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Plaudern auf dem globalen Dorfplatz

Twitter wird diese Woche zehn Jahre alt. Viele der weltweit 320 Millionen Twitterer können sich ein Leben ohne den Kurznachrichtendienst nicht mehr vorstellen. Auch Markus Felber nicht. Als @Frechgeist hat der frühere NZZ-Korrespondent bis heute 75'000 Tweets verschickt.

«#WEF – das #Dschungelcamp der wirklich Wichtigen.» – «So lange Red Bull erlaubt ist, rechtfertigt sich ein Teil des Preisaufschlags für die 1. Klasse aus olfaktorischen Gründen. #bahnales.» – «Wort zum Sonntag: Wer an religiöse Bekleidungs- und Essvorschriften glaubt, muss seinen Gott für ganz schön blöd halten.» So in etwa klingt das, wenn @Frechgeist twittert. In seinem Profil steht denn auch gleich als Erstes eine Warnung: «Wer mir folgt, sollte mich nicht allzu ernst nehmen. Ich tue es auch nicht.»

@Frechgeists Beiträge sind umso bemerkenswerter, als sein früheres schriftliches Schaffen in der Öffentlichkeit durch äusserste Seriosität geprägt war. Jahrelang informierte der Jurist und Journalist Markus Felber (65) in der NZZ über das Wirken des Schweizer Bundesgerichts. 2013 wurde er nur halb freiwillig frühpensioniert, heute schreibt er eine wöchentliche Kolumne in der «NZZ am Sonntag» und ­verfasst juris­tische Artikel für Fachzeitschriften – vor ­allem aber twittert er, oft über ein Dutzend Beiträge pro Tag.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Sage und schreibe 75 000 Kurznachrichten hat Felber seit Juni 2009 vertwittert, im Schnitt über 30 am Tag, und dabei kaum je mal 24 Stunden geschwiegen. Es gibt noch fleissigere Twitterer in der Schweiz, aber viele sind es nicht. «Twitter ist zu einer Leidenschaft geworden», sagt Felber. «Ich habe auf diesem Weg Menschen kennengelernt, die ich sonst nie im Leben getroffen hätte.» Seine Frau habe ihm gar mal gesagt, er sei dank Twitter kommunikativer und sozialer geworden. Auf einer Reise nach Dresden vor zwei Jahren zum Beispiel hat er zwei seiner Twitter-Follower persönlich kennengelernt und dabei mehr über das Leben in der ehemaligen DDR erfahren, als er sich je hätte vorstellen können. «Das war auch deshalb so spannend, weil die beiden die DDR völlig anders erlebt haben – ohne Twitter hätte ich weder diese Begegnung noch diese spannende Geschichtslektion erlebt.»

Twitter als sensibles Stimmungsbarometer

Heute fühlt er sich als Teil einer eigenen Community. «Man trifft sich sozusagen virtuell auf dem globalen Dorfplatz; und die Vielfalt an Themen und Menschen ist enorm.» Nicht zuletzt würden dort auch alle Fragen beantwortet, die man je haben könnte. «Egal, ob man nach guten Restaurants in einer fremden Stadt oder nach einer Lösung für ein obskures Computerproblem sucht, innert 10 Minuten erhält man gleich mehrere passende Antworten.» Die Twitter-Community erweist sich zudem als sehr sensibles politisches Stimmungsbarometer. «Man konnte anhand der Tweets richtig zusehen, wie die Haltung gegenüber Flüchtlingen zwischen Herbst 2015 und Anfang 2016 von weitgehend positiv ins Negative kippte.»

Felber mag auch die Begrenzung auf 140 Zeichen und hat die Ankündigung seitens Twitter, diese Begrenzung demnächst aufzuheben, wenig erfreut zur Kenntnis genommen. «Ich bin kein Vielschreiber, vermutlich bin ich einer der wenigen Journalisten, die vom Dienstredaktor ab und zu gefragt wurden, ob er zu dem Thema nicht etwas mehr schreiben könnte.»

Felber wollte 2009 eigentlich nur seine juristischen Kontakte nach Deutschland verbessern und entdeckte mit Twitter dann eine neue Welt.

Felber bevorzugt auch als Leser eher kürzere Texte. Und sieht es als persönliche Herausforderung, seine Gedanken in den 140 Zeichen auf den Punkt zu bringen. «Manchmal feile ich ein oder zwei Tage daran, bevor ich etwas sende.» Erlaubte Twitter künftig längere Textbeiträge, würde sich dieses Medium massiv verändern, fürchtet er. «Ich wäre schlicht nicht bereit, so viel mehr zu lesen, und ich bin da sicher nicht der Einzige. Aber bestimmt würden andere Twitters bisheriges Modell übernehmen und die würde ich mir dann anschauen.»

Alles fing damit an, dass Felber 2009 seine juristischen Kontakte nach Deutschland verbessern wollte. Twitter schien ihm dafür ein interessanter Kanal, denn anders als in der Schweiz, wo der Nachrichtendienst noch ein Nischendasein fristete, waren dort schon viele aktiv. Zwar meldete sich Felber schon im Juni an, aber es verstrich nochmals ein halbes Jahr, bis er selbst richtig loslegte. «Ich fand lange keine Gebrauchsanweisung auf Deutsch, das war alles immer auf Englisch, und darin bin ich nicht so gut.»

