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Wider die neue Moral: «Genuss und Ekstase gehören zum Menschen»

Judith Mair raucht, trinkt und tut vieles, was «verboten» ist. Die Trendforscherin beobachtet mit Sorge den heiligen Eifer, mit dem sich viele Menschen einer neuen Moral unterwerfen.

Judith Mair, sündigen Sie oft?

Im Sinne des aktuellen Zeitgeists, der alles als Sünde versteht, das mit Ausschweifung, Verschwendung und Unvernunft zu tun hat, sündige ich tatsächlich häufig. Mir geht es nicht primär darum, mich und mein Leben zu optimieren, ich weigere mich sogar bewusst, alles der Vernunft unterzuordnen.

Indem Sie zum Beispiel was tun?

Ich gehe wohl oft zu spät ins Bett, mache zu wenig Sport, esse zu viel Fleisch, trinke und rauche zu viel ...

Fühlen Sie sich manchmal schlecht dabei?

Warum sollte ich? Was mir mehr Sorge macht, ist die wachsende Tendenz zur moralischen Bevormundung: kein Bier mehr in der U-Bahn, Helmpflicht für Radfahrer, bitte nicht rauchen, gesund essen, am besten vegan und ökologisch sowieso. In Deutschland ist letzthin ein Kind aus einem Kindergarten geflogen, weil seine Eltern sich nicht an das obligatorische Zuckerverbot gehalten hatten.

Ich glaube nicht, dass wir die Welt retten können, in dem wir Bio-Avocados in Niedrigenergiehäusern essen.
Das sind doch alles Versuche, die Welt zu verbessern.

Natürlich teile ich die Meinung, dass der Zustand der Welt im Allgemeinen bedenklich ist. Auch finde ich die Vorstellung einer Welt ohne Prostitution, Verkehrstote, Raucherbeine, Alkoholiker, Tierversuche und Umweltsünder durchaus reizvoll. Aber ich glaube halt nicht, dass wir die Welt retten können, indem wir Bio-Avocados in Niedrigenergiehäusern essen, Prostitution kriminalisieren und unappetitliche Fotos auf Zigarettenpackungen drucken.

Früher hat die Kirche Lust und Zügellosigkeit bekämpft ...

... und hat uns für braves Verhalten immerhin ein ewiges Leben im Paradies versprochen.

Judith Mair trinkt gerne mal ein Glas Wein.
Richtig. Und obwohl wir uns hier in Europa von Religion nicht mehr viel vorschreiben lassen, haben sich klammheimlich lustfeindliche Normen breitgemacht, die weitherum akzeptiert sind. Was ist passiert?

Wir haben es hier wohl mit der Schattenseite der Aufklärung zu tun, die zu einer säkularisierten Askese und Selbstdisziplinierung geführt hat. Verkürzt gesagt haben wir verinnerlicht, dass der Zustand der Welt in direktem Zusammenhang mit dem Inhalt unserer Einkaufstasche steht. Wir haben, auch ganz ohne die Kontrollinstanz Kirche, ein schlechtes Gewissen, wenn wir gewisse Normen nicht einhalten. So wird es zu einer Art Ablasshandel, regelmässig im Bioladen einkaufen zu gehen – damit befreien wir uns von unserer Schuld. Zum Kirchenbild passt auch der Missionierungseifer der heutigen Moralisten, die glauben, herausgefunden zu haben, wie das vorbildliche, moralisch unbedenkliche, risikoarme Leben auszusehen hat, und es am liebsten für alle verbindlich erklären würden. Räume und Möglichkeiten für Unvorhersehbares und Unkontrolliertes beginnen zu schwinden.

Eine Art säkularer heiliger Eifer also?

Sozusagen. Besonders bizarr wird es, wenn sich dieser Eifer auf Teile der Welt richtet, die erst jetzt ein bisschen Wohlstand geniessen dürfen. In Deutschland haben wir auch mal ein Wirtschaftswunder erlebt wie China heute. Da kam auch keiner und sagte: Ist ja schön, dass du dir jetzt für deine Familie Fleisch und ein Auto leisten kannst, aber werde doch lieber Vegetarier und fahr mit der Bahn, das ist besser für die Umwelt. Letztlich ist das eine neue Form von Imperialismus.

