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«Der Banker war früher eine Vertrauensperson»

Der ehemalige UBS-Manager Michael Theurillat bringt in seinem vierten Krimi «Rütlischwur» Banker um die Ecke. Dazu schleust der 50-Jährige seinen Kommissar in eine Bank ein. Auf Plagiatsvorwürfe reagiert der Autor gelassen.

Michael Theurillat, nach der Lektüre Ihres neusten Buchs fragt man sich: Trauen Sie den Schweizer Banken noch? Oder bewahren Sie Ihre Millionen unter dem Bett auf?

Trauen? Ja und nein. Dass das Geld sicher ist, dafür hat ja der Schweizer Staat gesorgt. Leider, muss ich sagen. Man hätte für nichts mehr garantieren sollen. Dann wären die Banken selber darauf gekommen, dass sie sich besser kapitalisieren müssen. Wenn Sie heute einen Betrag bis 100'000 Franken auf einem Konto haben, dann müssen Sie ja nicht Ihrer Bank trauen, sondern dem Bund. Und dem traue ich.

Sie finden also, der Bund hätte 2008 der UBS nicht unter die Arme greifen sollen?

(Lacht) Auf diese Frage habe ich jetzt natürlich gewartet. Die Banken haben aus dieser Aktion gelernt, dass sie gerettet werden, wenn es schlecht läuft. Das ist nicht gut.

Man hoffte, Banken würden sich neu organisieren, um nicht mehr in Schwierigkeiten zu geraten.

Das ist eine Illusion. Wenn ein Kind einen «Seich» gemacht hat und man rettet es, ist das okay. Bei einer Bank grundsätzlich nicht. Eine Bank ist extrem rational, dort probiert man einfach aus, auf welchem Weg man am meisten profitiert.

Eine Bank sollte man grundsätzlich nicht retten.
Sie waren selber Banker. War das anders, als Sie vor 23 Jahren beim damaligen Bankverein angefangen haben?

Schon. Der Banker war eine Vertrauensperson. Er hatte einen weit besseren Ruf, wie der Dorfpolizist oder der Lehrer. Das mag sich vielleicht auch wieder ändern. Was sich aber in der ganzen Geschichte der Banken geändert hat, ist, dass die früheren Privatbankiers — und ich hatte das Glück, mit Alfred Sarasin zu arbeiten — Unternehmer waren.

Banker ist heute fast ein Schimpfwort. Haben Sie Mitleid mit Ihren Ex-Kollegen?

Nein. Mitleid habe ich mit hungernden Kindern. Was die Banken betrifft: Die bezahlen jetzt den Preis dafür, dass sie zu lange viel zu gierig waren.

In Ihrem neuen Roman stellt Kommissar Eschenbach fest, dass kaum jemand weiss, was Banker wirklich tun.

Dazu hat Ex-UBS-Chef Oswald Grübel kürzlich in einem Interview ein paar Sachen gesagt, mit denen ich völlig einverstanden bin: Eine Bank ist so komplex, dass es ein Irrtum ist zu meinen, ein Verwaltungsrat könne sie steuern. Es ist zu hoffen, dass jeder Chef weiss, was seine Abteilung macht. Dass aber der Chef vom Chef vom Chef weiss, was die da unten alles so machen, bezweifle ich.

Ein Ex-Banker sagte mal in einer Zeitung anonym, er habe selber oft nicht gewusst, welche Produkte er da verkaufe. Ist so etwas Usus?

Natürlich. Aber auch Bankkunden wissen nicht immer, was sie kaufen. Die grossen Unfälle 2007 und 2008 passierten, weil die Leute heute nicht mehr Stopp sagen oder nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Das ist ein Zeitgeistphänomen. Niemand will der Dumme sein. Aber diese Eitelkeit ist furchtbar gefährlich, gerade wenn alle Erfolg haben. Denn dann macht keiner mehr einen Mucks — bis es kracht.

Ihr Kommissar Eschenbach stellt noch Fragen.

