellten, grundlegend. Was macht Sinn? Was hat Bestand im Leben über die Quartalsplanung der Firma hinaus? Und wo finde ich Frieden?

Im Kreuzhof des 1588 erbauten Luzerner Klosters Wesemlin: Bruder Benno tritt in die Fussstapfen vieler Brüder, die vor ihm hier gelebt haben.

Sein Weg sollte weg von der Swissair führen, die er kurz vor dem Grounding im Herbst 2001 verliess, um zum Fernsehsender Kephas im österreichischen Dornbirn umzusteigen. Der Sender hat eine christlich-religiöse Ausrichtung, und Benno Zünd war dort «Mädchen für alles»: vom Kameramann über den Buchhalter zum Studioputzer bis hin zum Cutter. Obwohl die Beziehung zu seiner Freundin zu Ende war, kehrte Benno Zünds Freude am Leben langsam zurück. Weg vom einst luxuriösen Umfeld der Airline erschienen ihm Äusserlichkeiten wie Geld und Status je länger, je weniger wichtig. «Der innere Friede wurde mir zum höchsten Gut.»

Das Materielle wurde für den ehemaligen Finanzcontroller immer unwichtiger. Und so näherte sich Benno Zünd dem Wesen der Kapuziner, dem einstigen Bettelorden in der Nachfolge von Franz von Assisi, immer mehr an. Voll bewusst war ihm das nicht. Als ihn ein Pater im Kloster Appenzell, das er öfters besuchte, fragte, ob das nicht ein Weg für ihn sein könnte, erschrak er. Doch je länger der 49-Jährige darüber nachdachte, desto sympathischer wurde ihm die Idee.

Und so näherte er sich, Schritt für Schritt, dem Klosterleben an. Bis er vor sieben Jahren ganz eintrat und Ehelosigkeit, Gehorsam und Armut gelobte. Wobei sich das Gelübde in der zeitlichen Profess, der «Verlobungsphase» mit dem Mönchsleben, vorerst über drei Jahre er­streckte. Richtig ernst wird es für ihn dann bei der «Vermählung», der ewigen Profess. Diese will Bruder Benno im nächsten Jahr ablegen, so Gott will. «Es gibt immer wieder solche, die kurz vor dem definitiven Eintritt fürs Leben wieder aus dem Kloster austreten. Warum das so ist, bleibt ein Geheimnis», sagt Bruder Benno.

Auch bei den Mönchen fliegen ab und zu die Fetzen

Für sein Theologiestudium vertieft sich Bruder Benno in die Schriften des Ordensgründers Franz von Assisi.

Im Moment studiert Benno Zünd noch an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Parallel zum Studienabschluss im Frühling will er auch die ewige Profess feiern — obwohl im Kloster nicht nur der Himmel auf Erden herrsche. «Auch wir haben Zoff untereinander», sagt Bruder Benno, «Das ist wie in jeder Familie auch. Man zankt sich, ist neidisch, wütend aufeinander oder missgünstig. Aber was uns verbindet, ist der Friede.» Und den hat er im Kloster gefunden. «Es ist ein Ergriffenwerden, ein Geschenk.» Dafür nimmt er gerne in Kauf, dass das Klosterleben nicht nur ein Honigschlecken ist.

Da fehlt eindeutig etwas − eine Partnerin und Sexualität.

Bruder Benno ist einer von 175 Kapuzinern in der Schweiz und mit seinen 49 Jahren der fünftjüngste in der Deutschschweiz. Der Älteste ist 98 und braucht, wie viele seiner Mitbrüder, Pflege. Der Orden wird noch stärker schrumpfen, auf rund 50 Brüder, wie die Kapuziner selber schätzen. Allerdings präsentiert sich das Bild weltweit ganz anders. Denn in Asien, Afrika und Südamerika wächst der Orden: Mehr als 11 300 Kapuziner gibt es auf der Welt. Und es werden immer mehr. «Das ermutigt mich», so Bruder Benno.

Keine eigenen Kinder – aber das macht ihn nicht unglücklich

Ein eher delikates Kapitel sind dagegen die drei Gelübde. Respektive das eine davon: die Ehelosigkeit, auf die er sich dann definitiv verpflichtet. Wo er doch einst in einer Partnerschaft gelebt hat. «Wir sind keine Holzböcke», sagt er. «Da fehlt schon eindeutig etwas — eine Partnerin und Sexualität.» Auch müsse er sich bewusst sein, nie eigene Kinder herzen zu können. «Aber das heisst nicht, dass ich unglücklich bin. Das Kloster ist eine Entscheidung. Am einen Ort geht eine Türe zu und am anderen wieder eine Türe auf.» Sagts und schliesst sanft die Klosterpforte.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 7
11. Februar 2013

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5 Kommentare

RIMMELE-MÜLLER ELISABETH [Gast]

Geschrieben am
16. Februar 2013

ICH GRATULIERE IHNEN UND WÜNSCHE IHNEN GOTTES SEGEN..

Sarah Wegmann [Gast]

Geschrieben am
16. Februar 2013

Der weitaus interessanteste und tiefgründigste Beitrag, den ich seit langem gelesen habe. Ein grosser Dank ans Migros-Magazin. Benno Zünd hat Wesentliches in weiser Erkenntnis erfasst. Ich wünsche ihm alles Gute und beneide ihn sogar. Hut ab vor Mönch Benno!

 

Hans Wurst [Gast]

Geschrieben am
18. März 2013

Andreas Bossart [Gast]

Geschrieben am
12. Februar 2013

 

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