Warum haben sich diese Normen auch ohne formale Kontrollinstanz so weit verbreitet?

Die Kontrolle hat sich zu uns verlagert, wir haben die Disziplinierung verinnerlicht, die einst die Kirche ausübte. Das neue Gebot lautet: Du bist selbst verantwortlich für dein Leben, und du hast alle Möglichkeiten – wenn du die nicht wahrnimmst, nicht an deiner Optimierung arbeitest, bist du selber schuld. Ein sehr calvinistischer Ansatz. Und ein Scheitern ist nicht leicht zu ertragen, denn man kann niemand anderem die Verantwortung aufbürden.

Wer früher nicht brav mitmachte, dem drohte die Hölle. Was droht heute?

Die Ausgrenzung: Raucher müssen vor die Tür, Dicke kriegen weniger gute Jobs als Schlanke. Unsichere, ungesunde, unökologische, nicht Werte-konforme Haltungen und Handlungen werden abgewertet, verurteilt oder gar bestraft. Individualismus und Freiheit waren mal erstrebenswert, heute gilt das nur noch beschränkt. Die Verbrüderung von Grün und Schwarz zu einem neokonservativen Wertebündnis, bei dem Begriffe wie Heimat, Häusliches und Lokales durchwegs positiv besetzt sind, ist mir ziemlich unheimlich. Es gibt nicht wenige Alt-Linke, die frustriert beobachten, wohin sich ihre einstigen Ideale entwickelt haben. Schliesslich haben sie für jene individuellen Freiheiten gekämpft, die nun in Frage gestellt und abgeschafft werden.

Judith Mair raucht auch gerne mal eine Zigarette.
Paradox ist ja auch, dass wir heute zwar sexuell fast alles dürfen, unsere anderen Gelüste sollen wir aber gefälligst unter Kontrolle halten. Gibt es da einen Zusammenhang?

Diese sexuelle Freiheit gibt es zwar theoretisch, aber gerade bei den Jungen findet man heute wieder ein starkes Ideal von ewiger Zweisamkeit und Familie. Kinder haben gilt als cool. Wo bleibt das ausschweifende Gelage? Die kurzweilige sexuelle Liaison? Vergessen wird, dass Überschreitung, Entgrenzung und Ekstase zutiefst menschliche Sehnsüchte und Konstanten sind. Wir sollten Kontrollverlust und Unvernunft kultivieren, statt sie ständig massiv abzuwerten. Wer stattdessen lieber fünf Sonntagnachmittage in Folge mit selbstoptimierten, leistungsbereiten, westeuropäischen Mittelschichtspärchen bei selbstgebackenen Dinkelkeksen und Fairtrade-Tee verbringen will – auch gut!

Begründet wird die Forderung nach Askese in der Regel mit Gesundheit – ist sie der neue Gott?

Ich fürchte, ja. Gerade bei jüngeren Leuten beobachte ich eine fast schon manische Beschäftigung mit Fitness und Essen. Aber was ist das denn für ein Leben? Wollen wir alle 90 werden und dann noch möglichst lange scheintot herumvegetieren? Es kann doch nicht nur um Lebensquantität gehen. Man muss doch diese Zeit auch möglichst gut füllen, tatsächlich leben.

Nicht zuletzt lassen sich mit der Gesundheit ziemlich gute Geschäfte machen.
Woher kommt die Gesundheitsobsession?

Nicht zuletzt lassen sich damit ziemlich gut Geschäfte machen – und zwar mit der persönlichen Gesundheit wie der des Planeten. Jeder kann sich mit dem Kauf einer Energiesparlampe einbilden, zur Rettung der Welt beizutragen. Öko und Bio sind ja längst nicht mehr politisch zu verstehen, sondern als Lifestyle, in den man sich einkaufen kann. Gratis dazu gibts das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Nun ist es gesünder und potenziell lebensverlängernd, nicht zu rauchen und kulinarisch Mass zu halten. Sind die Kritiker der Lustfeindlichkeit nur nicht diszipliniert genug, um vernünftig zu sein?

