Königreiche sind vorsichtig zu betreten
Ich erinnere mich: Es läutet. Andri steht vor der Tür und Badou, meine neue Liebe damals, öffnet ihm. Sie sind sich gleich sympathisch. Und schon können sie zusammen liebevoll spotten, über meinen Sitz am Küchentisch. Oder ist es mehr ein Thron? Ich muss zugeben, ich wäre nicht begeistert, wenn er schon am Morgen besetzt wäre. Das ist mein Platz. Und kein Untermieter hat ihn mir bis jetzt streitig gemacht.

In einem Kurs mit Frauen haben wir uns Gedanken gemacht, wer in unseren Familien eigentlich wo sein Territorium hat. Ein Territorium ist ein Platz, der von den andern respektiert wird. Niemand setzt sich einfach an Ihren Schreibtisch und fängt an, alles umzustellen. Wir spüren unsichtbare Grenzen. Jugendliche legen viel Wert darauf, dass auch Eltern diese respektieren und anklopfen, wenn sie in ihr Zimmer kommen.
Wo haben wir Frauen unser Territorium? Zuerst meint eine der Frauen: «In der Küche, beim Mixer. Wo denn sonst?» Als wir jedoch genauer hinschauen, sehen wir, dass wir es sind, die den Innenbereich der Wohnungen gestalten und bestimmen, was wo hinkommt, was wo bleibt.
Aber wo haben eigentlich unsere Männer ihr Territorium? Als wir darüber nachdenken, wird es zuerst still, und dann müssen wir lachen. Eine Frau sagt: «Beim Schuhkästchen im Gang». Oder in der Garage? Im Keller? Im Auto? Für viele Frauen ist es immer noch nicht leicht, in der Wirtschaft ihren Platz zu erobern. Vielleicht ist es umgekehrt für die Männer nicht einfach, diesen in den Familien zu finden?
KÖNIGREICH KÜCHE
Wo ist die kleine Pfanne?
Er kauft das Öl
das sie nie kauft
Warum stellt er die gewaschenen Löffel
rechts in den Topf
statt links?
Seit Jahren sind sie links
Alles hat schliesslich
ihre Ordnung
Königreiche
sind vorsichtig zu betreten
*
Für Männer ist Vorsicht angezeigt. Auch für unsere Untermieter?
*
Sylvia Frey Werlen: Wie Ingwer bist du.
Liebesgedichte.
www.karpfenverlag.ch
Erschienen in MM-Ausgabe 10
4. März 2013
DIE KOLUMNISTIN
23 Untermieter aus elf Nationen

Als ihre Kinder ausflogen, beschloss Sylvia Frey Werlen, zwei Zimmer ihres Basler Hauses zur Untermiete auszuschreiben. In den vergangenen elf Jahren hat sie 23 junge Menschen aus elf Nationen beherbergt – was sie dabei alles erlebt, schildert sie in ihrer neuen Online-Kolumne.
www.karpfenverlag.ch
www.badou-peintre.ch
23 Untermieter aus elf Nationen
Als ihre Kinder ausflogen, beschloss Sylvia Frey Werlen, zwei Zimmer ihres Basler Hauses zur Untermiete auszuschreiben. In den vergangenen elf Jahren hat sie 23 junge Menschen aus elf Nationen beherbergt – was sie dabei alles erlebt, schildert sie in ihrer neuen Online-Kolumne.
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