Ja, und damit kommt er ja nicht wirklich gut weg, er ist nicht der superclevere Cop. Er steht immer dumm da, ich habe ihn einem furchtbar langen Leidensprozess unterzogen. Aber er hält das aus und bleibt sich am Schluss treu.

Michael Theurillat: «Eine Bank sollte man grundsätzlich nicht retten».
In «Rütlischwur» schreiben Sie über das ominöse Finanzsystem Hawala. Man wirft Ihnen vor, die Erklärungen aus Wikipedia abgeschrieben zu haben.

Ich habe in der Einleitung des Buches deklariert, dass Hawala nicht meine Erfindung ist und meine Informationen aus dem Internet stammen. Wer dort sucht, stellt schnell fest, dass praktisch nur Wikipedia darüber schreibt. Diese Informationen habe ich im Wesentlichen übernommen. Mein Fehler ist, dass ich Wikipedia nicht explizit erwähnt habe. Bei der nächsten Auflage wird das nachgeholt.

Wie haben Sie von Hawala erfahren?

Der ehemalige Bundesanwalt Valentin Roschacher erzählte mir einmal, dass damit weltweit Milliarden verschoben werden, vermutlich Schwarzgeld, unter anderem für Terrorzwecke. Für weitere Informationen verwies er mich ans Internet. Niemand wollte dazu zitiert werden. Wahrscheinlich hat jeder, der etwas darüber weiss, auch damit zu tun.

Hawala hinterlässt keinerlei schriftliche Spuren. Was macht Sie so sicher, dass es kein Mythos ist?

Wenn ein ehemaliger Bundesanwalt sagt, dass Hawala ein grosses Problem sei, bin ich überzeugt, dass es existiert.

«Rütlischwur» ist auch gespickt mit Seitenhieben gegen die Banker. Gab es böse Reaktionen?

Im Gegenteil. Ich signiere im Moment viele Bücher, die als Weihnachtsgeschenk an Bankkunden und Banker gedacht sind. Die Seitenhiebe kommen ja mit einem Augenzwinkern daher. Die paar wenigen, die vielleicht Probleme haben mit mir, wischen mir eher eins mit einer furchtbar schlechten Kritik auf Amazon aus.

Ich musste mal etwas anderes machen.
Sie sind 2000 als Management Director bei der UBS ausgestiegen, noch vor der Bankenkrise also. Weil ein Burn-out drohte? Oder die Midlife-Crisis? Weil Sie den Braten rochen?

Wahrscheinlich alles zusammen (lacht). Ich wollte damals eigentlich nur ein Sabbatical beziehen. Ich war müde und musste mal etwas anderes machen. Anstatt dauernd in Meetings zu sitzen, wollte ich mal zwei Tage durch den Louvre laufen. Hätte ich die Füdlibacken zusammengeklemmt und drei Jahre weitergemacht, wärs vielleicht zu einem Burn-out gekommen. Stattdessen fing ich an, ein bisschen zu schreiben. Eine der Kurzgeschichten wurde immer länger, und so entstand der erste Eschenbach-Roman. So gesehen bin ich immer noch im Sabbatical.

Was brennt einen aus im Bankgeschäft?

Das ist individuell. Ich bin ein Mensch mit sehr viel Enthusiasmus. Ich gehe auf im Job, übertreibe es auch. Ein Burn-out hätte mir auch drohen können, wenn ich bei der ABB Turbinen gebaut hätte. Das ist eine Charaktersache.

Was denken Sie, wenn Sie heute Schlagzeilen über die Banken lesen?

Ich denke, dass wir auf mindestens zehn sehr, sehr schwierige Jahre zusteuern. Marcel Ospel hat vor vier Jahren gesagt, wir stünden vor der schlimmsten Krise seit der Grossen Depression der 30er-Jahre. Alle haben gelacht. Heute wissen wir, dass er recht hatte. Das bedrückt mich.

Nun schreiben Sie über die Bankenwelt. Haben Sie noch etwas zu verarbeiten?

