Content: Home

Liebe auf Distanz

Er wohnt in Zürich, sie in Montreal. Sehen tun sich die beiden zwei Mal im Monat. Kann eine solche Fernbeziehung funktionieren? Sie kann, wenn das Paar einige Punkte beachtet. Sechs Liebespendler erzählen...

Alptraum Fernbeziehung? Paartherapeut Josef Lang nennt die grössten Stolpersteine: Zum Interview

Wie lange hat Ihre Fernbeziehung gedauert? Sind Sie zusammengezogen, oder hat die Distanz unweigerlich zur Trennung geführt? Erzählen Sie uns Ihre Erfahrungen per Kommentar unten auf dieser Seite.

Immer mehr Liebespaare leben an verschiedenen Ecken der Welt und sehen sich dadurch nur unregelmässig. Und selbst wenn moderne Kommunikationsmittel wie E-Mail oder Skype helfen, Distanzen zu überbrücken: «Eine Fernbeziehung ist immer noch eine Prüfung des Vertrauens und der Stärke einer Beziehung», betont Josef Lang (72), Paartherapeut aus Baden AG, im grossen Interview.

Für den Liebesexperten ist es elementar, dass der Entschluss, eine Fernbeziehung zu führen, gemeinsam gefällt wird. Dass also nicht der eine gegen den Willen des anderen geht, sondern dass beide Partner hinter diesem Entschluss stehen.

Sehnsucht kann etwas sehr Schönes sein

Auch wenn der Gedanke an eine Fernbeziehung bei vielen Menschen Skepsis auslöst, hat sie ihre guten Seiten «Sehnsucht kann nämlich etwas sehr Schönes sein, ein Schmerz, der zwar wehtut, aber auch zeigt, dass da jemand ist, der sehr wichtig ist für mich», sagt Lang. Das bestätigen auch die drei fernliebenden Paare, die das Migros-Magazin getroffen hat. Ganz nach dem Motto: «Je grösser die Sehnsucht, desto grösser die Wiedersehensfreude!».

Jonathan «Jontsch» Schächter und Ana Gamliel: Zürich–Montreal, Kanada Distanz: 6000 Kilometer

Ana Gamliel und Jonathan Schächter im Winter an der Limmat.

Jonathan «Jontsch» Schächter (31) sagts gleich ungefragt: «Sieben Stunden Flug hin oder her — wir führen eine ganz normale Beziehung!» Und Freundin Ana Gamliel (27) ergänzt: «Eine Fernbeziehung ist nicht immer nur leicht. Aber welche Beziehung ist das schon.»

Der Radio- und TV-Moderator aus Zürich und die Medizinstudentin aus Montreal sind seit zweieinhalb Jahren ein Paar. Kennengelernt haben sie sich übers Internet oder, wie es Schächter formuliert: «Ich habe diese hübsche junge Dame mit der tollen Stimme auf Youtube entdeckt.» Auf der Suche nach einer Coverversion von «Need you now» der US-Country-Band Lady Antebellum war er über Ana gestolpert, die mit ihrer Band ILLumeci eben diesen Song covert.

Wir sind keine Teenager mehr, wir wissen, um was es geht

Nachdem ein erster Kontaktversuch über den Manager der Band ohne Echo geblieben war, gelang es dem Zürcher schliesslich, die Sängerin über Facebook zu kontaktieren. Doch selbst nach nächtelangen Telefonaten gab sie ihm erst einmal einen Korb, als er sie in die Schweiz einlud. «Ana sagte, ich könne ja ein ‹Psycho› sein.» Schächter zieht eine Grimasse: «Sie lud mich stattdessen nach Montreal ein.» Eine Einladung mit Folgen. Heute sieht sich das Paar ein- bis zweimal pro Monat entweder in Montreal oder in Zürich. Dabei kommt ihnen entgegen, dass Jonathan Schächter als Schweizer Markenbotschafter von Air Canada Spezialkonditionen geniesst. «Fliegen ist für mich fast schon wie Tramfahren.»

Ana Gamliel und Jonathan Schächter letzten Sommer auf dem Ottawa River bei Montreal.

