Content: Home

Vom Sopran zum Bass

Henry Hohmann ist kein Mann wie jeder andere. Er wurde in einen Frauenkörper geboren und realisierte erst mit 46, was es mit seinem jahrzehntelangen Unbehagen auf sich hatte. Nun hat sein Kirchenchor statt einer Präsidentin halt einen Präsidenten.

«Nicht jeder will eine Operation, im Gegenteil»: Das ganze Interview zum Thema mit Experte Niklaus Flütsch – über riskante Operationen, die Toleranz im Iran, bürokratische Hürden beim Namenswechsel.

«Männer werden ernster genommen, wenn sie etwas sagen.» Dieses Fazit zieht Henry Hohmann, der in seinen 50 Jahren schon beide Geschlechterrollen erlebt hat. Die weibliche allerdings nicht ganz freiwillig. Es war mehr so, dass er sich halt arrangierte mit dem weiblichen Körper, in den er 1962 in der Nähe von Frankfurt am Main geboren worden war. So war es auch noch, als er Ende 2001 mit seinem Ehemann nach Bern übersiedelte. Aber das Unbehagen wuchs.

Als Henry Hohmann noch wie ein Mädchen aussah. Das Foto entstand 1976 zur Konfirmation.

«Bis zur Pubertät war eigentlich alles ganz okay, ich spielte viel mit Jungs und baute mit Lego», erzählt Hohmann. «Dann fingen die Brüste an zu wachsen, was ich wirklich total überflüssig fand. Als Nächstes kam die Menstruation, und dann, mit 16, fielen mir innert eines halben Jahres alle Haare aus.» Zum Unbehagen mit dem weiblichen Körper kam eine seltene Autoimmunkrankheit, die Hohmann das Teenagerleben zusätzlich zur Hölle machte. Er trug Perücken, «weil eine Frau mit Glatze, das ging ja nun gar nicht».

Im Nachhinein forschte er in den Tagebüchern seiner vor zehn Jahren verstorbenen Mutter und entdeckte dort, dass ihr an ihrer vermeintlichen Tochter auch schon so allerlei aufgefallen war. Zwar konnte er selbst sich daran nicht mehr erinnern, aber es gab laut den Aufzeichnungen mit vier Jahren eine Phase, in der sie ihn mit einem Bubennamen rief, weil er auf seinen Mädchennamen einfach nicht reagierte. «Offenbar konnte ich verdammt bockig sein. Der Name wechselte, aber mein Favorit war Michael, wie mein älterer Bruder, der immer das grosse Vorbild war.»

Ihm war klar, dass er kein typisches Mädchen war

Auch eine andere Geschichte aus dieser Zeit war im Tagebuch festgehalten. Da fragte seine Mutter ihn, was er sich zu Weihnachten wünsche, und er antwortete, er wolle ein «Flügelkleid». Was sie verwunderte, da es ein so mädchenhafter Wunsch schien. «Ich habe ihr dann erklärt, dass ich zum lieben Gott fliegen will, damit der einen Jungen aus mir macht.»

Alle drei Monate erhält Henry Hohmann eine Hormonspritze.

Besonders geschlechtskonform hat Hohmann sich auch später nicht verhalten, aber die Geschlechtergrenzen in den 70er-Jahren waren ohnehin recht fliessend. «Alle hatten die gleichen scheusslichen Sachen an und trugen lange Haare.» Dass es so was wie Transidentität gab, war ihm nicht bewusst. «Mir war klar, dass ich kein typisches Mädchen bin, aber ich sagte mir: Daran kannst du nichts ändern, damit musst du leben.»

Und dann war da noch die Sache mit den Schwulen. «Meine erste Beziehung hatte ich mit 21, es war wunderbar, eine Zeit lang. Wir zogen dann gemeinsam nach Berlin, aber ziemlich bald gestand er mir, dass er auf Männer steht.» Wirklich überrascht habe ihn das eigentlich nicht, erzählt Hohmann, und so wurden sie halt beste Freunde — und sind es bis heute geblieben. «Er heisst Michael, wie mein Bruder.»

Auch einige weitere Männer, in die Hohmann sich in seinem Frauenleben verliebte, erwiesen sich als schwul. Bis er dann noch einen Michael traf, jenen eindeutig heterosexuellen Mann, den er 1993 schliesslich heiratete — und 2008 mit seinem Coming-out als Transmensch quasi in eine gesellschaftliche Schwulenrolle katapultierte. Denn dieser Michael entschied, seiner bisherigen Ehefrau treu zu bleiben, die nun plötzlich Henry hiess und ein Mann war.

