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«Mehr Raum für Fantasie und Spekulationen»

Dr. Josef Lang (72) ist Psycho- und Paartherapeut mit eigener Praxis in Wettingen AG. Er war zehn Jahre Leiter der Interkonfessionellen Eheberatung des Bezirks Baden. Unter www.paarberatung.ch bietet er auch Onlineberatungen an.

Josef Lang, für viele Leute ist der Gedanke an eine Fernbeziehung Horror. Zu Recht?

Horror ist ein hartes Wort. Aber es ist sicherlich nachvollziehbar, wenn diese Vorstellung bei gewissen Paaren erst einmal Schrecken und Kummer auslöst. Der Mensch ist ja ein Ganzes: Leib und Seele gehören zusammen. Bei einer Fernbeziehung kann man zwar mental in Verbindung bleiben, das Körperliche hingegen fällt meist für längere Zeit weg. Andererseits kann Sehnsucht aber auch etwas sehr Schönes sein, ein süsser Schmerz, der zwar wehtut, der aber auch zeigt, dass jemand sehr wichtiger für mich da ist.

Was braucht es, damit eine Fernliebe funktionieren kann?

Eine Beziehung, die nicht gepflegt wird, stirbt. Das gilt erst recht für eine Fernbeziehung. Umso wichtiger ist es, dass beidseitig Zeichen von Liebe vorhanden sind und diese auch von beiden Partnern ausgetauscht werden. Ich sage bewusst von beiden. Denn es genügt nicht, einfach vom anderen zu erfahren, er oder sie hat mich noch immer gern. Vielmehr braucht es auch von meiner Seite her die innere Überzeugung, selbst in schwierigen Zeiten zu dieser Beziehung zu stehen und diese Überzeugung gegenüber meinem Partner, meiner Partnerin auch auszudrücken. Eine Fernbeziehung ist daher immer mit eine Art von Prüfung des Vertrauens und der Stärke einer Beziehung.

Heute können wir SMS schreiben, mailen, chatten, skypen. Wie hilfreich ist das?

Das ist sicherlich eine grosse Erleichterung, gerade auch Skype, wo man sich sogar sehen kann. Computer- respektive mediengestützte Kommunikation hat aber auch ihre Tücken, weil schliesslich doch Körperkontakt und -sprache fehlen. Und so kann es vorkommen, dass man am Schluss des Kontakts zurückbleibt und sich fragt, wie die Stimmung beim andern wohl ist. Missverständnisse können auch dadurch entstehen, dass man etwas sehr gerafft erzählt. Oder wenn man eine an sich harmlose Anspielung auf einen Dritten macht, die beim anderen komisch ankommt. Und wenn dann noch die Fantasie ins Spiel kommt, kann das recht heikel werden ...

Ist eine Fernbeziehung anfälliger für Eifersucht?

Ich denke ja. Gerade weil sie mehr Raum für Fantasie, für Spekulationen gibt. Wenn dann eine Liebe wegen der Distanz nicht gestärkt werden kann, da ja auch die erotischen Erfahrungen wegfallen, kann es tatsächlich schwierig werden, das Vertrauen rein mental zu halten. Zumal es ja nicht nur den gibt, der spekuliert, sondern auch den, der damit umgehen und das aushalten muss.

Wie verhalte ich mich gegenüber einem eifersüchtigen Partner?

Sicher hilft Offenheit und Verständnis für diese Art von Ängsten. Man kann auch versuchen, die Anlässe für die Eifersucht zu konkretisieren. Eifersucht ist ja der Sehnsucht ähnlich, nicht nur negativ. Auch sie bedeutet, mein Partner ist mir etwas wert. Oder umgekehrt, ich bin meinem Partner etwas wert. Entspringt die Eifersucht aber einem Mangel an Selbstwertgefühl oder nimmt sie krankhafte Züge an, kann sie zum Problem werden, und zwar für beide Seiten.

Wenn man sich nach langer Zeit wiedersieht, will man die gemeinsame Zeit ja auch geniessen. Was heisst das im Umgang mit den in der Luft liegenden Konflikten?