Am Ende ist das ganze Leben eine Art Verarbeitung. Aber Bad Feelings hatte ich nie. Ich habe unter den Bankern wirklich tolle Freunde, die den Eschenbach von Anbeginn mit begleitet haben. Ein guter Freund aus UBS-Zeiten hat mich beispielsweise darauf aufmerksam gemacht, dass der Kommissar niemals Fuck You sagen würde. Deshalb sagt er jetzt Shame On You.

Ich könnte nicht nur schreiben. Ich würde depressiv.
Trotzdem bringen Sie in «Rütlischwur» einige Banker um.

Man schreibt halt über das, was man kennt. Die Idee, einen Unbedarften wie Eschenbach ins Banking hineinschauen zu lassen, mit einer Brille von aussen, das hielt ich für spannend. Beim Banker Banz habe ich versucht, die Deformation durch Geld zu zeigen.

Was hat das Geld mit Ihnen gemacht?

Es hat mich zur faszinierenden Erkenntnis gebracht, dass man einen Haufen Geld sparen könnte, wenn man den Menschen einfach mehr Wertschätzung zeigen würde. Aber heute läuft das nur übers Geld. Das Absurde ist, dass es sich Banken inzwischen nicht mehr leisten können, einen Manager schlechter zu bezahlen als die Konkurrenz.

Sie haben auch Millionen verdient bei der UBS.

(Lacht) Ich will das so nicht im Migros-Magazin lesen.

Wir schon!

Also gut. Am Ende meiner Karriere hatte ich ein anständiges Gehalt in siebenstelliger Höhe. Wäre ich geblieben, hätte sich der Betrag kaum verkleinert. Denn es standen noch mindestens sechs sehr goldene Jahre bevor. Nachdem ich ausgestiegen war, wurden über meinen Exkollegen Beträge ausgeschüttet, für die selbst ein Lottosechser kaum genügt hätte. So gesehen habe ich einen Lottozettel für sechs Richtige — für die ich allerdings hart hätte arbeiten müssen — nicht eingelöst.

Trotzdem, so einen Ausstieg mit 41 kann sich wohl nur ein Banker leisten.

Natürlich war ich nicht am Verarmen. Aber ich habe mich vorher sehr aktiv damit auseinandergesetzt, wie das ist, auf viel Geld zu verzichten und dafür etwas anderes zu haben, Unabhängigkeit zum Beispiel. Ich habe zum Glück eine Frau, die das verstand. Eine andere hätte vielleicht gesagt, sie wolle nicht auf die Jacht auf dem Zürichsee — die wir übrigens nie hatten — verzichten. Wir lebten vorher schon in Anführungszeichen bescheiden. Entscheidend war für mich auch zu wissen, dass ich Freunde habe, die mir auch mal einen Job zuschanzen könnten, sei es, dass ich für sie die Post verteile oder Briefe schreiben würde, wenn es mir finanziell richtig dreckig ginge. Und dass ich mit dem, was ich kann, morgen wieder einen Job finde. Dass ich immer wieder mich «go verchnächte» kann.

Sie arbeiten auch noch als Finanzberater. Kann man in der Schweiz nicht mal als Bestsellerautor vom Schreiben leben?

«Leben» ist ein relativer Begriff. Auf meine Verhältnisse runtergebrochen: Vom ersten Buch konnte ich von Januar bis Februar leben, beim zweiten Buch kam der März dazu. Und ich hoffe, ich kann irgendwann mal das ganze Jahr vom Schreiben leben — und erst noch die Steuern zahlen! Die Pensionskassenmandate habe ich aus einem anderen Grund. Ich könnte nicht nur schreiben, ich würde komisch werden, depressiv.

Warum?

Schreiben ist eine einsame Angelegenheit. Ich bin aber ein sehr geselliger Mensch. Wenn ich am Morgen aufstehe und nach Zürich fahre, in einem Fachgremium über die Finanzkrise diskutieren, mein Wissen einbringen kann und Entscheidungen treffen muss, dann hat das etwas sehr Reales, Geerdetes.

