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«Ich glaube, dass sich Humor und Intelligenz durchsetzen»

Der deutsche Philosoph Michael Schmidt-Salomon ist optimistisch für die Zukunft der Menschheit. In seinem neuen Buch «Hoffnung Mensch» erklärt er, weshalb, und plädiert für «brennende Geduld».


Michael Schmidt-Salomon, in der westlichen Welt hat sich in den letzten Jahren eine gewisse Untergangsstimmung breitgemacht. Ist das ein Grund für Ihr neues Buch?

Ja. Offenkundig nehmen wir negative Nachrichten sehr viel stärker wahr als positive. Deshalb habe ich mit dem Zukunftsforscher Robert Jungk schon in den frühen 90er-Jahren darüber nachgedacht, eine Agentur zur Verbreitung positiver Nachrichten zu gründen. In gewisser Weise setze ich da wieder an. «Hoffnung Mensch» ist aber auch eine Fortsetzung meines letzten Buchs «Keine Macht den Doofen», das ein gnadenloser Verriss der Menschheit ist. Ich hätte das neue Buch sicher nicht schreiben können, wenn ich nicht zuvor ­meine Enttäuschung über die «Schwarm- dummheit» unserer Spezies zum ­Ausdruck gebracht hätte.

Woher kommt der Pessimismus im reichsten Teil der Welt, der einen historisch einmaligen Wohlstand geniessen darf?

Wer viel hat, hat auch viel zu verlieren. Westeuropa ist die stabilste, gewaltfreiste und liberalste Region, die es in der Menschheitsgeschichte je gegeben hat – entsprechend gross sind die Ver­lust­ängste.

In Ihrem Buch sind Sie dezidiert der Ansicht, dass die enormen Fortschritte der letzten 150 Jahre so weitergehen können. Woher kommt Ihr Optimismus?

Wenn man nur aus der eigenen Zeitperspektive schaut, neigt man viel eher zur Resignation, als wenn man eine umfassendere evolutionäre Perspektive einnimmt. Wir vergessen leicht, wie wenig die Menschheit noch Anfang des 20. Jahrhunderts über die Welt wusste, wie lückenhaft damals die medizi­nischen Kenntnisse waren. Zudem gab es kaum Demokratien, der Rassismus boomte, und der Krieg wurde mit einem Enthusiasmus begrüsst, als handle es sich um ein internationales Sportfest. Ich behaupte keinen Fortschrittsautomatismus, aber eine Tendenz zum Fortschritt ist unverkennbar. Natürlich schützt uns das nicht vor zivilisato­rischen Einbrüchen wie jenem am Ende der Antike. Die Europäer waren im Jahr 800 weit rückständiger als im Jahr 300.

Westeuropa ist die stabilste, gewaltfreiste und liberalste Region, die es in der Menschheitsgeschichte je gegeben hat.
Was müssen wir tun, damit uns solche Einbrüche nicht wieder passieren?

Ein wesentlicher Faktor damals war der Zusammenbruch des Bildungssystems. Das sollte uns eine Warnung sein – in diesen Bereich müssen wir viel mehr ­investieren. Ein grosses Problem ist auch die soziale Ungleichheit. Hier hat sich die Situation in den letzten Jahren leider eher verschlechtert als gebessert.

Sie zitieren Michelangelo: «Die grösste Gefahr für die meisten von uns ist nicht, dass wir hohe Ziele anstreben und sie verfehlen, sondern dass wir uns zu niedrige setzen und sie erreichen.» Ist es das, was wir tun?

Ja, das tun wir häufig. Das Problem ist: Wenn wir unsere Potenziale unterschätzen, werden wir sie auch nicht entfalten können und notgedrungen unter unseren Möglichkeiten leben.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass wir uns überhaupt zu etwas aufraffen können. Das Leben ist kurz, und kaum sind wir tot, sind wir vergessen. Das halten wir nur aus, weil wir es täglich erfolgreich verdrängen, oder?

Verdrängung ist eine Option, aber es gibt bessere Alternativen: Aus der Auseinandersetzung mit unserer Vergänglichkeit haben die Epikureer schon vor mehr als 2000 Jahren die Losung «Carpe diem» («Pflücke den Tag») entwickelt. Wenn einem klar ist, dass die eigene Existenz nur ein winziger Spalt ist zwischen riesigen Zeiträumen des Nichts, bekommt dieser kleine Spalt eine besondere Bedeutung. Nach allem, was wir wissen, ist das Leben eine einmalige Gelegenheit – wer sie nicht nutzt, hat alles verpasst, was es zu verpassen gibt.