Ich denke, es braucht immer ein gewisses Abwägen. Man spürt vielleicht auch, wie der andere drauf ist, wie es einem selbst geht und ob es wirklich sinnvoll ist, etwas gerade jetzt aufs Tapet zu bringen. Je nachdem kann es sinnvoll sein, seine Gedanken zu einem Problem in einem ergiebigen Mail zusammenzufassen. Das hat nämlich gleich zwei gute Seiten: Zum einen ist es für den Partner spannend. Zum anderen ist es für den, der schreibt, ein Spiegel vor dem eigenen Gesicht. Generell würde ich aber mit wichtigen Themen nicht zu lange zuwarten, gerade auch weil diese im Untergrund an der Beziehung nagen könnten.

Wie oft sollte man sich sehen, damit die Beziehung stabil bleibt?

So oft dies dem Paar möglich ist. Kippen würde es, wenn der eine Partner wichtige individuelle Pläne zurückstellen müsste. Aber ich geh mal davon aus, dass es der Partner versteht, wenn sie beispielsweise mal ein Wochenende mit ihren neuen Kollegen/-innen verbringt, anstatt heimzukommen.

Und wenn nicht? Da könnte es doch bereits schwierig werden: Ich bin zu Hause, und sie kommt nicht. Was ist da los?

Umso wichtiger ist es, dass man solche Abweichungen miteinander möglichst frühzeitig bespricht und sie auch erklärt und irgendwelchen Spekulationen keinen Raum lässt. Sonst kann so etwas rasch zum Eintrittstor für jedwede Eifersucht werden.

Wie wichtig ist es, sich für die Fernbeziehung einen Zeitrahmen zu geben?

Elementar, gerade auch bei einem Paar, von dem der eine beispielsweise aus Berufsgründen ins Ausland geht. Überhaupt ist es in solch einem Fall sehr wichtig, dass ein Entschluss gemeinsam gefällt wird. Dass also nicht der eine trotz dem anderen geht, sondern dass beide hinter diesem Entschluss stehen können. Und dazu gehört dann auch der Rahmen: Wo ist der andere? Was macht er dort? Von welcher Zeitspanne sprechen wir? Ich kenne aber auch ein Paar – er in Genf, sie in Amerika –, das den Zeitrahmen völlig offen gelassen hat. Er lebt hier und sie dort. Eine Beziehungsform, an der beide nicht rütteln wollen. Auch so etwas kann problemlos funktionieren. Voraussetzung ist aber, dass beide von der gleichen Annahme ausgehen können, gerade auch wenn das Paar dann irgendwann in die Phase der Familienplanung kommt.

Nach Einschätzung von Psychologen scheitern Beziehungen oft gar nicht an der Ferne, sondern an der Nähe. Das heisst, die schwierigste Phase kommt, wenn aus der Fern- eine Nahbeziehung wird.

Ich denke, diese Herausforderung lässt sich mit jeder anderen Veränderung im Leben vergleichen: Ein Partner wird krank, es kommt ein Kind, jemand verliert den Job. Da braucht es überall eine gewisse Offenheit. Es liegt aber auch eine Chance darin, etwas ganz Neues aufzubauen. Ich denke, eine Beziehung hat immer dann die grössten Chancen, wenn sie entwicklungsfähig ist. Also dann, wenn das Paar sich bei veränderten Umständen entsprechend neu einstellen kann und so miteinander den Weg sucht – und findet.

Josef Langs Bücher zum Thema, «Paarkiste» (Verlag Hirschi & Troxler) und «Wertschätzen und Abwerten» (uni-edition, Berlin) sind bei Ex Libris erhältlich:
www.exlibris.ch

 

Erschienen in MM-Ausgabe 10
4. März 2013

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1 Kommentar

Maria Aeppli [Gast]

Geschrieben am
24. März 2013

Dieser Satz habe ich sehr guten gefunden: "Der Mensch ist ja ein Ganzes Leib und Seele gehören zusammen". Heutezutag man gibt nur wert auf den Körper!!!!

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