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«Das Interesse bei den Schülern ist gross»

Der Religionsunterricht in der Schweiz öffnet sich. So ist im Kanton Zürich seit dem neuen Schuljahr das Fach «Religion und Kultur» obligatorisch. Professor Jürgen Oelkers erklärt, was ein solches Schulfach bei Schülerinnen und Schülern bewegen kann.

Jürgen Oelkers (64) ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Zürich. Als Bildungsrat war er an der Ausarbeitung des neuen Schulfachs massgeblich beteiligt. (Bild: zVg.)
Jürgen Oelkers, warum kommt man vom konfessionellen Religionsunterricht weg?

Seit Langem besuchen nicht mehr nur christliche Schülerinnen und Schüler die Schweizer Volksschule. Man musste reagieren. Damit das Thema Religion aber nicht aus den Schulen verschwindet, versuchte man, einen Religionsunterricht aufzubauen, der konfessionsneutral ist, aber Religion und Kultur thematisiert.

Das Fach soll konfessionell neutral sein. Was bedeutet das konkret?

Die Lehrkräfte versuchen, den Lehrstoff möglichst lebendig zu vermitteln, ohne dass sie die Kinder indoktrinieren. Die Kinder erfahren von den Lebensformen, über die Grundwerte bis zu den grossen Erzählungen sehr vieles über die fünf Weltreligionen.

Kann der Unterricht überhaupt neutral sein, wenn Pfarrer unterrichten, wie das im Kanton Zürich teilweise der Fall ist?

Ich meine, dass das geht. Es ist ein langer Prozess, bis ein neues Schulfach eingeführt ist. Sämtliche Lehrpersonen mussten eine entsprechende Weiterbildung absolvieren. Christliche Pfarrer haben in aller Regel grosse Kenntnisse anderer Religionen, und es kommt auch sonst nicht mehr vor, dass sie missionieren. Ob sie die Kinder indoktrinieren, wird die Schulaufsicht beurteilen.

Das Fach «Religion und Kultur» soll Schülern mehr Toleranz und Respekt gegenüber fremden Religionen und Kulturen lehren.

Das ist das Ziel. Es gibt aus Norwegen einige Erhebungen, deren Ergebnisse sehr positiv sind. Einerseits ist das Interesse bei den Schülern sehr gross, andererseits hat der Unterricht offensichtlich auch den Effekt, dass die Schüler weniger über andere Religionen herziehen. Ein breites Allgemeinwissen führt also letztlich zu mehr Toleranz gegenüber fremden Kulturen und Religionen.

Sind die Kantone verpflichtet, Religion in den Lehrplan zu integrieren?

Das machen die Kantone unterschiedlich. Es gibt den Lehrplan 21, der derzeit auf Bundesebene für die Deutschschweiz entwickelt wird. Dieser sieht vor, dass Kultur und Religionen unterrichtet werden müssen. In welcher Form das passieren wird, wird jeder Kanton aber allein entscheiden dürfen, so wie das bis anhin der Fall war.

Leserfragen

Jürgen Oelkers beantwortet Fragen unserer Leserinnen und Leser:

Ist im Lehrplan vorgesehen, nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile der jeweiligen Religionen zu vermittlen?

Daniel Aellig, 3550 Langnau

Ja. Religionskriege kommen vor, beispielsweise die Kreuzzüge, aber auch aktuelle Beispiele wie der Israel-Palästina-Konflikt. Heute kann man nicht unterrichten, ohne solche Themen anzusprechen. Wobei die Lehrkräfte auch unabhängig vom Lehrmittel die Freiheit haben, auf aktuelle politische und gesellschaftliche Themen einzugehen.

Wäre es nicht angebracht, auch aufzuzeigen, woher Menschen ohne Religion ihre Werte beziehen und welche das sind?

Franziska Illi, 8003 Zürich

Das wird berücksichtigt, ist aber nicht zentral. Denn der Auftrag der Zürcher Kantonsregierung lautete, über die Weltreligionen aufzuklären.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 3
16. Januar 2012

