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Bye-bye Vampir – hello Zombie!

Es hat sich schon länger abgezeichnet: Der Vampir, etwas blutleer und irgendwie zu nett geworden, hat seinen Zenit in Kino und TV überschritten, konstatiert Ralf Kaminski. En vogue als übernatürliche Schreckgestalt ist heutzutage der Zombie.

Schuld ist natürlich «Twilight» – oder zumindest mitschuldig. Die fünfteilige Teenie-Vampir-Romanze hat das ohnehin schon angeschlagene Image des Vampirs endgültig ruiniert. Einst gefürchtet als schreckliches, blutsaugendes Monster, das Jungfrauen verführt, kaltherzig leersaugt und am Ende gar noch zum Untotendasein verdammt, ist er heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Böse? Ach was. Grausam? Nicht doch. Blutsaugend? Wo kämen wir da hin? Eine Projektionsfläche für hormonell übersteuerte Mädchenfantasien ist er geworden. Siehe auch «The Vampire Diaries» oder «True Blood» (okay, da hats wenigstens auch ein paar Fieslinge).

Die Vampire von «30 Days of Night» nehmen eine Kleinstadt in Beschlag.  (Bild Columbia Pictures) Klar, es gab in den letzten Jahren auch ein paar Filme, die Gegensteuer zu geben versuchten. Der grossartige «30 Days of Night» (2007) etwa, in der eine blutrünstige Horde von Vampiren über eine Kleinstadt in Alaska herfällt, nachdem dort die ewige Nacht eingesetzt hat. Oder der aalglatte «Daybreakers» (2009), in denen die Vampire die Welt übernommen haben und die wenig verbliebenen Menschen nur noch als Nahrung dienen und in Blutfarmen gehalten werden. Aber die hatten natürlich gegen die romantischen Verwicklungen um Edward Cullen oder Stefan und Damon Salvatore keine Chance.

Der Vampir-Klassiker schlechthin: Murnaus «Nosferatu».  (Bild Prana Film) Und so ist der Vampirfigur also nach und nach ihre dämonisch-unheimliche Aura abhandengekommen. Wäre man früher einem Vampir begegnet, man wäre schreiend davongerannt (und dennoch nicht entkommen). Heute aber, heute schmachtet man ihn an und hofft auf einen Kuss und ewige Liebe (und die Chancen sind intakt, dass man sie kriegt). Dass er umwerfend gut aussieht, steht eh ausser Frage.

Da ist was ganz schön schiefgegangen. Mehr und mehr weichen Drehbuchautoren deshalb auf eine andere altgediente übernatürliche Schreckgestalt aus, die bis vor Kurzem etwas stiefmütterlich behandelt worden ist: den Zombie. Auch er ist ein Klassiker des Gruselfilms, aber seine Adaptionsfähigkeit zum romantischen Helden und feurigen Liebhaber ist doch deutlich reduziert. Der aktuelle Kinofilm «Warm Bodies» versucht das jetzt zwar trotzdem, aber obwohl mit dem hübschen Nicolas Hoult zweifellos Sehnsüchte geweckt werden können, scheint es unwahrscheinlich, dass nun Dutzende romantische Zombie-Verfilmungen auf uns zukommen (Gott sei Dank).

Denn der Zombie, anders als der Vampir, war noch nie edel, eloquent oder verführerisch. Er ist und bleibt eine wandelnde, verwesende Leiche, der Sprache (normalerweise) nicht mächtig und fokussiert nur auf eins: lebendes Fleisch (oder wahlweise Hirn). Schon immer gab es diese Filme, in denen Ortschaften, Städte oder die Welt von Zombies überrannt wurden. Die Klassiker von George A. Romero wurden mittlerweile mehrfach modernisiert, so entstanden Horrorfilme wie «28 Days Later» (2002) und clevere Parodien wie «Shaun of the Dead» (2004) oder «Zombieland» (2009).

Die Darsteller von «The Walking Dead».  (Bild AMC) 2010 aber wurde das Genre des Zombie neu definiert, und das ausgerechnet vom Fernsehen. Im Auftrag des US-Senders AMC adaptierte der renommierte Drehbuchautor und Regisseur Frank Darabont die Comicbuchserie «The Walking Dead» und machte daraus ein apokalyptisches Drama mit Zombies, das in den USA bereits in der dritten Staffel läuft, Ende nicht in Sicht. In der Serie sind die Zombies, wie es sich gehört, hirnlose, halb verweste Killer, die von den verbliebenen Menschen gefürchtet und wenn nötig zerstört werden. Aber eigentlich sind die «Walking Dead» fast Nebenfiguren, es geht vor allem darum, wie eine kleine Gruppe von Überlebenden versucht, mit dieser neuen, furchtbaren Welt klarzukommen, wie unter der steten Todesgefahr Beziehungen, Freundschaften und Feindschaften entstehen, sich entwickeln und zerbrechen. Eine Zombie-Serie mit menschlichem Tiefgang sozusagen.

Dient weniger als Schmacht-Objekt: Zombie aus «The Walking Dead».  (Bild AMC)

Und nun kommt auch noch Brad Pitt. Der Hollywood-Superstar spielt diesen Sommer die Hauptrolle in dem mit Spannung erwarteten Blockbuster «World War Z» von Marc Forster (ab 27. Juni bei uns im Kino). Die Story basiert lose auf dem gleichnamigen Roman von Max Brooks aus dem Jahr 2006. Darin ist der Krieg gegen die Zombies seit zehn Jahren beendet, die Menschen haben ihn knapp gewonnen und beschäftigen sich nun mit der Aufarbeitung des jahrelangen Kampfs, ein äusserst ungewöhnlicher Ansatz, der sich auch mit gesellschaftlichen Bedingungen und politischen Fehlentscheiden auseinandersetzt. Der Film macht aufgrund des Trailers einen etwas konventionelleren Eindruck und fokussiert, soweit sich das beurteilen lässt, auf den Beginn des Kriegs gegen die untoten Horden.

Der Zombie ist also derzeit mächtig en vogue. Was vielleicht auch daran liegt, dass er im Zeitalter des ständig zu erwartenden Weltuntergangs (Maya-Kalender, Klimakatastrophe, Meteoriten etc.) die viel bessere Projektionsfläche ist. Wenn Vampire nur noch romantische Schmachtgefühle auslösen, lässt uns wenigstens die Zombie-Apokalypse auf dem Sofa oder im Kinosessel wohlig erschauern.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 10
4. März 2013

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