Ihre Frau wusste lange nicht, dass Sie an einem Roman arbeiten.

Ich ja auch nicht (lacht). Damals habe ich vor allem nachts geschrieben.

Heute nicht mehr?

Nein. Wenn es Abend wird und ich noch nichts geschrieben habe, dann bin ich beim Abendessen unerträglich. Schriftsteller sind bekannt dafür, dass sie morgens arbeiten. Und ich weiss jetzt auch, warum: Weil sie eine Depression bekommen, wenn es draussen dunkel wird und sie noch kein Wort geschrieben haben.

Als Kind besuchten Sie die Rudolf-Steiner-Schule. Ein Erbe Ihrer Mutter, einer Literaturwissenschafterin?

Das Erbe beider Elternteile. Mein Vater, ein Unternehmer, machte den Spagat zwischen Unternehmertum und Anthroposophie. Ich bin sozusagen mit beidem gross geworden: dem Wissen, wie man Geld verdient, und dem Wissen, wie man es gescheit ausgeben kann. Dass ich jemals bei einer Bank landen würde, hätte ich nie gedacht. Und dann reifte in mir die Erkenntnis, dass es auch dort Leute gibt, mit denen ich sehr gerne zusammenarbeite. Bei mir lief immer alles über die Menschen, das ist bis heute so. Ich hätte auch in einem ganz anderen Business landen können.

Ein Banker, der scheitert, hat verloren.
Sie sind aus Ihrem Steuerparadies, der schwyzerischen Gemeinde Freienbach, weggezogen, weil Sie nicht möchten, dass Ihr elfjähriger Sohn Nicola zwischen Ferraris und Porsches aufwächst. Er besucht eine Montessori-Schule. Was wünschen Sie sich für ihn?

Dass er ein selbständig denkender Mensch wird, der weiss, dass man zwar Geld verdienen muss, um zu leben, dass aber vieles auch ohne Geld geht.

Was unterscheidet das Leben des Schriftstellers vom damaligen Bankerdasein?

Die Freiheit, das ist ja auch das Thema in «Rütlischwur». Heute kann ich Höhen und Tiefen erleben und erfahre, dass etwas scheitern darf. Als Banker habe ich solche Prozesse verdrängt. Ein Banker, der scheitert, hat verloren. Als Mensch kann man am Scheitern wachsen.

Geht es Ihnen heute besser als in der Zeit, als Sie noch als Banker gearbeitet haben?

Ich war als Banker nicht unglücklich. Aber heute ist die Sicht klarer, ich atme freier. Und zwischendurch bin ich immer mal wieder ein richtig glücklicher Mensch.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 50
12. Dezember 2011

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Vom Banker zum Autor

Vor neun Jahren tauschte Michael Theurillat eine erfolgreiche Bankkarriere gegen ein Schriftstellerdasein ein. Schon der dritte Roman «Sechseläuten» stand 2009 zuoberst auf der Schweizer Bestsellerliste, das vierte Werk, «Rütlischwur», sprang Ende Oktober von null auf Platz eins. Darin ermittelt Kommissar Eschenbach in der Bankszene. 1961 in Basel geboren, besuchte Theurillat die Rudolf-Steiner-Schule und studierte Wirtschaftswissenschaften, Kunstgeschichte und Geschichte. Nach...

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1 Kommentar

Friedrich Bender [Gast]

Geschrieben am
9. Oktober 2014

Sehr geehrte Damen und Herren
Hallo - ich suche den direkten Kontakt zu Herrn Theurillat. Ich möchte ihm ein Manuskript von mir übergeben, in der Hoffnung, daß es für ihn Stoff für einen weiteren Kriminalroman sein könnte. Das Ganze spielte sich ziemlich aktuell zwischen der Schweiz und Deutschland ab. Vielleicht können Sie mir mit einem Kontakt helfen.
Danke und freundliche Grüße
Friedrich Bender
Dorfstraße 3
D-78345 Moos / Bodensee
Mail bender.friedrich@web.de

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