Keinen gemeinsamen Alltag zu haben, empfinden die beiden als unproblematisch. Ana Gamliel sagt: «Skypen, SMS-len, mailen — wir wissen eigentlich immer, was beim anderen so abgeht.» Wirklich mühsam hingegen seien die sechs Stunden Zeitverschiebung: «Wenn ich reif fürs Bett bin, geht Ana erst aus», ärgert sich Schächter, «wenn wir dann skypen, ist jeder in einer ganz anderen Stimmung — das kann echt nerven.»

In zwei Jahren werden die Karten neu gemischt

Apropos Ausgang: Was ist mit Eifersucht? «Zu Beginn war das sicher ein Problem», gibt Ana Gamliel unumwunden zu, «auch, weil wir uns beide im eher leichtlebigen Musikbusiness bewegen.» Heute seien sie da relaxter. «Wir sind keine Teenager mehr, wir wissen, um was es geht», bestätigt ihr Freund. Das sieht unterdessen auch ihr Umfeld so. «Am Anfang hiess es überall: nette Geschichte, aber kann das gut gehen?» Heute wird das Paar von Familie und Freunden vorbehaltlos unterstützt. «Und auch im Job weiss man von unserer speziellen Situation und nimmt Rücksicht», lobt der Moderator.

In zwei Jahren wird Ana Gamliel ihr Studium abschliessen, dann werden die Karten neu gemischt. «Als Ärztin kann Ana überall arbeiten: Kanada, USA, Australien, Afrika …», zählt Jonathan Schächter auf. Oder in der Schweiz? Die Kanadierin lacht — und verrät dann, dass sie seit einiger Zeit Deutsch lernt. «Sie ist bereits bei Level 4», sagt Jonathan Schächter stolz.

Günter und Sylvia Späth: Schwarzenberg LU–Rüsselsheim, Deutschland Distanz: 400 Kilometer

Günter und Sylvia Späth stammen aus Hessen. Er arbeitet in der Schweiz, sie hütet in Rüsselsheim das gemeinsame Haus.

Bei dir oder bei mir? — Diese Frage stellt sich Sylvia (55) und Günter (54) Späth seit bald vier Jahren jede Woche aufs Neue. Immer freitags gegen Abend setzt entweder sie sich im deutschen Rüsselsheim oder er sich im luzernischen Schwarzenberg ins Auto und fährt gen Süden respektive Norden. Und jeden Sonntagabend zurück. «So verbringt zwar immer einer von uns acht bis zehn Stunden des Wochenendes im Auto oder auch mal im Zug», rechnet Günter Späth vor, «dafür können wir uns aber wenigstens einmal pro Woche in den Arm nehmen.»

Der Bauingenieur und die Geschäftsleitungssekretärin stammen aus Hessen. Es ist die Arbeit, die das Paar seit bald einem Jahrzehnt örtlich trennt. Während er in Polen, Portugal und Thailand für Opel tätig war, verschlug es sie beruflich nach Berlin. Danach ging er als Reserveoffizier in den Kosovo, baute Brücken, Brunnen und Schulen und zuletzt in Afghanistan Ausbildungsstätten für die dortige Polizei. Heute arbeitet Günter Späth als Projektleiter Wasser/Safety der AlpTransit Gotthard AG am längsten Eisenbahntunnel der Welt, dem Gotthard-Basistunnel, und wohnt in Schwarzenberg, während Sylvia Späth bei einer Tochterfirma der Deutschen Bahn in Frankfurt angestellt ist und in Rüsselsheim das gemeinsame Einfamilienhaus hütet.

Das ewige Pendeln ist Gift für Freundschaften

Das gemeinsame Einfamilienhaus steht in Rüsselsheim.

«Das Problem ist nicht, dass wir uns nur am Wochenende sehen. Streiten kann man sich auch am Telefon», sagt Sylvia Späth augenzwinkernd. Auch Eifersucht sei kein Thema, bekräftigt ihr Mann, «dafür kennen wir uns zu gut.» Was hingegen stark belaste, sei die Tatsache, dass sich die meisten sozialen Kontakte totgelaufen hätten. «Das ewige Pendeln ist Gift für Freundschaften — diese wollen gepflegt sein», weiss Sylvia Späth. Sie arbeitet unter der Woche oft bis zu zwölf Stunden täglich, «die meisten Einladungen erfolgen aber aufs Wochenende hin, also dann, wenn einer von uns entweder unterwegs ist oder wir beide gerade in der falschen Stadt sind.»

