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Lesbische Mütter und schwule Väter

Gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern, so genannte Regenbogenfamilien, begegnen inzwischen auch den Heteros immer häufiger im Alltag, sei es auf dem Spielplatz im Quartier oder am Elternabend in der Schule. Wie gehen sie damit um? Das Migros-Magazin hat sich umgehört.


Julian hat zwei Mütter – na und?

Familie Gmür und Familie Max sind seit Jahren eng befreundet, und die Kinder spielen regelmässig zusammen. Vor zwei Jahren fiel Frederik erstmals auf, dass sein «Gschpänli» Julian zwei Mamis statt Vater und Mutter hat. Inzwischen findet er das ganz normal – zur Freude seiner Eltern.

Frederik (9) überlegt kurz: «Am Anfang fand ich es schon komisch, wie es sein kann, dass zwei Frauen Kinder haben. Aber ich habe dann meine Eltern gefragt: Die eine Frau muss vorher einfach mit einem Mann zusammen gewesen sein.» Heute findet er es nicht mehr seltsam, dass sein Spielgefährte Julian (6) und dessen jüngerer Bruder Adrian (2) zwei Mamis haben. «Ich fand ziemlich rasch, dass das genauso gut gehen kann.» Auch mit anderen Kollegen im Quartier hat er schon darüber geredet: «Die einen waren mega erstaunt, die anderen wussten, dass es das gibt.»

Tatsächlich gibt es auch in der Schweiz immer mehr gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern, sogenannte Regenbogenfamilien. Es kann also vorkommen, dass zwei Mütter oder zwei Väter auf dem Spielplatz ihr Kind beaufsichtigen oder am Elternabend in der Schule auftauchen. Und wenn die anderen Kinder dann Fragen stellen, müssen ihre Eltern sich etwas einfallen lassen.

Für Elena Siegfried Gmür (41) und ihren Mann Christian (42) war das kein grosses Problem. 2008 haben der Arzt und die Tierärztin Patricia (47) und Ivonne Max (40) kennengelernt. Damals standen alle am Helpdesk der Fluggesellschaft Iberia in Madrid und mussten ihren Weiterflug nach La Palma umbuchen, weil sie verspätet angekommen waren. «Sie standen vor uns und sprachen nur leidlich Spanisch. Ich konnte es ein bisschen besser, so kamen wir ins Gespräch», erzählt Christian Gmür. Obwohl es im Umfeld des Ehepaars Schwule und Lesben gab, war die Begegnung mit dem Frauenpaar etwas Besonderes. «Wir haben uns sehr schnell sehr gut verstanden, uns dann auch auf La Palma mehrmals getroffen und bald sehr persönliche Gespräche geführt», erinnert sich seine Frau. Aus der Ferienbekanntschaft wurde eine enge Freundschaft. Und als die beiden Frauen beschlossen, mit der Hilfe eines befreundeten Heteromanns ein Kind zu bekommen, freute es die Gmürs, dass es so rasch und problemlos klappte. Und wie selbstverständlich die wachsende Kinderschar miteinander spielte.

Patricia und Ivonne Max haben in ihrem Umfeld überhaupt nur positive Erfahrungen gemacht: «Für die Bürokratie ist es nicht immer ganz leicht mit uns, aber wir werden überall sehr freundlich behandelt.» Elena und Christian Gmür hingegen hören in ihrem Umfeld auch kritische Töne: «Es gibt schon vereinzelte Stimmen, die das ziemlich abartig finden – oder sagen, Kinder bräuchten einen männlichen und weiblichen Elternteil.» Sie erleben jedoch hautnah mit, wie Julian und Adrian aufwachsen, und haben diesbezüglich keinerlei Bedenken. «Die zwei kennen ihren biologischen Vater ja und haben auch sonst einige Männer im näheren Umfeld.» Bezeichnend ist auch, dass die beiden Buben wie alle anderen «Vater, Mutter, Kind» ­spielen, wie Ivonne Max erzählt, und nicht etwa «Mutter, ­Mutter, Kind» – die klassischen Rollenbilder sitzen also tief.

