Held der Arbeiter
Hans-Ulrich Müller ist Banker. Einer mit Herz, Elan und einem ungewöhnlichen Hobby. Er rettet Arbeitsplätze. Zum Beispiel in der Kartonfabrik im bernischen Deisswil.
Ein Arbeitgeber als Unternehmer, Trainer und RAV: Wie Hans-Ulrich Müller den Deisswiler Arbeitern eine Zukunft ermöglichte.
Im Märchen trägt der Held eine schimmernde Rüstung und reitet einen Schimmel. Der Retter von Deisswil bevorzugt Anzüge und fährt Mercedes. Es war in einem Flugzeug, auf dem Weg in die Familienferien, als Hans-Ulrich Müller (61) im Mai 2010 beschloss, die Kartonfabrik Deisswil zu kaufen und 253 entlassene Mitarbeitende wieder einzustellen. Er konnte ihnen zwar keine Arbeit bieten, aber Hoffnung. «Ihr habt eine Zukunft. Ich führe euch über den Graben dorthin», versprach er an jener Betriebsvollversammlung, an der er sich als neuer Besitzer präsentierte. Er garantierte der Belegschaft vorläufig wirtschaftliche Sicherheit, stellte aber auch Forderungen: «Ihr müsst flexibel sein.» Seine Worte schrieb er auf ein Plakat und hängte es in den Gang des Verwaltungsgebäudes.
Heute heisst die ehemalige Kartonfabrik Bernapark, und in den weit verzweigten Hallen pulsiert neues Leben. «Als ich den Betrieb kaufte», sagt Müller, «kannte ich die wichtigsten Ziele, Chancen und Risiken — für eine detaillierte Analyse aber fehlte mir schlicht die Zeit.» Aber er hatte eine Vision — von einem KMU-Park, in dem kleine und mittlere Unternehmen unter einem Dach untergebracht sind.
Er bietet wirtschaftliche Sicherheit, verlangt aber Flexibilität
Die Weiterführung der Kartonproduktion kam nicht in Frage. Erstens entsprach die Produktionsstätte nicht ökologischen Standards. Zweitens verbot es die ehemalige Besitzerin, die österreichische Mayr-Melnhof-Gruppe, im Verkaufsvertrag aus Konkurrenzgründen. Also begann Müller einzelne Räume an externe Firmen zu vermieten. An ganz kleine, wie die Dog Dance Schule, die heute in zwei geheizten Räumen Hunde trainiert, und an grosse Unternehmen wie das Ostschweizer Logistikunternehmen Sieber, das gleich 2000 Quadratmeter belegte. Zwei Jahre nach der Schliessung der Kartonfabrik logieren heute 78 Unternehmen im Bernapark: von der Schreinerei über den Dart-Club Bern bis zu einem Zwischenlager von Coca-Cola. Ein «dynamisches und wirtschaftsfreundliches Umfeld in einer äusserst grosszügigen Anlage», verspricht die Homepage allfälligen weiteren Interessenten. Denn Platz hat es genug.

Kostendeckend ist das Unternehmen Bernapark noch nicht. Zwar generiert es mittlerweile Mieteinnahmen von rund einer Million Franken jährlich. Aber das ist ein Klacks im Vergleich zu den Verpflichtungen. Müller hatte die Verantwortung übernommen für 253 Angestellte, denen er zwar kaum Arbeit bieten konnte, aber wirtschaftliche Sicherheit versprochen hatte. Also zahlt Müller sämtliche Löhne weiter. Egal, ob einer im Bernapark eine Zwischenbeschäftigung fand, an eine Fremdfirma ausgeliehen wurde oder zu Hause sass. Gegen zwei Millionen Franken dürfte ihn das gekostet haben. Pro Monat. Mindestens. Müller will keine konkreten Zahlen nennen, sagt nur: «Man schläft nicht immer gut mit einer solchen Belastung. Aber ein Ziel vor Augen spornt an.»
Hans-Ulrich Müller gilt in Berner Wirtschaftskreisen als Wirbelwind
Er stellte ein Team aus externen Fachleuten, ehemaligen Mitarbeitenden und Familienmitgliedern zusammen, die das operative Geschäft übernahmen, und verkaufte, was sich irgendwie zu Geld machen liess. Zum Beispiel drei gigantische Kartonmaschinen. Eine geht voraussichtlich nach Indien. Die anderen wurden zerlegt und die Einzelteile verkauft. Die ehemalige hauseigene Reparaturwerkstätte ist heute ein eigenständiges Profitcenter, das Kartonlager eine Altpapier-Recyclingstelle, und sogar der von Weitem sichtbare Fabrikkamin ist vermietet — als Trainingsplatz für Industriekletterer.
Man schläft nicht immer gut mit einer solchen Belastung.