Sie plädieren für einen «evolutionären Humanismus». Was verstehen Sie darunter?

Der evolutionäre Humanismus will ­jegliche Form von Diskriminierung überwinden – alle Menschen sollen ihre Vorstellungen vom guten Leben verwirk­lichen können, gleich, welche Hautfarbe, Religion oder sexuelle Orientierung sie haben. Im Unterschied zum traditionellen Humanismus sieht der evolutionäre Humanismus den Menschen allerdings nicht als «Krone der Schöpfung», sondern als zufällig entstandenes Produkt der Evolution. Und das hat ethische Konsequenzen: So versuchen evolutionäre Humanisten, den «Speziesismus», die Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit, zu überwinden und einen faireren Umgang auch mit Tieren zu entwickeln.

Michael Schmidt- Salomon
Eine grosse Hürde ist ja, dass wir uns nicht global als eine einzige grosse Familie wahrnehmen, sondern in Gruppen denken. Wird sich das je überwinden lassen?

Es hat fatale Konsequenzen, wenn Menschen auf vermeintliche Gruppenidenti­täten festgenagelt werden: der Deutsche, der Türke, der Muslim, der Ausländer. Wenn wir den Kampf der Kulturen verhindern wollen, müssen wir solch einseitige Identitätsabgrenzungen überwinden und uns vergegenwärtigen, dass wir allesamt kulturelle Mischlinge sind. Glücklicherweise gibt es immer mehr Menschen, die mit Thomas Paine sagen können: Die Welt ist mein Land und Gutes zu tun meine Religion.

Aber die Zahl der Weltbürger nimmt doch nur in bestimmen Schichten und Gruppen zu.

Das Internet gibt auch weniger privilegierten Menschen die Möglichkeit, die Welt kennenzulernen. Natürlich sind wir evolutionär gesehen Kleingruppenwesen, Teamplayer bezogen auf unsere Gruppe. Doch als die empathischsten Tiere auf diesem Planeten sind wir schnell bereit, anderen zu helfen – sofern wir nicht ideologisch in eine ­andere Richtung geeicht wurden. Bemerkenswert ist, wie sehr sich die Empathie­grenzen im Verlauf der kulturellen Evolution erweitert haben: Zunächst galt Mitgefühl nur den Mitgliedern der eigenen Horde, später der eigenen Ethnie oder Nation, mit der UN-Menschen­rechts­erklärung allen Menschen. Mittlerweile sind wir dabei, auch diese ­Grenze zu überwinden. Das ist ein bemerkenswerter Fortschritt – auch wenn er längst nicht überall angekommen ist.

Sehen wir jetzt nicht gerade in Europa eine Rückkehr nationaler Gefühle? Viele fürchten sich vor zu vielen Rumänen und Bulgaren im eigenen Land, EU hin oder her.

Man sucht gerne nach Sündenböcken, wenn die ökonomischen Verhältnisse nicht stabil sind. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass sich das verschärft, wenn wir die zugrunde liegenden Probleme nicht lösen. Dann werden ethnozentrische und religiöse Ideologien verstärkt Auftrieb erhalten.

Als Humanist muss man daran glauben, dass sich die Dinge verbessern werden, ansonsten wird man leicht Zyniker.
Sie plädieren für «brennende Geduld»: ­Positive Veränderungen passieren langsam, aber sie passieren, wenn wir sie fordern und ­entsprechend leben. Was raten Sie den Ungeduldigen?

Was mir geholfen hat, ist der Blick auf die grossen Zeiträume. Er verdeutlicht die Fortschritte, die wir bereits erzielt haben und auch weiter erzielen werden. Wichtig ist zudem, Verständnis für ­diejenigen zu entwickeln, die mit dem Tempo der Veränderungen nicht schritthalten können. Wir sollten uns dabei ­bewusst machen, dass jeder von uns nur der sein kann, der er aufgrund seiner ­Lebenserfahrungen sein muss. Wer das akzeptiert, kann sowohl mit seinen eigenen Schwächen als auch mit den Fehlern der anderen entspannter umgehen.

Kein Leben ist sinnlos, schreiben Sie, das ansatzweise dazu beiträgt, die Freude zu mehren und das Leid zu mindern. Denken Sie, dass das je einer Mehrheit als Sinn reichen wird?