Ringen um rechtliche Gleichstellung

Diskutieren die Gmürs mit ihren skeptischen Freunden darüber? «Das nicht», sagt Elena Siegfried Gmür, «wir lassen das Thema dann eher ruhen. Man muss ja niemanden bekehren, und oft ist es eine ideologische Frage. Aber es befremdet mich, wenn Leute damit Probleme haben.» Jedes gleichgeschlechtliche Paar mache sich, wenn es sich ein Kind wünsche, garantiert viel mehr Gedanken als das durchschnittliche Heteropaar. Für die Hebamme Ivonne Max war es stets klar, dass sie Kinder wollte; ihre Frau, eine Sozialarbeiterin, musste erst überzeugt werden. Aber heute, mit zwei Kindern, sind sie sehr glücklich mit ihrer Entscheidung.

Sie gehören auch zu den wenigen gleichgeschlechtlichen Paaren in der Schweiz, bei denen beide offiziell Eltern sind. Rechtlich ist es nämlich so, dass Adoptionen bei eingetragenen Partnerschaften verboten sind. Immerhin die Stiefkindadoption, also die Anerkennung des gemeinsamen Kindes durch den nichtbiologischen Elternteil, wird inzwischen politisch ernsthaft diskutiert. Da sie in Deutschland bereits möglich ist und die beiden Frauen ihren Lebensmittelpunkt in Frankfurt am Main hatten, ist Patricia dort zu einem vollwertigen Elternteil geworden. Was die Schweizer Behörden nach einigem Hin und Her ebenfalls anerkannt haben.

Dass die Schweiz sich so schwertut mit Regenbogenfamilien, können die Gmürs nicht nachvollziehen: «Man sollte aufhören zu diskutieren und sie einfach gleichstellen, fertig.» Und wenn ihre Kinder fragen, geben sie ihnen eine «altersgerechte» Antwort. «Wir sind beide Mediziner, das fällt uns nicht schwer», erklärt Christian Gmür. Tochter Emilia (6) hat bereits damit angefangen, nur der Jüngsten, Camille (4), ist bei der befreundeten Familie noch nichts aufgefallen. «Ich empfinde unsere Freundschaft als echte Bereicherung – für uns, vor allem aber für unsere Kinder» , sagt Elena Siegfried Gmür. «Sie lernen so ganz automatisch, wie divers die Welt ist und dass es gilt, offen und respektvoll mit allen Menschen umzugehen.»

Spass in der Kinderkrippe Güxi in Richterswil ZH: Marcel Hodel (links) und sein Mann Craig Duncan mit dem gemeinsamen Sohn Tristan (Mitte).

Daddy und Papa machen es vor

Der kleine Tristan fühlt sich pudelwohl in der Kinderkrippe Güxi in Richterswil. Seinen beiden Vätern geht es genauso – die Krippenmitarbeiterinnen und die anderen Eltern haben die Regenbogenfamilie ohne zu zögern integriert.

In Neuseeland sind sie fast so etwas wie Berühmtheiten: Craig Duncan (39) und Marcel Hodel (45) waren das erste Schwulenpaar, das dort ein Kind adoptierte, kurz nach der Legalisierung von Ehen und Adoptionen für Homosexuelle 2013. Und weil sie Tristan (2) im Ausland ganz offiziell adoptiert haben, ist ihre Vaterschaft auch hier in der Schweiz behördlich anerkannt – obwohl Schwulen und Lesben in eingetragener Partnerschaft die Adoption eigentlich noch immer verwehrt wird.

