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Tage wie diese

Bänz Friedli sieht nicht schwarz. Mitnichten.

Seinen neuen Brieffreunden hat Hans bereits geschrieben. Mehr noch: Er hat am Laptop einen Film von den gemeinsamen Tagen im Snowboardkurs geschnitten — die schönsten Stürze, die kühnsten Sprünge, die dümmsten Sprüche. Seit unserer Rückkehr sass er jede freie Minute darüber. Den Film hat er dann mit Klängen seiner geliebten Toten Hosen vertont — «An Tagen wie dieeeesen …» —, mit witzigen Schriftkommentaren versehen, zuletzt fixfertige DVDs samt Navigationsmenü gebrannt, und ab die Post. Sie! Der Film ist der Hammer. Hätte ich mit zwölf nicht gekonnt. Es gab damals noch keine Navigationsmenüs, gewiss. Es gab überhaupt noch keine Computer im Alltag — aber das ist es ja gerade: Dank der neuen Möglichkeiten sind die Jugendlichen heute so flink, so reif, so schlau. Wenn ich sage: «Hätte ich mit zwölf nicht gekonnt», meine ich nicht nur, dass wir auf der Piste keine klitzekleine Kamera dabei hatten, sondern auch, dass ich zu solch einer schöpferischen Leistung nicht imstand gewesen wäre, weder technisch noch geistig. Noch mal, und ich sag es jetzt grad extra pauschal: Die Jugendlichen sind schlau und kreativ.

Digitale Demenz? Das ist Unfug. Das Gegenteil wird ja gern behauptet, genauso pauschal. Es schreibt und liest sich halt so schmissig: Die heutige Jugend sei am Verblöden, und schuld seien die Handys und die Computer. Das Schlagwort von der «digitalen Demenz» macht die Runde, um eine Generation zu brandmarken, die nicht mehr klar denken, sich nicht ausdrücken, nicht mehr konzentrieren könne. Unlängst beklagten sich die Kolumnistenkollegen Bardill und von Rohr in anderen Presseerzeugnissen über die «digitale Demenz» der Jungen, und ich weiss nicht, wer es dem anderen abschrieb oder ob sie es alle beide von dem deutschen Plauderi hatten, Manfred Spitzer mit Namen. Der behauptet in einem Buch, die elektronischen Medien machten dumm. Das Gehirn würde nur dann trainiert, wenn man es wirklich fordere, und das sei beim oberflächlichen Hinwegsurfen über Bildchen und Informatiönchen, wie die Jungen es betrieben, nicht der Fall. Der Mann müsste mal dem Hans beim Erstellen eines Films zuschauen. Dumm? Passiv? Oberflächlich? Von wegen!

Digitale Demenz? Das ist Unfug.

Meine Beobachtung ist: Dank digitaler Medien sind die Kinder aufnahmefähig. Sie wissen verdammt viel, sind flexibel, gewieft, beschlagen. Vor einigen Tagen stand morgens am Familienanschlagbrett mit dickem Filzstift geschrieben: «Dringend! Wir! brauchen! einen! neuen! Drucker!» Der Bub hatte vergeblich versucht, den Krimi auszudrucken, den er sich für den Krimiwettbewerb an der Schule ausgedacht hatte. Ich nichts wie los, kaufe irgendeinen Drucker — ich kenn mich da nicht so aus, weiss nur, dass die Patronen dann sauteuer sind. Am Mittag installiert Hans das Ding, kommentiert fortlaufend: «Wow, was der alles kann! Schau, Vati, Scannen, Zoomen! Und ‹Wäi-Fäi›!» Er murmelt weiter vor sich hin. «Aha, der spricht mit einem, sagt stets, welches der nächste Schritt ist …» Ein selbst erklärender Drucker, offenbar. Auf dem Display erscheint: «Jetzt bitte Tintenpatrone Yellow einsetzen.» Dann: «Bitte warten.» Und so weiter. «Gäbig», findet Hans, «da muesch nid usefinge wie bimene Bébé, wo grännet: Hets äch Hunger?»

Digitale Demenz? Das ist Unfug. Als ich klein war, wurde vor dem Fernsehen gewarnt. Und ich finde, ich sei trotzdem ganz okay herausgekommen.