Ich hoffe es und glaube daran, dass sich Humor und Intelligenz durchsetzen können. Als Humanist muss man daran glauben, dass sich die Dinge verbessern werden, ansonsten wird man leicht Zyniker. Deshalb ist «brennende Geduld» so wichtig.

Sie philosophieren nicht nur, sie komponieren auch. Eine ungewöhnliche Kombination.

Ich habe mit Musik mein Studium finanziert und wollte ursprünglich auch ­Musik studieren. Im Grunde ist diese Kombination gar nicht so ungewöhnlich: Auch bei der Komposition philosophischer Texte geht es darum, den ­richtigen Ton zu ­finden und die passende Rhythmik. Ich kann gar nicht anders, als musikalisch zu philosophieren. Und ich komponiere auch immer noch: Kürzlich habe ich mit Luci van Org in Berlin zwei Songs für ihr neues Album geschrieben.

Ich bin ein zwanghafter Denker, erst kürzlich hat mir jemand den Spitznamen Sheldon verpasst.
Und was machen Sie sonst so, wenn Sie sich entspannen wollen?

Ich bin ein zwanghafter Denker, erst kürzlich hat mir jemand den Spitznamen Sheldon verpasst – nach dem Wissenschafts-Autisten der US-Sitcom «The Big Bang Theory» (lacht). Ganz so schlimm ist es aber nicht: Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie und mit Freunden, kann ausgiebig feiern, höre viel Musik, liebe Filme und das Theater. Auch ein Sonntagnachmittag vor der Glotze kann mal vorkommen.

Sie mögen «Star Trek», richtig?

Ja, das verbindet mich tatsächlich mit Sheldon – ebenso wie die Vorliebe für Spock und Data. Die Rationalität dieser Figuren hat mich beeindruckt. Imponiert hat mir auch der wissenschaftliche und humanistische Ansatz, der «Star Trek» zugrunde liegt. Ich erinnere mich gut an die 90er-Jahre, als «Star Trek – The Next Generation» im Fernsehen lief, immer nachmittags um drei Uhr. Damals war ich an der Universität Trier, und meine Abteilung der Philosophen, Psychologen und Pädagogen war um diese Uhrzeit wie ausgestorben, weil wir alle vor dem Fernseher sassen (lacht).

Sie lesen ja demnächst auch in der Schweiz aus Ihrem neuen Buch. Was für ein Verhältnis haben Sie zum südlichen Nachbarn?

Ein ausgesprochen gutes. Ich habe grosse Achtung vor der demokratischen Tradition der Schweiz und halte sie für ein wichtiges Vorbild für andere – auch wenn es ab und zu unglückliche Volksentscheide gibt. Es ist wohl nicht zuletzt dieser demokratischen Tradition geschuldet, dass kritische Autoren wie ich in der Schweiz verhältnismässig mehr Bücher verkaufen als in Deutschland. Die Schweizer debattieren halt gerne und sind bereit, sich unterschiedliche Standpunkte anzuschauen. Zudem zeichnen sie sich durch eine bewundernswerte Sturheit aus. Selbst die katholische Kirche muss sich ihren Regeln unterwerfen: Die Schweizer bestimmen, wer der neue Bischof wird, der Papst darf das nur verkünden. Das ist weltweit einzigartig, und allein dafür muss man die Schweiz lieben.

Michael Schmidt-Salomon besucht im April die Schweiz und liest aus seinem neuen Buch: 8. 4. Zürich, 9. 4. St. Gallen, 10. 4. Basel. Weitere Infos: www.hoffnung-mensch.de

Michael Schmidt-Salomon über die Flucht in die Religion sowie Probleme, die dringend angegangen werden müssen.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 14
31. März 2014

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Zur Person

Philosoph und Autor

Michael Schmidt-Salomon (46) ist freischaffender Philosoph, Schriftsteller und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Mit seinen Büchern sorgt der Deutsche regelmässig für Diskussionsstoff, etwa mit «Jenseits von Gut und Böse» (2009) oder «Keine Macht den Doofen» (2012). Sein neues Buch «Hoffnung Mensch» beschäftigt sich mit dem krea­tiven Potenzial und den Fortschritten der Menschheit. Schmidt-Salomon lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem ­kleinen Eifeldorf nahe der deutsch-luxemburgischen Grenze.

Michael Schmidt-Salomon: «Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich», Piper Verlag 2014; bei Ex Libris für 23.10 Franken

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