Müller ist kein Unbekannter in der Branche. Es ist auch nicht das erste Mal, dass er eine marode Firma rettet. Er gilt als «Wirbelwind der Berner Wirtschaft» («Berner Zeitung») und Visionär. Und er ist an fast einem Dutzend Unternehmen beteiligt. Unter anderem an der FL Metalltechnik in Sumiswald BE, die er vor 19 Jahren vor dem Aus bewahrte. Vor 13 Jahren half er bei der Mopac in Wasen BE 200 Arbeitsplätze zu sichern und vor sechs Jahren 160 Arbeitsplätze bei der Ascom Manufacturing AG, der heutigen Asetronics. Stets mit eigenem Geld — und quasi nebenbei als Hobby.

Denn Hans-Ulrich Müller arbeitet seit 30 Jahren bei der Credit-Suisse. Er ist verantwortlicher Leiter Mittelland und damit zuständig für 1300 Mitarbeitende. «Ich bin mit Leib und Seele Banker», sagt er «und hatte bei der Credit Suisse früher viel mit KMUs zu tun. Das ergänzt sich also wunderbar mit meiner Unternehmertätigkeit.» Er findet, es schade nichts, wenn ein Banker auch die Unternehmerseite kenne. Er sei froh, unterstütze ihn die Credit Suisse, indem sie ihm die privaten Engagements bewillige. «Ansonsten gelten für mich keine Sonderbedingungen. Ich muss — wie jeder Regionenleiter — meine Zielsetzungen erfüllen», sagt er.
Ein Zeitproblem hat er nicht: Er schaut kaum Fernsehen, braucht wenig Schlaf und treibt viel Sport. Die Woche gehört seinem Arbeitgeber, das Wochenende seinen Firmen und der Familie. «Ich habe sehr viel Energie», sagt Hans-Ulrich Müller, «und je mehr ich mit anderen Menschen arbeite, desto mehr Energie bekomme ich.» Es gehe ihm nicht primär um Rendite. «Für mich ist Geld dasselbe wie Farbe für einen Maler: ein Instrument, um ein Werk zu realisieren. Dennoch schaue ich natürlich, dass sich jedes Projekt rentiert.» Er selber stammt aus bescheidenen Verhältnissen und erarbeitete sich sein Vermögen selber. Schon als junger Mann investierte er in nachhaltige unternehmerische Projekte und in Immobilien. «Nie zu Spekulationszwecken», betont er. «Ich besass immer mehrere Gesellschaften gleichzeitig. Wenn man unternehmerisch denkt, verdientes Geld reinvestiert und nicht immer alles falsch macht, kommt mit den Jahren etwas zusammen», erklärt Müller, wie er zum Kapital für seine Firmenkäufe kam.
Klar will er verdienen, sonst müssten wir ihn einliefern lassen.
Den Grundstein für seinen Geschäftssinn legten die Eltern. «Sie mieteten eine Baracke beim Flughafen Belpmoos und machten daraus ein Restaurant. Meine vier Geschwister und ich mussten alle mitanpacken. So lernte ich früh die Wertschätzung für den Kunden.» Müller wolle mit seinem Engagement ja bloss verdienen, bekam der Gemeindepräsident von Stettlen-Deisswil, Lorenz Hess, oft zu hören — und ärgerte sich fürchterlich. «Klar will er das», sagt Hess, «sonst müssten wir ihn einliefern und behandeln lassen. Nach Jahren des Drauflegens ist es nicht mehr als legitim, dass irgendwann etwas zurückkommt.» Lorenz Hess kannte Müller flüchtig, lernte ihn aber durch die enge Zusammenarbeit nach der Schliessung der Kartonfabrik besser kennen — und schätzen: «Eine blöde Frage, die mir ausserdem oft gestellt wurde war, ob denn dieser Müller sauber sei. Dazu kann ich nur sagen: Wenn einer ein Hasardeur ist und spekulieren will, macht er das anonym an der Börse oder mit irgendwelchen Off-shore-Geschäften. Aber sicher nicht im Fokus der Medien, wo alles nur darauf wartet, dass es irgendwo nicht klappt.»

Hans-Ulrich Müller habe all seine Versprechen eingehalten, sagt Gemeindepräsident Hess. Aber es sei klar, dass es bei einer solchen Veränderung immer auch Verlierer gebe. Solche, die sich nicht auf die neue Situation einstellen konnten, sich immer noch die alten Jobs zurückwünschten.
Nach der Übernahme der Kartonfabrik installierte Müller auf dem Firmengelände ein Jobcenter. Das Personal wurde im «try and hire»-System an externe Firmen vermietet. Wem es am neuen Ort nicht gefiel, durfte zurückkehren — bei voller Lohnfortzahlung. Der neue Besitzer, Regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV) und Behörden arbeiteten Hand in Hand, schafften Weiterbildungs- und Coachingprogramme und nutzten persönliche Netzwerke, um für die Angestellten neue Jobs zu finden. Müller gründete zusammen mit seiner Frau Marlise und dem Bernapark eine Stiftung. Sie soll Mitarbeitenden beistehen, falls diese irgendwann in ihrem Leben in finanzielle Not geraten und Hilfe brauchen sollten. Er lotete in persönlichen Gesprächen die Berufsperspektiven jedes Einzelnen aus, hörte sich Wünsche und Ängste an. «Wüsster, Herr Müller, i ha eigentlech gar nüt glert ussert Maschine z bediene», hätten ihm etliche gesagt, die 30, 40 Jahre in der Kartonfabrik gearbeitet hatten. «Alle waren hochspezialisiert, aber eben spezifisch nur für Aufgaben der Kartonherstellung», sagt Hans-Ulrich Müller. Dazu kam die seelische Komponente. Ohne jegliches Selbstvertrauen, mutlos und vor allem zutiefst verunsichert waren viele nach der überraschenden Schliessung der Kartonfabrik.