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4 Kommentare

Lars Habermann

Geschrieben am
18. Januar 2012

Unsere Gesellschaft ist säkular und distanziert sich zunehmend von Religion. Das neue Fach „Religion und Kultur“ aber konfrontiert alle Schulkinder einseitig und ausschliesslich mit religiösen Weltanschauungen. Ein Schulfach, das tatsächlich zum Verständnis unterschiedlicher, aber gleichwertiger Weltanschauungen beitragen will, muss auch alle grossen in der Schweiz existierenden Weltanschauungen gleichwertig vermitteln. Dazu gehört neben religiösen auch die säkulare Weltanschauung, mit ihrer säkularen Ethik, ihren säkularen Werten, ihrer säkularen Sprache, ihren säkularen Festen, ihren Symbolen usw., das ganze Programm, womit sich die säkulare Gesellschaft gut und gerne identifiziert, gleichwertig mit Weltreligionen, darstellt.
Wo kommen wir denn da hin, wenn das Selbstverständnis und die Identität der säkularen Gesellschaft in der Schule ausgeklammert wird zugunsten einseitiger und dazu idealisierter Darstellung der Eigenheiten religiöser Gemeinschaften. Umgekehrt würden sich religiöse Gemeinschaften zu Recht wehren, wenn einseitig säkulare Weltanschauungen vermittelt würden. Jede einseitige Themendarstellung unter bewusster Auslassung wichtiger dazugehöriger Teile stellt eine gesamtgesellschaftlich schädigende Indoktrination dar. Das gehört korrigiert, bevor es angefangen hat.
Der weltanschauliche Frieden dürfte einer säkularen Regierung eines zur religiösen Neutralität verpflichteten Landes wichtig genug sein, dass sie die Integration der säkularen Weltanschauung in das Lehrmittel in Auftrag gibt, andernfalls müssen sich fairerweise Kinder mit säkularer Weltanschauung vom Unterricht abmelden dürfen.

Joe M. [Gast]

Geschrieben am
17. Januar 2012

Religionsunterricht in der Schule, ob katholisch oder evangelisch, vielleicht inzwischen auch schon muslimisch, war bis anhin selbstverständlich kein Religionsunterricht. Das war ein Unterricht in katholischer oder evangelischer Glaubensprägung, Glaubenskunde oder so irgendwas. Was Religion ist, wurde den Kindern einmal so nicht beigebracht. Wenn in den Schulen von Religion geredet wurde, dann meinte man monotheistische Offenbarungsreligion, weil das halt unsere Tradition ist. Und es gab die Tendenz, so zu tun, als ob alles andere eh nicht der Rede wert ist.

Diese monotheistischen Offenbarungsreligionen wurden sogar noch bis Ende der 60iger Jahre (als ich zur Schule ging) als Hochreligionen bezeichnet, als ob alles anderer sozusagen niedere Religionen wären und es wurde immer wieder so getan, als ob die ganze Welt dazu gehört und alles andere vernachlässigbar wäre.

Ich habe erst später als Erwachsener gelernt, dass dies statistisch nicht stimmt. Es gibt fast eine Milliarde Leute in Indien, es gibt ein riesiges Chinesisches Reich, es gibt Japan - die alle ganz bestimmt nicht katholisch sind sondern ganz andere, faszinierende Religionen haben, die teilweise sogar ganz ohne Gott auskommen - wie ich auf meinen späteren Reisen durch Asien erfahren konnte.

Die Menschen auf unserer Erde verwenden also ganz unterschiedliche "Systeme" um ihre Innen- und Aussenwelt zu managen und daher freut es mich, dass der überholte "Religionsunterricht" durch das Fach "Religion und Kultur" abgelöst wird und hoffe, dass dies ein Schritt in Richtung Werte- und Ethikunterricht ist.

 

Andreas Kyriacou [Gast]

Geschrieben am
18. Januar 2012

Es geht den missionarischen Eiferern, die man hier leider unkontrolliert hat wirken lassen, nicht um einen neutralen Werteunterricht - im Gegenteil: weltliche Sichtweisen werden ausgeblendet, besonders auf der Primarstufe wird Kindern ohne Religion suggeriert, dass ihnen etwas fehle.

Die Mängel sind seit langem bekannt, die grundsätzlichen wie die organisatorischen. Eine Evaluation hatte gezeigt, dass die Hälfte der Lehrpersonen mitunter «teaching in religion» betreiben als in althergebrachten Konfessionsunterricht zurückfallen statt dass sie neutrale Religionskunde betreiben.

Das Team unter Oetkers will aber unbedingt Kindern weismachen, dass Religion für sie ganz persönlich von Bedeutung sei, deshalb haben sie sich weder an die Vorbilder aus Deutschland gehalten noch sich von den viel weniger heiklen Ansätzen aus der Innerschweiz und Graubünden beeinflussen lassen.

Maria Wegmann [Gast]

Geschrieben am
16. Januar 2012

In Berlin gibt es seit Jahren einen Werte- und Ethik-Unterricht. In Diskussionen und anhand von Rollenspielen wird erarbeitet, in welcher Art von Gesellschaft man leben will, und was jedeR einzelne dazu beitragen kann. Es geht darum, gemeinsam über universale Werte nachzudenken, und Respekt für den anderen (auch Andersdenkenden!) zu entwickeln.

Der Inhalt des Ethik-Unterrichts ist unabhängig von Religionen und nicht-religiösen Weltanschauungen - dadurch wird eine Ethik erarbeitet, welche für alle verbindlich ist. Im Religionsunterricht hingegen wird eine Ethik vermittelt, welche nur für einen Gläubigen Sinn macht, und es kommt zu einer Ausgrenzung Andersdenkender.

In meinen Augen ist der Auftrag der Zürcher Kantonsregierung fragwürdig. Natürlich sollte Allgemeinwissen vermittelt werden (auch über Religionen, und zwar auch über deren Schattenseiten), aber eben auch Werte, und diese ganz unabhängig von Ideologien.

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