Streiten kann man sich auch am Telefon

Dazu komme, dass es in der Schweiz nicht ganz einfach sei, Freundschaften zu schliessen, ergänzt Günter Späth. Aus diesem Grund sind die beiden begeisterten Sportschützen neben ihrem Rüsselsheimer Verein auch der Schützengesellschaft der Stadt Luzern beigetreten. Das sei hilfreich beim Knüpfen neuer Kontakte, wie Günter Späth ausführt. «Nur wird durch diese zusätzlichen Wettkampftermine unser Hin und Her nochmals komplizierter.» Sylvia Späth, die sich in der kleinen Wohnung ihres Manns mit Blick auf den Pilatus sehr wohlfühlt, hat daher schon mit dem Gedanken gespielt, ebenfalls in der Schweiz zu bleiben. Doch da sind noch der Sohn mit Familie, die Mutter und die Schwiegermutter in Hessen. «Und sowieso, welcher Arbeitgeber hat schon auf eine 55-Jährige gewartet.»

Und so halten die Späths unter der Woche Kontakt via Mail und Telefon. Auf rund 80 Franken beläuft sich die monatliche Telefonrechnung. «Peanuts», sagt Günter Späth, «in Afghanistan waren es 800 Franken.» Und noch etwas hat sich geändert: Als Späth im Hinterland von Kabul arbeitete, musste sich seine Frau unerwarteterweise einer Operation unterziehen. «Obwohl sie am Telefon behauptete, es sei nicht so schlimm, hab ich gewusst, dass sie schummelt. Ich konnte aber so rasch nicht nach Hause.» Sylvia Späth nickt: «Wenn ich heute schummeln würde, stünde Günter vier Stunden später auf der Matte!»

Lars Karlsson und Laura Scharsach: Bülach–Tring bei London, England Distanz: 820 Kilometer

Laura Scharsach geht ein halbes Jahr nach England. Mit ihrem Freund Lars Karlsson hat sie zuvor London besucht – so kann er sich vorstellen, wo sie unterwegs sein wird.

Eigentlich weiss Lars Karlsson (19) es ja schon lange: Seine Freundin Laura Scharsach (19) geht vor Beginn ihres Jusstudiums an der Universität Zürich sechs Monate nach England. Karlsson zuckt mit den Schultern: «Aber irgendwie habe ich dieses Wissen wohl immer verdrängt.» — «Dabei waren meine Auslandspläne so ziemlich das Erste, von dem ich Dir erzählt habe, als wir uns kennenlernten», sagt Laura, und verwuschelt Lars liebevoll die Haare.

Meine beste Kollegin ist sich sicher, dass wir das packen

Erstmals über den Weg gelaufen sind sich der Automatikerlehrling aus Bülach ZH und die Maturandin aus Illnau ZH vor rund anderthalb Jahren an einer Manga-Messe in Winterthur. Beide waren von Freunden mehr oder weniger dorthin geschleppt worden: «Denn eigentlich findet keiner von uns Mangas wirklich cool», sagt Laura und lacht. Dafür fanden sie aneinander Gefallen, und so wurde aus Lars und Laura rasch ein Paar. «Und was für eins», lacht Lars und zupft nun seinerseits an Lauras Locken.

Er ist sich denn auch ganz sicher, dass Lauras Englandabstecher ihre Beziehung nicht aus den Angeln heben wird. Immerhin wohne sein Schatz ja in Tring, einem Dorf rund 50 Kilometer nordwestlich von London, bei Verwandten — und sei somit sozusagen in familiärer Obhut. Die künftige Studentin hat sich für ihren Aufenthalt einiges vorgenommen: Nach einem dreimonatigen Praktikum bei einem Mitglied des englischen Parlaments wird sie in einem Restaurant jobben. Parallel dazu will sie das Proficiency-Sprachdiplom erwerben, was ausgiebiges Büffeln bedeutet. «Flirts werden da wohl eher die Ausnahme bleiben», sagt Laura mit einem Augenzwinkern.

Sparen, um den Schatz in London besuchen zu können

Lars plant, möglichst einmal pro Monat zu seiner Laura zu fliegen.