Die @Frechgeist-Tweets kamen allerdings nicht bei allen gut an. Das passe nicht zum Image eines NZZ-Bundesgerichtskorrespondenten, fanden einige. Felber akzeptierte die Kritik und eröffnete ein zweites Twitter-Konto, auf dem er ausschliesslich beruflich und seriös twitterte. Aber die Beiträge dort sind vergleichsweise rar, und der letzte stammt vom Januar 2014. «Das zeigt ganz klar, wo meine Prioritäten liegen», sagt Felber schmunzelnd.

Den eifrigen Social-Media-Nutzern wird ja gern Selbstdarstellungsdrang und Geltungs­sucht unterstellt, aber Felber weiss nicht mal, wie hoch sein Klout-Faktor ist, geschweige denn, wie dieser genau funktioniert. «Eine solche Bewertung muss einem egal sein, sonst wird das Twittern zum Sport – und das ist nicht so mein Ding.» Klout.com misst, wie einflussreich und beachtet jemand in den sozialen Medien ist. Je häufiger auf die Be­träge reagiert wird, desto höher ist der Klout-Faktor, desto höher der Einfluss. Felber liegt zurzeit bei 54. Das ist gut, aber nicht überwältigend. Roger Federer etwa liegt bei 89, DJ Bobo bei 78 und die SVP-Politikerin Natalie Rickli bei 63.

Polemische Debatten mag @Frechgeist nicht

Felber weiss nicht mehr, wie lange es dauerte, bis er die ersten 1000 Follower hatte. Etwa ein Jahr schätzt er – heute folgen ihm 6495. «Bis 400 oder 500 achtete ich darauf, danach war es mir nicht mehr so wichtig. Da hat es sicher auch viele tote Konten drunter, die längst nicht mehr genutzt werden.» Er bezweifelt auch die in der Medienwelt weit verbreitete Vorstellung, dass Journalisten heute zwingend auf Social ­Media aktiv sein müssen – von Twitter ­abgesehen, nutzt er keine andere Plattform.

Die Zahlen sind ihm also egal, was er hingegen schätzt, sind Reaktionen und Retweets. Ellenlange Diskussionen aber führt er nicht, schon gar nicht, wenn sie polemisch werden. Und würde der Kurznachrichtendienst mal für zwei, drei Tage ausfallen, hätte er ohne Zweifel Entzugserscheinungen. «Ohne Twitter würde ich mich von meiner Community abgeschnitten fühlen.» Zudem sei es eine ideale Beschäftigung, um tote Zeit zu füllen.

«Ich twittere besonders gern, wenn ich im Zug sitze oder aufs Tram warte. Ich ­verpasste deswegen auch schon mehrfach Trams, weil ich so vertieft war.» Und es hat sich bei ihm ein Automatismus eingestellt, stets auf Vertwitternswertes zu achten, wenn er so durch den Tag geht, ein lustiges Schild, eine merkwürdige Begegnung – Hauptsache, leicht und unterhaltsam. «Das Heitere hat für mich Priorität.» Verglichen mit früher allerdings, verschickt er heute weniger Tweets. «In den Anfängen teilte ich der Welt auch mal mit, dass ich jetzt unter die Dusche gehe. So was mache ich nicht mehr – das ist mir zu banal.»

Seine juristischen Interessen lebt er heute primär in Zeitungsbeiträgen aus. Zu Beginn haderte er mit seiner Frühpensionierung bei der NZZ, inzwischen aber findet er ganz gut, dass es so gekommen ist. «Ich bin freier und trotzdem vielfach engagiert.» Auch vermisst er den Tageszeitungsrhythmus nicht, und für seine juristische Kolumne in der «NZZ am Sonntag» geniesst er Carte blanche.

Dass Felber seit ein paar Monaten eine weitere Aufgabe hat, merkt man der Frequenz seiner Tweets nicht an. Im November gründete er mit der Rechtsanwältin und Ex-Miss-Bern Mascha Santschi (35) die Agentur Santschi & Felber Justizkommunikation, die Gerichte und Anwälte im Umgang mit Medien berät. Das wolle er noch ein paar Jahre machen, dann sei Schluss, sagt Felber. «Ich habe mir vorgenommen, mich ab 70 nicht mehr als Jurist oder Journalist öffentlich zu äussern.» Twittern aber wird der @Frechgeist ganz sicher auch dann noch.

Markus Felbers persönliche Lieblingstweets

 

Erschienen in MM-Ausgabe 11
14. März 2016

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Jubiläum

Zehn Jahre zwitschern mit 140 Zeichen

Am 21. März wird Twitter zehn Jahre alt. Wer sich dort registriert, kann Kurznachrichten von 140 Zeichen verbreiten, inzwischen auch Bilder oder Links zu weiterführenden Texten. Wer sich für einen bestimmten Nutzer interessiert, etwa für US-Präsident Obama, kann diesem «followen» und erhält dann im eigenen Nachrichtenticker sämtliche seiner Beiträge.

Die Nachrichten erreichen aber nicht nur eigene Follower, sie können mithilfe von Hashtags (#) auch thematisch markiert werden, zum Beispiel #Elections2016. Ein Beitrag erreicht so auch diejenigen Nutzer, die nach Tweets zu den US-Wahlen suchen. Twitter hat heute weltweit 320 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer .

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1 Kommentar

Hermann WINKLER [Gast]

Geschrieben am
16. März 2016

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