«Ich hatte panische Angst davor, es ihm zu sagen, weil er das Beste ist, das mir bisher im Leben passiert ist. Wenn er ablehnend reagiert hätte, dann hätte ich meine Transpläne begraben und es weiter als Frau mit ihm versucht.» Früher oder später, da ist Hohmann allerdings sicher, wäre die Beziehung daran wohl zerbrochen. Michael aber hörte sich an, was Henry ihm zu sagen hatte, und nickte. «Nicht, dass er mit so was gerechnet hatte, aber dennoch erklärte es wohl das eine oder andere.» Und sein Mann sei in Geschlechterfragen immer sehr offen gewesen, sagt Hohmann. «Für ihn zählt, was drin steckt, nicht, wie die Verpackung aussieht.»

«Männer werden ernster genommen, wenn sie etwas sagen.» – Henry Hohmann.

Dennoch gab es viel nachzudenken und zu diskutieren. «Und nach aussen kommen wir jetzt natürlich ganz anders rüber, nämlich als schwules Paar.» Michael nahm das jedoch sehr locker und ging von Anfang an in die Offensive, wenn sie neue Leute kennenlernten. «Er sagte immer: Darf ich Ihnen meinen Mann vorstellen? Und das noch bevor ich anfing mit den Hormonen, ich sah noch genau gleich aus wie vorher. Das gab schon ab und zu sehr verwirrte Blicke.»

Hohmann ist sehr wohl bewusst, was für ein seltenes Glück er mit seinem Mann hat. «Sehr viele Beziehungen fallen auseinander nach einem solchen Schritt, umso mehr, als dadurch ein Männerpaar entsteht. Plötzlich sind da zwei Alphatiere», sagt er und lacht. Die Schweizer Bürokratie ringt derweil noch mit der Frage, ob zwei Männer, die eigentlich nur in eingetragener Partnerschaft leben dürften, nun plötzlich verheiratet sein können.

Die Erkenntnis, dass er in einem falschen Körper geboren worden war, kam Hohmann recht spät, 2008, durch Gespräche mit einem schwulen Freund und anschliessende längere Recherchen im Internet. Dort entdeckte er Biografien von Transmenschen, die seiner sehr ähnlich waren. Schlagartig realisierte er, was der Grund war, weshalb er sich all die Jahre immer vage unwohl gefühlt hatte, mal stärker und mal schwächer. Und weshalb er sich wohl auch immer in Schwule verliebt hatte. «Mir war klar: Das bin ich.» Jener beste schwule Freund begann ihn dann auch Henry zu nennen. «Er fand, ich hätte etwas Englisches an mir.» Der Name blieb haften. Und als Hohmann sich an die Vorstellung gewöhnt hatte, Henry zu sein, kam das Bedürfnis, sich anderen mitzuteilen. Und die Sorge, wie die das aufnehmen.

Alle drei Monate eine Hormonspritze

«Aber ich hatte enormes Glück, es haben alle unglaublich gut reagiert, mein Mann, meine drei Geschwister, Freunde, die Kollegen am Arbeitsplatz. Ich habe niemanden verloren, aber seither viele Freunde neu dazugewonnen», sagt der Kunsthistoriker, der in der Nähe von Bern arbeitet. Sogar der Chor der reformierten Kirchgemeinde Wabern, der Hohmann 2007 ahnungslos zur Präsidentin gewählt hatte, liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Ende 2009 outete er sich schriftlich bei allen Stammmitgliedern des Chors, Anfang 2010 kamen für ein neues Projekt noch 75 Sängerinnen und Sänger dazu, denen er die Situation direkt vor der ersten Chorprobe erklärte. «Am Schluss der kleinen Ansprache kam Applaus. Das tat so gut nach all der Aufregung.» Und nun hat der Singkreis Wabern also einen Präsidenten, und Hohmann wechselte vom Sopran zum Tenor und inzwischen zum Bass.

Henry Hohmann singt noch immer im gleichen Kirchenchor wie vor der Geschlechtsanpassung – jetzt einfach Bass.

Die tiefe Stimme ist ein Effekt des Testosterons, das er ab Januar 2010 zu nehmen begann. Alle drei Monate bekommt er eine Hormonspritze, bis an sein Lebensende. «Nach rund vier Monaten begann ich die Effekte zu spüren.» Die Stimme wurde tiefer, die Muskeln stärker, Gesicht und Körperbau veränderten sich. «Die Fettpölsterchen an der Hüfte wanderten nach und nach von der Seite nach vorne. Es war quasi eine zweite Pubertät, und ich hatte auch ziemlichen Respekt vor den Hormonen.» Diese können zu starken Charakterveränderungen führen. «Davor habe ich mich gefürchtet und auch viel deswegen gegrübelt. Aber es ging dann alles gut.»

Zeigen, dass Transmenschen nichts Exotisches sind.

Vor der Hormonbehandlung musste Hohmann sich psychologisch betreuen lassen, eine Voraussetzung, damit die Krankenkasse einer Behandlung zustimmt. Später kam dann noch die Brustoperation dazu. Dank dieses Eingriffs und seiner tiefen Stimme wird er nun von Fremden immer sofort als Mann eingeordnet. «Ein herrliches Gefühl!» Sein Selbstbild und die Wahrnehmung von aussen stimmten endlich überein.