Auch Lars wird kaum Zeit haben, sich anderweitig umzusehen: Der Stift steckt mitten in der Lehrabschlussprüfung. Was wiederum Laura Sorgen macht. Sie wisse zwar, dass ihr Freund sich gut vorbereite. «Aber so weit weg zu sein, wenn er vielleicht mal einen Durchhänger hat, das nervt schon.» Um Lars dennoch moralische Unterstützung zu bieten, hat sie auf ihrem Laptop Skype installiert. «Damit können wir telefonieren, ohne dass es kostet», freut sich Lars. Seinen Stiftenlohn braucht er nämlich dringend für etwas anderes: Er plant, möglichst einmal pro Monat zu seiner Laura zu fliegen.

«Meine beste Kollegin ist sich sicher, dass wir das packen», macht sich Laura Mut. «Meine Eltern denken das auch», bekräftigt Lars. «Am allerhärtesten wird die Zeit wohl für meinen Hund Yoshi werden», überlegt Laura, «Yoshi liebt Lars über alles und wird ihn fürchterlich vermissen.» Lars nimmt Lauras Hand: «Wenn du möchtest, kann ich mir Yoshi ja mal von deinen Eltern ausleihen.» Laura kichert: «Dann könnt ihr miteinander den Mond anheulen!»

 

Erschienen in MM-Ausgabe 10
4. März 2013

Autor
Fotograf
  Mag ich   Kommentare  11

 Drucken  E-Mail

Weitere Artikel zum Thema

 

Die beliebtesten Artikel der Rubrik

 


Kommentar verfassen


11 Kommentare

Olivia Kaufmann [Gast]

Geschrieben am
10. März 2013

Mit 24 habe ich meinen Mann kennen gelernt. Ich lebte in Genf er in Solothurn. Kurz danach ging ich nach England weiter studieren. So haben wir die Distanz London-Solothurn abgedeckt. Nach 2 gemeinsame Jahren in Zürich, bin ich dann nach Atlanta gezogen und er nach Holland. Ich bin einmal im Monat von Atlanta nach Eindhoven gependelt und dies während 2 Jahre. Danach bin ich wieder berufsbedingt nach England. 2 Jahre Southampton Eindhoven, 3 Jahre Southampton Zürich. Irgendwann haben wir in Australien geheiratet. Die letzten 7 Jahre haben wir in Zürich gelebt, aber nun pendle ich wieder. Seit Anfang Jahr arbeite ich in Frankfurt und werde die nächsten Jahre jedes Wochenende die Strecke Frankfurt-Zürich zurück legen. Mein Mann und ich sind nun seit fast 20 Jahre zusammen. Es braucht viel Vertrauen und Verständnis, aber es kann gehen. Ich bin meinem Mann dankbar, dass er mich bei meiner Karriere unterstütz.

Jeannette Haueter-Schulz [Gast]

Geschrieben am
8. März 2013

Ich bin von Toronto Canada und habe meinen Mann kennen gelernt per zufall, weil er hat seinen bruder abgeholt vom flughafen und ich konnte mit fahren, weil ich kannte seinen bruder durch die arbeit. Wir haben uns mal wieder getroffen, und es hat gefunkt. Wir haben uns ingesamt für nur 5 wochen getroffen innert 1 jahr. Danach sind wir seit 1994 glücklich verheiratet und haben 2 teenage kinder. Heimweh nach Toronto habe ich nicht, wir gehen immer besuchen, und mit skype und internet ist mann immer nah zuhause. Ich habe nie gedacht das eine fern beziehung gut geht, aber ich bin sehr dankbar und glücklich es ist mir passiert. Mann muss nur vertrauen und glauben und treu bleiben. Die welt ist sehr gross, aber liebe bringt vieles näher! Glaube drann.

Enna Wombat [Gast]

Geschrieben am
7. März 2013

Eine Fernbeziehung kann als Anfangsphase oder Zwischenphase in einer Beziehung positiv sein. Aus eigener Erfahrung, kann ich sagen, dass irgendwann das Paar sich geografisch naehern sollte, und das innerhalb von 2-3 Jahren, wenn moeglich. Je laenger man wartet, um so mehr Frust, Zeitverlust (nicht von den Kosten zu reden) kann es geben.

 

Weitere Kommentare anzeigen

  • Sie haben diesen Kommentar bereits gemeldet