Das hat damit nichts zu tun. Natürlich ist es ungesund zu rauchen, es geht mir ja nicht darum, dafür zu werben. Aber an der Rauchverbotskultur manifestiert sich beispielhaft der Wandel hin zu einer verstärkten Normierung der Gesellschaft, in der schliesslich jeder Einzelne sich selbst kontrolliert und diszipliniert.

Das meiste ist aber noch immer freiwillig. Sorgen Sie sich, dass mehr und mehr dieser Normen staatlich verordnet werden könnten?

Ein Stück weit schon. Aber ich glaube auch, dass der Markt hier einen sehr grossen Einfluss ausübt. Er schafft ja einen Grossteil der Idealbilder, die heute kursieren und denen viele freiwillig folgen. Der Staat hat dann leichtes Spiel, diese Normen als staatliche Verbote durchzusetzen. Es wird viel zu wenig diskutiert, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen – und in welche Richtung die gerade läuft, in der wir leben. Wer traut sich denn schon, scheinbare Gewissheiten unseres Lebens mal grundsätzlich in Frage zu stellen?

Eine Gesellschaft, die sich darauf geeinigt hat, was gut und richtig ist, und nicht mehr verhandelt, droht zu erstarren.
Schadet es einer Gesellschaft, wenn sie zu asketisch und diszipliniert ist?

Sie verliert das Lustvolle und Genussvolle, das eigentlich Teil jeder Kultur ist. Sie riskiert auch, an Kreativität zu verlieren, wenn es weniger Räume für Unvorhergesehenes gibt, in denen sich Neues entwickeln kann. Kultur braucht ja auch Reibung und Widerspruch, um sich zu entfalten. Eine Gesellschaft, die sich darauf geeinigt hat, was gut und richtig ist, und darüber nicht mehr verhandelt, droht zu erstarren. Gut möglich, dass andere Teile der Welt längerfristig interessanter sind, dass die aufregenden Neuerungen künftig eher von dort kommen als aus unseren Wohlstandsgesellschaften, in denen sich fast alles primär um die eigene moralisch aufgeladene Befindlichkeit und um die Bewahrung des Bestehenden dreht ­ also um etwas sehr Konservatives.

Sehen Sie denn bei uns auch Anzeichen einer Gegenbewegung?

Zumindest lässt sich deutlich erkennen, wie die moralisch aufgeladenen Optimierungsgebote immer öfter auch auf Unmut stossen. Ich bin ja nicht die Einzige, bei der Dinge wie der zunehmend neurotisch erscheinende Umgang mit Lebensmitteln, die Überprotektion von Kindern oder die Beliebtheit von Vokabeln wie Quality-Time oder Work-Life-Balance verständnisloses Achselzucken hervorrufen.

Und wer kann schon einem guten Essen widerstehen? Judith Mair nicht.
Ab wann und wie wird ein gelegentlich beobachtetes Verhalten zum Trend?

Der Trend ist ein Versuch, sich an veränderte Gegebenheiten anzupassen. Am interessantesten ist immer die Phase, in der etwas auf dem Weg zum Trend ist. Unterscheiden muss man ihn auch von Moden – in Moden werden Trends sichtbar. Zum Beispiel tragen heute viele junge Männer wieder Bart. An Moden wie dieser lässt sich viel ablesen, nämlich der Trend zur Authentizität, zum Ursprünglichen, zur Naturverbundenheit – all dies spielt natürlich auch der neuen Moral in die Hände. Ein Trend ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Er betrifft alle, und man muss sich dazu irgendwie verhalten.

Können Sie als Trendforscherin neuen Trends eher widerstehen als andere?

Ich glaube, das gilt für viele Trendforscher. Wir beschäftigen uns damit, erkennen schon früher als andere, dass da was kommt. Anfänglich, wenn sie sich noch so langsam ihren Weg bahnen, mag man viele dieser Trends ja auch: Der erste Mann, der einem mit Bart entgegenkommt, ist natürlich hochinteressant. Wenn der Trend in den Mainstream kippt, entsteht bei mir aber oft der erste Überdruss und manchmal halt auch Widerstand.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 47
17. November 2014

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Trendforscherin und Dozentin

Judith Mair (42) ist Expertin für Populärkultur, Trendforscherin und Mitbegründerin der Agentur New Potential in Berlin. Sie unterrichtet mit einem 15-Prozent- Pensum an der ­Zürcher Hochschule der Künste. Mair hat mehrere Bücher ­publiziert und lebt mit ihrem Partner und dem gemeinsamen Sohn in Berlin.