Genauso problemlos war es, für Tristan eine Kinderkrippe zu finden. «Wir erhielten eine kleine Führung und hatten sofort ein gutes Gefühl» , sagt Marcel Hodel. Sie spürten keinerlei Vorbehalte gegenüber schwulen Vätern. Die gab es auch nicht, wie Colette Jourdan (43), die Leiterin der Kinderkrippe Güxi in Richterswil ZH, versichert. Und dies, obwohl sie zuvor noch nie eine Regenbogenfamilie in der Kinderkrippe hatte. «Ich finde diese Offenheit wichtig und bin auch so aufgewachsen», sagt Colette Jourdan. Dass die Eltern der anderen Krippenkinder irritiert sein könnten, habe ihren Entscheid nicht beeinflusst.

Colette Jourdan, Leiterin dern Kinderkrippe Güxi in Richterswil ZH.

Zu Recht. «Beim ersten Elterntreffen waren wir schon etwas nervös», sagt der gebürtige Neuseeländer Craig Duncan, der Schweizerdeutsch problemlos versteht und exzellentes Hochdeutsch spricht. «Als wir uns vorstellten, erwarteten wir betretenes Schweigen. Aber das war überhaupt nicht so – wir sind sehr freundlich aufgenommen worden.» Am meisten Fragen seien gekommen, wie sie das mit Tristan denn nun genau gemacht hätten.

Auch Jourdan hat nie irgendwelche kritischen Reaktionen seitens der knapp 50 anderen Elternpaare vernommen, unter denen es auch viele aus anderen europäischen Ländern hat. «Ich habe mich extra noch bei meinen Mitarbeiterinnen umgehört, aber auch ihnen ist nie etwas Negatives zu Ohren gekommen. Und das freut mich wirklich sehr. Ich hoffe, dass unsere positiven Erfahrungen für andere als Vorbild dienen. »

Die Kinder selbst sind ohnehin noch zu klein, um merkwürdig zu finden, dass ihr Gschpänli Tristan «Daddy und Papa» sagt und nicht «Mami und Papi». Einzig ein älteres Mädchen, das bald in den Kindergarten kommt, hat mal gefragt, wie das denn gehe – sich dann aber schnell damit zufriedengegeben, dass es das eben auch gebe, erzählt Jourdan.

Als Gastbrüder in Neuseeland kennengelernt

Produktmanager Hodel und Anwalt Duncan haben auch sonst bisher nur positive Reaktionen erlebt. «Sogar bei den Behörden, die oft zum ersten Mal mit einer Familie wie uns konfrontiert sind, stossen wir nur auf Freundlichkeit und Flexibilität», erzählt Hodel. Das hat schon früh angefangen. Kennengelernt haben die beiden sich nämlich schon 1996 in Neuseeland, als Hodel einen Sprachaufenthalt machte und bei einer Gastfamilie wohnte. Duncan war sein Gastbruder. «Aber wir wussten gegenseitig nicht, dass wir schwul sind, es war kein Thema.» Erst später outeten sie sich voreinander, verliebten sich und sind seit 1998 ein Paar. Nach einiger Zeit Fernbeziehung zog Hodel für zwei Jahre nach Neuseeland, 2002 entschieden sie sich, gemeinsam in der Schweiz zu leben.

Das Problem: Damals gab es keinen Weg, einen gleichgeschlechtlichen Partner legal ins Land zu bringen. «Also schrieb ich einen Brief an den Bundesrat, erklärte unsere Situation und fragte um Rat», erzählt Hodel. «Kurze Zeit später erhielten wir eine Sondergenehmigung, Craig bekam ganz offiziell als Ehepartner einen B-Ausweis.» Inzwischen ist er längst eingebürgert, und weil Hodel über eine permanente Aufenthaltsbewilligung in Neuseeland verfügt, haben sie quasi zwei Heimatländer, was dann auch Tristans Adoption ermöglicht hat.