Henry Hohmann will nun dazu beitragen, dass auch andere Transmenschen ihren Weg finden. Er engagiert sich dafür unter anderem im Transgender Network Switzerland. Ihm ist vor allem wichtig, das gesellschaftliche Bild zu ändern. «Ich hatte es relativ leicht, aber ich weiss auch, wie viel schwerer es viele andere haben. Wir stehen dort, wo Schwule und Lesben vor 30 Jahren waren. Wir müssen zeigen, dass Transmenschen eben nichts Exotisches oder sexuell Verruchtes sind, sondern ganz normal, wie du und ich quasi.»

Zwar konstatiert Hohmann politische und rechtliche Fortschritte, aber die meisten Länder sind noch weit entfernt von jener Gesetzgebung, die Argentinien Mitte Mai verabschiedet hat. Dort darf künftig jede und jeder selbst das eigene Geschlecht bestimmen – ganz ohne Hormonbehandlung oder Chirurgie. Die Geschlechtszugehörigkeit wird allein durch das innere und individuelle Erleben des Geschlechts definiert, so wie es jede Person fühlt, unabhängig von der Geschlechtsbestimmung bei der Geburt.

Hohmann bedauert leise, dass er 46 werden musste, bis er realisierte, was mit ihm los ist. «Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn mir das schon 20 Jahre früher passiert wäre. Aber es ist, wie es ist», sagt er und lächelt. «Ich habe auch bis dahin ein gutes Leben gehabt — ein bisschen falsch, aber nicht ganz falsch.»

 

Erschienen in MM-Ausgabe 36
3. September 2012

Text
Bilder
  Mag ich   Kommentare  9

 Drucken  E-Mail

Eine Transfrau in leitender Stellung

Grosser Auftritt in der «Aargauer Zeitung»: Trotz neuer Geschlechtsidentität bleibt Nina Maria Stieger Chefin der Aarauer Stadtentwicklung.

Im Kanton Aargau hat vor wenigen Wochen der Leiter der Aarauer Stadtentwicklung, Ulrich Stieger (54), für landesweite Schlagzeilen gesorgt. Der langjährige leitende Angestellte der Stadtverwaltung hat sich vor dem Stadtrat als Transfrau geoutet und dort volle Unterstützung gefunden. Mit einer offiziellen Medienmitteilung erklärte die Aarauer...

mehr lesen

Weitere Artikel zum Thema

 

Die beliebtesten Artikel der Rubrik

 


Kommentar verfassen


9 Kommentare

Leonie M. [Gast]

Geschrieben am
24. November 2012

Vielen herzlichen Dank, liebe Migros-Redaktion, für diesen tollen Artikel, der - zum Glück! - so gar nichts Aufreisserisches hat, wie es leider oft noch - vor allem im Fernsehen - vorkommt.
Transmenschen sind Menschen wie Du und ich - also genauso normal oder verrückt wie eben alle anderen Menschen.
Den Porträtierten habe ich vor einigen Jahren persönlich kennen gelernt. Er ist ein ganz feiner und lieber Mensch. Ich freue mich sehr, dass er sich jetzt so wohl und frei fühlt und sich auch für andere transsexuelle Menschen engagiert. Gerade in der Schweiz mit ihrem unsäglichen Kantönligeist, die noch keine einheitliche Regelung gefunden hat und die angleichenden Operationen im Grunde der Willkür der Krankenkassen überlässt, ist noch wirklich viel zu tun.

Anita Keller [Gast]

Geschrieben am
17. November 2012

Ein wunderbarer Artikel den Alle verstehen können und gesellschaftlich sehr wertvoll und aufschlussreich ist. Ich habe Henry erst kennengelernt und ich freue mich, dass Er Das so erleben durfte.....

Ich möchte auch dem Verfasser dieses Artikels gratulieren und danken für diese Lektüre, so einfach natürlich und lebensbezogen wie es sein sollte, ohne Senastionslust und lebensnah wiedergegeben wurde...wird einem warm ums Herz........Anita, transident

Sehr guter Artikel [Gast]

Geschrieben am
8. September 2012

Vielen Dank für diesen Artikel. Es ist sehr schön zu sehen, wie Transsexuelle immer besser akzeptiert werden. Ich bin selber 15 Jahre alt und ein Transmann wie Henry. Es gibt einem neue Kraft, seinen eigenen Weg weiter zu gehen, wenn man sieht, dass man akzeptiert wird. Wir Transmenschen sind dankbar, wenn wir als normal angesehen werden und nicht als Mischwesen oder sonstiges, denn wir wissen, was wir sind.
Ich wünsche allen, denen es gleich geht wie Henry, dass sie sich den Problemen stellen und zu sich stehen können.

 

Weitere Kommentare anzeigen

  • Sie haben diesen Kommentar bereits gemeldet