Judith Mair und Bitten Stetter: «Moral­Phobia. Ein Zeitgeist-Glossar von Achtsamkeit bis ­Zigarette.» Gudberg Nerger Publishing, November 2014

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135 Kommentare

S Rei [Gast]

Geschrieben am
11. Januar 2015

schon die ersten drei kommentare haben mir schon wieder gereicht... irgendwie den sinn nicht verstanden? für mich ist dieser artikel ein manifest an die freiheit eines jeden, für sich selbst entscheiden zu dürfen... und das wird gleich wieder verteufelt. die entscheidung für alkohol und zigaretten ist doch nur ein sinnbild für die bevormundung des einzelnen durch eine zunehmende gruppe von "nichtwähler", "nichtdenkende", "nachthandelnde"... da diese es einer kleinen gruppe elitärer, gut organisierten NEIN-Sagern die Macht über sich selbst geben...

demokratie ist eine feine sache, solange sie einen nicht selbst betrifft XD

Bernhard Anderl [Gast]

Geschrieben am
11. Januar 2015

Wer einmal sein Leben auf "asketisch" umgestellt hat, kann weitaus mehr genießen als jemand, der sich alles erlaubt. Sich in einer Welt der Reizüberflutung (in jedem Sinn) alles oder zumindest vieles zu erlauben ist zwar kurzweilig, aber nicht nur ungesund sondern auf abstumpfend. Ich habe vor über einem Jahr aufgehört, Zucker und Produkte, die Zucker enthalten, zu essen (also künstlich hinzugefügten Zucker). Wenn ich jetzt eine Dattel esse, ist sie für mich 1000x köstlicher als es eine Tafel Schokolade je sein könnte.
Vieles ist auch Gewohnheit, und ich gebe insofern Recht, als man sich nicht einem Dogma unterwerfen soll. Aber Genuss ist auch Ansichtssache, und egal wie man zu Partnerschaften steht, so ist ein Mensch in einer Zweierbeziehung vielleicht in der Bandbreite seiner Erfahrungen eingeschränkter, in der Tiefe jedoch nicht.
Große Oberflächlichkeit kann ich nicht als Wert sehen, Tiefe jedoch schon. Es ist - wie so vieles anderes - Ansichtssache. Exstase ist wichtig, doch es gibt auch hier die getriebene und flüchtige und die tiefe, auch lebensverändernde.
Ich glaube, dass Genuss viel mit Wahrnehmung zu tun hat. Wer sehr bewusst ist, braucht wenig, um sehr glücklich und erfüllt zu leben.
Und wer einmal erlebt hat, dass das Leben endlich ist, weiß auf einmal ein Stück Brot weitaus mehr zu schätzen, und erlebt in einem einzigen Kuss weitaus mehr Lust und Freude als mancher anderer bei einer ganzen Orgie.
just my few thoughts ...

 

Elisabeth Grimm [Gast]

Geschrieben am
13. Januar 2015

Der ganze Kommentar ist mir zutiefst aus dem Herzen gesprochen! Herzlichen Dank dafür!

Möge Ihr Kommentar von vielen gelesen werden!

Georg Frei [Gast]

Geschrieben am
30. Dezember 2014

Finde ich insofern gut und richtig: zu leben, statt immer nur zu kontrollieren. Dass es aber immerzu mit Rauchen und Alkohol sein muss - naja, es gibt andere Methoden, die sehr viel effektiver wirken und gesünder sind - Dynamische Meditation zum Beispiel, Baghwan lässt grüssen! Und ein ausschweifendes, erfüllendes Liebesleben hat noch niemandem geschadet! Also ein Hoch auf die Freie Liebe und den nichtalkoholischen Genuss!

 

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