«Wir haben schon früh in der Beziehung über Kinder gesprochen, aber das schien lange völlig unmöglich», sagt Duncan. Als die Chance sich dann ergab, ergriffen sie sie. Tristans Mutter ist eine Neuseeländerin, die mit ihrem Mann bereits drei Kinder hatte und das vierte zur Adoption freigab, um damit einem Schwulenpaar die Vaterschaft zu ermöglichen. Die beiden Familien sind heute eng befreundet.

Duncan und Hodel denken aber schon weiter: «Eigentlich hätten wir gern noch ein zweites Kind , etwa gleich alt wie Tristan. aber rechtlich bleibt es halt relativ kompliziert.» Trotzdem sind sie optimistisch, dass sie auch diesmal einen Weg finden werden. Eine passende Kinderkrippe hätten sie ja bereits.

Weitere Infos: Regenbogenfamilien.ch

 

Erschienen in MM-Ausgabe 5
1. Februar 2016

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8 Kommentare

Philipp Ubeländer [Gast]

Geschrieben am
26. Februar 2016

Guten Tag zusammen

Wirklich toller Beitrag

Ich stelle mich kurz vor: Mein Name ist Philipp Ubeländer. Ich bin verheiratet und Vater von 2 Kleinkindern (ein Junge, 3 Jahre, ein Mädchen, 5 Jahre). Meine Frau arbeitet jeden Tag 100 %, und somit habe ich die Tätigkeit eines Hausmannes übernommen. In den vergangenen Wochen habe ich eine Webseite erstellt; sie ist auch schon online: ein Forum für Väter und Männer, die Vater werden möchten. Der Grund, warum ich diese Webseite erstellt habe, ist der, dass ich immer Väter suchte, die dasselbe machen wie ich, oder eine Plattform, wo man sich austauschen kann.
Dies ist meine kleine Geschichte. Mehr finden Sie hier unter

http://www.forumfuervaeter.kinderbrockestuebli.ch

Mit freundlichen Grüssen
Herr Ubeländer Philipp

Theo Binder [Gast]

Geschrieben am
8. Februar 2016

Ich staune ja immer über die Leute, die mit Gottes Willen argumentieren. Sollte es diese reine Fantasiegestalt tatsächlich geben, müsste man ja wohl auch davon ausgehen, dass die Existenz von Lesben und Schwulen Seinem Willen entspricht, nicht? Und die von Ihm dann ebenfalls gewollte menschliche Willensfreiheit und Forschungsintelligenz hat nun wahrlich schon Schlimmeres hervorgebracht als Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen. Kommt hinzu, dass die überwältigende Mehrheit aller neutralen Studien zum Schluss kommt, dass bei diesen Kindern keine Defizite entstehen, im Gegenteil. Ihr einziges Problem sind jene Leute, die mit ihnen und ihren Eltern nicht klarkommen – umso mehr wenn sie sich dabei auf nicht existierende, übersinnliche Wesen berufen.

 

Martin Kuna [Gast]

Geschrieben am
12. Februar 2016

"Kommt hinzu, dass die überwältigende Mehrheit aller neutralen Studien zum Schluss kommt, dass bei diesen Kindern keine Defizite entstehen"

Dieses Argument habe ich oft gehört. Nach meinen eigenen Recherchen gibt es aber nur ganz wenige Studien zu diesem Thema die tatsächlich auf repräsentativen Stichproben beruhen (8 von ca. 100). Ältere Studien beruhen auch weitgehend auf den Selbstauskünften der primären Bezugspersonen, die nicht objektiv sind. Die neuere repräsentative Studien sind dagegen ein klares Indiz dafür, dass die Nullhypothese nicht stimmt.

Rolf Mäder [Gast]

Geschrieben am
4. Februar 2016

Wenn zwei Frauen ein Kind wollen,meiner Meinung nach Ihre Privatsache.Frage mich nur ob der befreundete Heteromann (Samenspender)weiss ,dass wenn diese Beziehung in die Brüche geht Er Alimente bezahlen muss.18 Jahre =ca.150000 Sfr.Dies betrifft übrigens in der Schweiz alle Samenspender.

 

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