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Ertappt!

«Sie sind doch der von der Kolumne?», haut mich am Hauptbahnhof eine freundliche Wildfremde an. Sie müsse jedes Mal an mich denken, wenn sie die Bettwäsche der Hochbetten wechsle. «Sii händ doch mal gschribe …» All die Herren Manager und Bürolisten, die gern mit ihren hoch anspruchsvollen Jobs herumblufften, die hätten keine Ahnung, wie saukompliziert das Einbetten eines Hochbetts sei. «Händ Sii gschribe, gälled Sii?», frohlockt die Frau. Gerade gestern habe sie wieder an mich gedacht. Ich lächle, bedanke mich und denke bei mir: «Shit.» Erstens, weil ich mich nicht mehr erinnern kann, dies geschrieben zu haben. Zweitens, weil …

Ertappt! Ich fühle mich grausam ertappt. Jesses, wie lange habe ich Anna ­Lunas Hochbett — eingedenk dessen, dass es tatsächlich ein obermühsames Gemurkse ist, auf der Leiter balancierend die Bettwäsche zu wechseln — nicht mehr frisch bezogen? Zwei Wochen? Drei? Fünf gar? Kaum daheim, reisse ich sämtliche Laken von den Betten, stürme damit in die Waschküche und treffe dort auf eine Nachbarin, die gerade die Leibchen zweier gesamter Juniorenfussballteams zum Trocknen aufhängt und klagt, es sei ein bisschen streng, dieser Tage.

«... die stressigste Zeit des Jahres!»

Ein bisschen? Es ist ¡*%**#¿¢∆∫*!-tami streng. Denn es ist wieder Sommeradvent — die stressigste Zeit des Jahres. Klarinettenschlusskonzert hier, Handorgelschlusskonzert da, Pfadigrillfest dort; Veloprüfung, Fussballklubfest (Meisterinnen! Cupsiegerinnen! Bravo, Girls!!), dazu Sporttage, Exkursionen, Vorträge; Steinzeitwoche in der Schule (Mitarbeit der Eltern erwünscht!), Familiengottesdienst, Sommerparty am Arbeitsplatz meiner Liebsten, Infoabend für den Konfirmationsunterricht, Schulabschlussfest. Mal heisst es: Züpfe backen, mal: Chabissalat mitbringen. Verpflichtungen sonder Zahl … Und dann waren noch jede Menge Prüfungen zu büffeln, weil manch ein Lehrer gemerkt hatte, dass für eine ausreichende Zeugnisbeurteilung Noten fehlten.

... die stressigste Zeit des Jahres!

Kurzum, die Wochen vor den Sommerferien sind wie immer atemlos. Und es wird zunehmend schwierig, die Kinder frühmorgens zum Aufstehen zu motivieren; Diagnose: quartalsmüde. Dass sämtliche Player — Sportverein, Schule, Pfadi, Kirche, Musikschule — ihre Sache für die allerwichtigste halten, ihr Training also für unschwänzbar, ihre Theaterprobe für absolut unabdingbar, ihre Grillparty für die weltweit einzige, sei niemandem verübelt. Aber ein Mü mehr Verständnis dafür, was Familien mit Schulkindern Ende Juni, Anfang Juli so alles um die Ohren haben, wäre manchmal hilfreich. Dass freilich der Vater — also ich — nebenbei noch ein Grümpelturnier organisiert, das dann gleich nach den Ferien steigt und also tipptopp vorbereitet sein will, da ist er selber schuld. (Findet die Mutter. Sie hat recht.)

Zettelwirtschaft! «Pokal bester Goalie!», steht auf einem, «Zeitungen und Gemüse-Abo abbestellen! GAs deponieren!» auf dem anderen, «Pässe, Tickets, Einreiseunterlagen!» auf dem dritten Zettel. Dazu die übliche Packliste: Badezeug, Taucherbrillen, Fotoapparat, Bücher, Plüschtiere (durchgestrichen), Plüschtiere (mit anderem Stift in anderer Schrift wieder hingekritzelt), Kartenspiele, Reiseapotheke … und so weiter. Aber ich jammere nicht, echt jetzt. Denn ab Samstag schlafe ich täglich in frischer Wäsche. Und muss nicht mal selber einbetten.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Erschienen in MM-Ausgabe 28
9. Juli 2012

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4 Kommentare

ich wisch mir den Schweiss ab [Gast]

Geschrieben am
16. Juli 2012

Lieber Bänz

ich wisch mir an dieser Stelle den Schweiss von der Stirn und bin unheimlich dankbar zu hören, dass es noch anderen so geht. Den "Sommeradvent" haben wir umgehend in unseren Sprachgebrauch eingefügt :-)

Halt die Ohren steif und eine frohe Ferienzeit

California Blue [Gast]

Geschrieben am
12. Juli 2012

¦Lieber Bänz, ich weiss, der „Sommeradvent“ ist eine anstrengende Zeit. Geniesse sie trotzdem, solange sie noch andauert. Es geht nämlich so schnell – nur gerade einen Wimpernschlag – und schon sind die Kinder gross resp. „erwachsen“. (Dieses Wort hört sich immer noch etwas fremd an in meinen Ohren). Dann denkt man mit Wehmut an all die Musikvorträge mit schief tönenden Geigenklängen, verpatzten Trompetensoli, an die „Mami, bachsch nu gschnell en Chueche“ für den Pfadi-Elternabend und alle anderen Verpflichtungen. Jetzt geniesse ich die Vorzüge, keine schulpflichtigen Kinder mehr zu haben; das heisst Ferien machen ausserhalb der Hauptsaison. Da ist es ruhiger und natürlich erheblich günstiger. Einziger Nachteil: ich habe meine Sommerferien bereits schon hinter mir... ;-)

Verena Meier [Gast]

Geschrieben am
11. Juli 2012

Zugegeben: s'besseret langsam, schliesslich sind die zwei Grossen in der Lehre und der Jüngere ("klein" ist auch er nicht mehr!), verwehrt mir vehement jegliche Fürsorge, aber waschen, den Garten Jäten, Einkaufen und was so alles sonst noch vor den Ferien erledigt sein muss, darum muss ich mich natürlich immer noch selber kümmern! Ausserdem macht der Papi gerade jetzt besonders viele Überstunden, die Kaffeemaschine ist kaputt, beim Glaskeramik-Kochfeld ist eine Platte ausgestiegen und die Lampe überm Esstisch ist voller toter Fliegen (Apropos fliegen: Wir verreisen mit der Bahn, 2. Klasse!) Dann war da das Jugendfest, die Zeugnisse, und die Festivals, welche die Grossen besuchten und von welchen sie bloss noch die Hälfte nach Hause gebracht haben! Du hast durchaus recht mit dem "Sommer-Advent", wirklich sehr passend! Wir Hausfrauen sind Ferinreif! Ich freue mich schon auf die ferienwohnung, wo ich die Betten mit Wäsche frisch beziehen kann, die ich nicht auch noch selber waschen musste!
Schöne Ferien!

 

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