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Oben ohne

Am Anfang machten wir es nur auf der Couch oder im Bett. Dann wurden wir mutiger. Wir versuchten es im Auto, in einer Umkleidekabine und auf einer Parkbank. Nach einigen Wochen fielen bei uns auch die letzten Hemmungen. Einkaufszentrum, Starbucks, S-Bahn – dauernd sass ich quasi einseitig oben ohne an einem öffentlichen Ort und gab meinem brüllenden Baby die Brust. Und zwar, bis es still war. Deswegen heisst es ja auch Stillen. So einfach ist das. Heute kann ich sagen: Meine Brüste haben die Welt gesehen. Können Sie das auch von Ihren Brüsten behaupten?

Schon klar, Muttermilch finden alle irgendwie okay. Aber dass das Zeug in weiblichen Brüsten produziert wird, ist für manche Menschen igitt. Stillen ja, aber bitte nur in den eigenen vier Wänden und bei gelöschtem Licht. Wenn Mamas jedoch vor den Augen der Welt den BH-Clip öffnen und ihre teilweise monströs grossen Milchbrüste auspacken, dann hört für viele Zeitgenossen der Spass auf. Und was machen wir Frauen? Wir fügen uns und stellen die Befindlichkeiten älterer Herren über die unseres Kindes. Anfangs bin ich auch mit dem plärrenden Bündel im Wagen noch kilometerweit nach Hause gelaufen. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll. Von da an bekam das Baby immer dann Muttermilch, wenn es hungrig war. (Da sich Säuglinge trotz anders lautender Gerüchte nicht an Absprachen halten und auch die Uhr nicht kennen, glaube ich, dass das ein weiser Entscheid war.)

Logisch, dass eine Mutter, die auch unterwegs stillt, viel zu erzählen hat. Mein witzigstes Erlebnis ging so: Ich lief mit meiner ungefähr drei Monate alten Tochter durch die Limmatstadt. Ida wurde unruhig, saugt an ihrer Faust und warf das Köpfchen hin und her. Still-Handbuch, Seite 1: Das Kind ist am Verhungern. Ich sah mich also nach einer Sitzgelegenheit um. Direkt vor uns lag das Hauptgeschäft von Franz Carl Weber, dem Baby- und Kinderspielzeug-Giganten. Die müssen einfach eine Stillecke haben, dachte ich. Hatten Sie auch. Die Mutter-Zone bestand aus einem Stuhl, der unter einem Lautsprecher stand. Während Christina Aguilera «Voulez-vous coucher avec moi» fragte, wurde meine Brust von einem riesigen Halogenspot angestrahlt. Ja nun, hätte mich jetzt nicht gestört. Was aber irritierend war, waren die Zuschauer. Der Stillstuhl stand nämlich unterm Treppenaufgang vis-à-vis von der Herrentoilette. Bei so viel Unterhaltung hatte Ida dann plötzlich keinen Hunger mehr.


Mamamap
Stillen ist ein Lernprozess für Mutter und Kind und benötigt einen gewissen Schutz und Ruhe. Wir Mamis können aber nicht nur daheim sitzen und auf den Hunger des Babys warten. Es muss auch unterwegs möglich sein, Stillpausen zu machen. Öffentlich zugängliche Stillorte sind ideal dafür. Seit wenigen Monaten gibt es die Gratis-App Mamamap. Die Schweizerische Stiftung zur Förderung des Stillens führt dort eine Liste öffentlich zugänglicher Stillorte, an denen Mutter und Kind grundsätzlich willkommen sind. Das kann ein nettes Café, eine Bibliothek oder auch eine Apotheke sein. Die Karte kann übrigens auch um Neueinträge erweitert werden.

www.mamamap.ch
(Im App-Store für iPhones oder bei Google Play für Android-Handys unter Mamamap. )

 

Erschienen in MM-Ausgabe 2
7. Januar 2013

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Die Kolumnistin

Der ganz normale Familienwahnsinn

Bettina Leinenbach (39), Journalistin und zweifache Mutter, schreibt wöchentlich für das Migros-Magazin und Migrosmagazin.ch.

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17 Kommentare

Verena Fischer [Gast]

Geschrieben am
20. April 2013

Gute Idee, das mit der Map!
Göärnischzentrum, Migros Glarus wäre auch zentral in Glarus!!
Da vermisste ich vor vielen Jahren einen Wickeltisch im WC im Keller unten! Eine Mutter mit zwei Kleinkindern wickelte ihr Kind an einem Wintertag auf dem Boden vor dem Brünneli! Die Haare des Säuglings lagen im Pflotsch auf dem Boden. Sie meinte kühn (kämpferisch): Das macht mir gar nichts aus!
Aber ich fand das total entwürdigend! Zudem liefen in dem kleinen Räumchen ständig Leute rein und raus!

marcello moser [Gast]

Geschrieben am
27. Januar 2013

Hallo Liebe Mütter
Ihr wundert Euch, dass ich als Mann mich melde. Per Zufall stiess ich auf diese Seite. Ich kann Euch nur ermuntern das Stillen in unserer Gesellschaft als was ganz normales anzusehen. Als Vater von 5 Kindern und in der Zwischenzeit noch Grossvater bin ich voll dafür, dass Kindern das Recht auf dieses wunderbare Geschenk der Natur nicht vorenthalten wird. Wieviel Gutes erfährt das Kind beim Stillen und wird in frühen Jahren schon auf die Welt vorbereitet indem es Vertrauen lernt und Zuneigung erfährt. Abgesehen von all den positiven Abwehrkräften welche durch die Muttermilch dem Baby zugeführt werden kann. Ich persönlich habe vor jeder stillenden Mutter eine hohe Achtung und sehe die Würde einer Mutter die in der wunderbaren Einheit mit dem Säugling ist eine nie wiederkehrende Möglichkeit diesem neuen Leben Liebe und Vertrauen zu vermitteln, ja Zeit zu schenken.

susanne brun [Gast]

Geschrieben am
17. Januar 2013

Ich freue mich immer, wenn ich stillende Mütter sehe. Das ist einfach ein lieblicher Anblick!

 

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