Bänz Friedli live: 6.3. Egerkingen SO, 8.3. Luterbach SO, 11.3. Winterthur.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Erschienen in MM-Ausgabe 10
4. März 2013

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26 Kommentare

Danielle Bichsel [Gast]

Geschrieben am
24. März 2013

Lieber Bänz Friedli
Kompliment, dass dein Hans die elektronischen Errungenschaften so meisterlich zu nutzen weiss. Das ist sicher auch dein Verdienst, indem du deine Kinder förderst und unterstützt. Aber bestimmt weiss du, dass es auch Jugendliche mit "digitaler Demenz" gibt.
Es ist wie überall auch in diesem Bereich einmal mehr eine Frage des Wie, des Was und des Wieviel.
Weiterhin viel Freude mit deinen Kindern und all den anderen reizenden Jugendlichen!

Rena Riva [Gast]

Geschrieben am
11. März 2013

Lieber Bänz Friedli. Besten Dank für diesen Beitrag. Sie sprechen mir aus dem Herzen. Meine zwei Jungs (11 und 17) nutzen den Computer und die Playstation rege und sind keinesfalls "verblödet". Beide sind auch absolute Leseratten und betreiben gerne Sport.
Nur weil viele Eltern den Fernseher, Computer oder Spielkonsolen als Ersatzbabysitter benutzen und somit ihre Verantwortung abschieben, muss man nicht gleich das Medium verteufeln.
Mein älterer Sohn hat mir z.B. gestern erzählt, dass er jetzt öfters russische Zeitungen per Internet liest um mal eine andere Sichtweise auf das weltpolitische Geschehen zu erhalten. Man kann also durchaus sinnvolle Sachen mit dem PC machen. Okay, die Playstation benutzen sie zum "gamen".
Ich sehe aber oft wie andere Leute ihre Kinder mit dem Satz "Lass mich in Ruhe und gehe nach draussen spielen." auf die Strasse abschieben und gleichzeitig über die elektr. Medien schimpfen. Ich habe meine Zweifel, ob die Kinder mehr lernen, wenn sie auf den Strassen herumlungern. Wenn wir Eltern unsere Vorbildfunktion wahrnehmen, Grenzen setzten beim Medienkonsum und zur Unterstützung da sind, wenn Fragen auftreten, werden auch diese neuen Medien keine Gefahr für die geistige Reife unsere Kinder darstellen. Aber abgesehen davon, muss nicht alles im Leben pädagogisch wertvoll sein, sondern darf ab und zu einfach mal Spass machen. ;-)

Eliane Wälti [Gast]

Geschrieben am
7. März 2013

Lieber Bänz Friedli, ich arbeite in einer Berufsschule und habe tagtäglich mit vielen Jugendlichen Kontakt. Bitte vergessen Sie nicht, dass Ihre Kinder das Glück haben, gefördert und auf eine gesunde Art auch gefordert zu werden. Sport und Klarinette spielen finden da auch noch Platz. Aber es gibt eben auch die anderen: Kleben am i-phone, nichts geht mehr ohne! Und wehe, es geht einmal eines dieser Dinger verloren, hysterische Anfälle sind übliche Reaktionen. Ein grosser Teil der Jugend ist verloren ohne digitale Unterstützung. Ich finde zum Beispiel ein Navi auch praktisch, ich habe jedoch noch gelernt, eine Strassenkarte zu lesen und kann mich geographisch zurechtfinden. Bei vielen Jugendlichen jedoch hat der Gebrauch dieses Gerätes zur Folge, dass sie nicht mal mehr wissen wo ein angepeilter Ort liegt, das Navi führt sie ja hin!

 

Der Hausmann [Gast]

Geschrieben am
8. März 2013

Liebe Eliane Wälti, ich weiss, was Sie meinen – aber an diesen Missständen ist nicht das MEDIUM schuld. Sondern die Eltern, die ihre Verantwortung nicht machen. Diese Kinder wären auch ohne digitale Ablenkung sozial verwahrlost. Und das gab es auch schon vor 40 Jahren … Mich stört nur, dass man das Medium verteufelt, statt über die Ursachen zu reden.

 

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