Der neue Patron versuchte zu motivieren — und zu mobilisieren. Gärtnerte einer in seiner Freizeit gern, rief er bei einem befreundeten Gartenunternehmer an. Dem bot er an, für ein Jahr die Lohndifferenz zu übernehmen, wenn er dem Mann eine Chance gebe.

Müller hört den Ausdruck Retter nicht gern. «Eine Firma kann man nicht im Alleingang aufbauen. Das geht nur in Teamarbeit. Ich habe gute Leute, die mir helfen.» Praktischerweise auch in der eigenen Familie. Alle drei Kinder sowie seine Frau Marlise sind in seine Projekte involviert. Tochter Michèle (33), Lehrerin, ausgebildete Schauspielerin und Mutter eines Sohnes, betreut die Immobilienfirmen. Die älteste Tochter Caroline (36), dreifache Mutter und Juristin, und Sohn Philipp (28), Medizinstudent, packen im Bernapark mit an. «Mein Vater hat ständig Ideen und ist immer mit mehreren Projekten gleichzeitig beschäftigt», sagt Müller Junior. «Das sind wir von klein an gewohnt. Trotzdem kümmerte er sich fürsorglich um die Familie und hatte immer Zeit für uns. Wir konnten ihn aus jeder Kadersitzung holen, wenn es dringend war.» Philipp Müller räumt ein, dass die sprühende Kreativität seines Vaters, die Energie und Geschwindigkeit mitunter andere überfordert. Aber es funktioniere.
Der Bernapark Deisswil ist zwar noch weit entfernt von schwarzen Zahlen, aber er ist gut angelaufen. Ende Januar 2012 standen noch 42 ehemalige Mitarbeiter der Kartonfabrik auf der Lohnliste. Etwa 20 haben dort eine langfristige Perspektive. Für die übrigen sucht Müller bis April eine Lösung. Sechsen hat er im November gekündigt. Sie bekommen noch Lohn bis Mai. Dieses Szenario hatte er eigentlich vermeiden wollen. Aber einige wollten lieber die Entschädigung aus dem Sozialplan als eine neue Arbeit.
Die Berner Sektion von Economiesuisse zeichntete Hans-Ulrich Müller im Oktober 2010 mit dem Wirtschaftspreis aus. Im Januar 2011 wurde er für den Swiss Award nominiert. Gewonnen hat er ihn nicht. Ein Held ist er trotzdem.
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5 Kommentare
Gabi Räth [Gast]
Geschrieben am
6. März 2012
Sehr geehrter Herr Müller
von Herzen will ich Ihnen danke sagen für all Ihr Bemühen und Ihnen weiterhin viel Energie, Geduld und Freude wünschen für Ihre Arbeit.
Mit anerkennenden Grüssen
G. Räth
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Thomas Schweizer [Gast]
Geschrieben am
4. März 2012
Wo geht unser Weg in der Schweiz hin, wenn die Wirtschaft Arbeitnehmer von 25 bis 35 Jahren sucht mit einer Erfahrung von 45 Jahren.
Ab 50 Jahren zahlt man höheres BVG und man hat mehr Ferien, also für einen Betrieb weniger Interessant. Muss das sein ?
Es ist schön, dass es noch Arbeitgeber in der Schweiz gibt, welche ein soziales Verständnis haben. Aber das wird immer seltener. "Chappo"
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René Michel [Gast]
Geschrieben am
5. März 2012
Sehr geehrter Herr Schweizer
Ich bin erst 51 Jahre alt und bereits seit 4 Monaten auf Stellensuche! Nach einem Burnout musste ich die Stelle verlassen und seither stelle ich fest, dass wie Sie in Ihrem Kommentar vortrefflich feststellen, nur noch Mitarbeiter gefragt sind die zwischen 25 und 30 Jahr alt sind, Erfahrung eines 60jährigen mitbringen und den Lohn eines 20jährigen verlangen! Dann wäre man wieder überall gefragt! Danke für Ihren Beitrag Herr Schweizer.
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Dr. hr. Michael Eidel [Gast]
Geschrieben am
4. März 2012
Leider gibt es viel zu wenige solche Menschen. Danke an Herrn Müller, dass er sich für die Minderbemittelten und Benachteiligten so stark einsetzt. Vor so einem Mann hab ich alle Achtung. Wenn nur die geldgierigen (Gross-) Banken nicht immer in die andere Richtung arbeiten würden wäre die Welt ein Stück besser!
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